„Frühlingsstürme“ unter Hollywoodschaukeln im Theater Münster – eine deutsche Erstaufführung

hollywoodschaukel

von Jürgen Lemke

Münster goes Hollywood? Südstaaten-Feeling im Herzen Westfalens? Mississippi-Delta-Blues? Im „Theater Münster“ hat sich seit dem Intendantenwechsel im letzten Jahr nicht nur der Name geändert. Ein frischer Wind weht von neuer Bühne in die Stadt. Jetzt wird er zum Sturm. Ein hochmotiviertes Ensemble mit toller Spielfreude begeistert das Münsteraner Publikum. Der hierfür verantwortliche Schauspieldirektor dreht unverdrossen weiter am Rad, selbst wenn es ihn kurzzeitig abgeworfen hat. Frank Behnke, der „Jürgen Klopp“ des Theater Münster, hat es mit seinem jungen Ensemble geschafft, in kürzester Zeit eine oft eher angestaubte Schauspiel-Vergangenheit der Städtischen Bühnen vergessen zu machen.

Mit Pioniergeist, Weitblick und Mut wagt er sich nun an ein eher nicht ganz so vollkommenes Stück eines ganz Großen weil er darin die Trüffel wittert. Im „Royal National Theatre“ in London bei der britischen Erstaufführung 2010 ist er fündig geworden: „Frühlingsstürme“. Die haben ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Engagiert, ehrgeizig und profund bearbeitet er daraufhin dieses verschollene Frühwerk des weltberühmten Autors Tennessee Williams für eine deutsche Erstaufführung. Das Stück ist nie zu Lebzeiten des Autors zur Aufführung gekommen und deshalb auch noch nicht ganz „bühnenreif“. Behnke muss mit den Rechteinhabern um die Streichung von Textpassagen und Nebenrollen kämpfen, damit es spielbar wird. Er weiß, dass in diesem „Jugendwerk“ gleichsam die wertvolle Grundmatrix vieler berühmter Stücke von Tennesse Williams angelegt ist. Diesen ungeschliffenen Edelstein galt es für’s Theater zu bergen und in deutscher Erstaufführung zu präsentieren.

Williams hatte „Spring Storm“ im Jahre 1937 während seines Studiums geschrieben. Als er das Stück in seiner Ausbildungs-Klasse für Bühnenautoren vorstellte, bekam er keine guten Rückmeldungen. Er schrieb dazu damals: „Habe die letzte Version meines zweiten Aktes vorgelesen, und es wurde letztlich ganz, ganz am Ende von der Klasse wegen der Schwäche des Charakters „Heavenly“ abgelehnt. Sicherlich ist es sehr ärgerlich und entmutigend an einer Sache zu arbeiten und sie dann fallen zu lassen. Aber es gibt noch eine Chance, dass sie falsch liegen – alle – ich muss mich an diese Chance klammern… “ (s. engl. Wikipedia  – freie Übersetzung des Autors) Es gab wohl auch die Idee dieses Stück „April is the cruellest month…“ nach der ersten Zeile von T. S. Eliots Epochenwerk „The Waste Land“ zu benennen. Dies deutet die Dimensionen an, in denen Williams sich damals schon mit diesem Stück bewegt.

„Frühlingsstürme“ spielt an auf  jene üble Jahreszeit mit Gewitter, Donner und Stürmen, die zugleich Sinnbild sein kann für eine Gesellschaft während der „Großen Depression“. In den hier gezeichneten Charakteren spiegeln sich grundlegende Haltungen von gut situierten weißen Einwohnern der Südstaaten-Kleinstadt Port Tyler am Mississippi Delta im krisengeschüttelten Amerika der 30er Jahre.

Über der Bühne des Kleinen Hauses schweben große Hollywoodschaukeln (David Hohmann), bespannt mit dreissiger Jahre Stoffen, in denen maskierte Frauen in Kleidern marionettenhaft posen. Männer und Frauen wirken wie ausgestellt mit ihren Masken, ohne erkennbare Persönlichkeit. Alle scheinen eher äußerlich bewegt durch den Wind eines großen Ventilators. Das gibt die Anmutung einer gemachten Lebendigkeit, wie auf einem gestellten Gruppenfoto. Ein seltsam erstarrtes Bild baut sich am Bühnenrand auf. Stereotypen, Klischees von Mann und Frau künstlich aufgebläht, ja angeblasen, wie das bekannte Liebespaar am Bug der als unsinkbar geltenden Titanic kurz vor der Katastrophe? Hier wird von hinten ventiliert. Untergründig befördert ein allmählich an- und abschwellender Sound (Kai Niggemann), wie ein Störsender eine unwirklich bedrohliche Stimmung, die später immer wieder von Blitz und Donner begleitet wird. Charaktere gleiten vorbei, bleiben noch nicht haften. Berühren am Anfang nicht wirklich.

Allmählich werden die unterschiedlichen Typen deutlicher: Dick Miles (Maximilian Scheidt), ein hemdsärmelig zupackender, jugendlich romantischer und zugleich erdiger Pioniertyp geht nach vorn, will aufbrechen aus erstarrten Strukturen und zu neuen Ufern vorstoßen. Arthur Shannon (Florian Steffens) im weißen Anzug, wirkt steif, linkisch verklemmt, schüchtern und weltfern aber führt intellektuell belesen ein großes Wort… und er hat als Plantagenerbe Geld. Heavenly Critchfield (Maike Jüttendonk), die nicht nur „himmlische“, lebenshungrig quirlige, unberechenbar launische Kindfrau, tanzt hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Männern. Hertha Nielson (Lilly Gropper) lebt wie Arthur eher in ihren Büchern und träumt von ihrer unerfüllten Liebe zu ihm.

Mutter Esmeralda Critchfield (Carola von Seckendorff) und Tante Lila (Regine Andratschke) erscheinen wie Prototypen jener schrill hysterischen und gleichzeitig hochmoralischen amerikanischen Mütter mit ewig eingemeißeltem Grinsen und betonierter Dauerwelle. Immer bereit an ihren Kindern solange zu drehen und zu schrauben bis es für sie passt. Sie versuchen ständig moralisch oder erziehend helfend einzuwirken und in ihrem Sinn zu kuppeln. Mutter will natürlich den smarten Arthur, ein Mann mit Geld, als ihren Schwiegersohn und treibt damit die opponierende Heavenly in die Arme von Dick. Ein richtiger Kerl, an den Frau sich anlehnen kann. Und zudem kann er gut küssen. Es scheint, als habe Dick mit seiner Männlichkeit Heavenly so gut wie sicher. Oder etwa nicht? Nein – die Beziehung ist wohl doch nicht so fest. Denn dieser Typ Mann mit seinen romantischen Traumvorstellungen vom Leben auf schwankendem Hausboot im Fluss nur mit den Sternen über sich ist für Heavenly doch schließlich zu unsicher. Es schaukelt mächtig auf dem Beziehungsboot.

„Frühlingsstürme“ wirkt in der Inszenierung zweigeteilt: Eine eher nüchterne Phase vor der Pause und eine betrunkene Phase danach. So, als begänne der Beziehungs-Showdown schließlich mit einer schrillen „Partytime“. SpringBreak, Komasaufen und hemmungsloser Sex, wie heutzutage von Amerikas Jugend praktiziert, wäre übertrieben für die 30er? Dennoch – die Darsteller erscheinen nach der Pause aufgehübscht, schräg und grell angezogen. Nur Arthur trägt schwarz. Alle bereit für einen Exzess unter glitzernder Diskokugel? Alkohol als Bowle wird eifrig ausgeschenkt. Akzeptiertes Triebmittel für ein Handeln ohne Moral zwischen verwirrten Geschlechtern. Ein gesellschaftliches Ritual in Gemeinschaft beginnt. Maitanz? Beltane? Es ist doch kulturübergreifend seit ewigen Zeiten immer schon so. Ende April. Man trinkt und tanzt. Enthemmt sich. Überschreitet Grenzen. Und dann geht’s ab in die Büsche…?

Arthur betrinkt sich zum ersten Mal in seinem Leben. Als wäre nun auch als Spätpubertierender seine Initiation, seine Mannwerdung, gekommen. Er genießt es, dass seine Hemmungen endlich fallen, seine Männlichkeit anschwillt. Sein „Dick“ steigt ihm mächtig zu Kopf. Er bekommt dann auch noch einmal, wie immer schon seit Kindertagen vom leibhaftigen Dick ganz jungmännchenmäßig etwas aufs Maul. Same as it ever was. Und wird gegenüber beiden Frauen übergriffig. Beide Male scheitern. Heavenly weist ihn zurück wegen dem leibhaftigen Dick. Und… dann ist eben Hertha dran, einfach weil sie Frau ist und deshalb ja auch zur Liebe taugt für seine männlich triebhaften Angriffe. Aber die ist leider in ihn verliebt. Als sie ihn schließlich trotz seiner massiven Übergriffe will, widert es ihn geradezu an. Vielleicht so extrem weil sein „Dick“ eigentlich doch nicht in Frau will? Er weist sie jedenfalls überhart zurück und beleidigt sie dabei so tief, dass diese massive Verletzung ihrer Gefühle eine unbeabsichtigte finale Wirkung zeigt: Hertha wirft sich vor den Zug. Dieses „erdige Frühlingsopfer“ bringt Moral zurück? Wieder in Kontakt mit Heavenly erfolgt nach der Todesnachricht abrupt Arthurs ernüchtertes Erwachen aus alkoholisierten Männlichkeitsträumen. Arthur fühlt sich schuldig an Herthas Selbstmord. Seine Moral verhindert schließlich ein himmlisches „Happy End“ als Heavenly doch wieder mit ihm will.

„Frühlingstürme“ zeigt höchst instabile, unreife zu ihrem Handeln getriebene identitätssuchende Menschen in stetem „Hin- und Her“ und „Auf und Ab“. Leben nach dem Prinzip Hollywood-Schaukel? Immer in der Hoffnung eines synchronen Schaukelns zu zweit. Mit Mann oder mit Frau? Für Frau der Traum vom abgesicherten Dasein in den Armen des Mannes? Für Arthur vielleicht doch eher mit Mann? Für Dick bedeutet Traum, auf einem schaukelnden Schiff mitten auf dem großen Fluss unter den Sternen zu leben zusammen mit einer geliebten Frau. Doch die will leider nicht. Es ist schier zum Verzweifeln. Alle scheinen naiv zur Schaukel zu streben. Zum Ausgleich, zu einer scheinbaren Harmonie. Und alle fühlen sich irgendwie verschaukelt. Nichts ist wirklich sicher. Immer wieder gibt einer vor, das Beste für den anderen und sich selbst zu wollen. Besonders natürlich selbstlose Mütter und Tanten. Die alles nur für die Kinder tun. Eigentlich sind sie die Schlimmsten weil sie aufgehört haben, selbst zu leben. Aber alles tun, um andere in ihrem Sinne zu manipulieren. Hey Mann greif zu! Frauen wollen das! Hollywood-Schaukel, ein Himmel auf Erden? Wo die Fallhöhe beim Absturz nicht wirklich gefährlich werden kann? Hertha ist abgestürzt… Und… der schlimmste Alptraum für eine Heavenly ist es, als alte Jungfrau allein in einer Schaukel auf der Terrasse am Fluss sitzen zu bleiben? Und so denken wahrscheinlich die meisten Frauen? Und die Männer? Mississippi Delta Blues!

http://www.theater-muenster.com/produktionen/fruehlingsstuerme.html/ID_Vorstellung=263&m=64

„Frühlingsstürme“ von Tennessee Williams, Theater Münster
Deutsche Erstaufführung am 22.02.2013

Inszenierung:Frank Behnke
Bühne & Kostüme: David Hohmann
Musik: Kai Niggemann
Dramaturgie: Friederike Engel
Besetzung
Heavenly Critchfield: Maike Jüttendonk
Dick Miles: Maximilian Scheidt
Hertha Nielson: Lilly Gropper
Arthur Shannon: Florian Steffens
Esmeralda Critchfield: Carola von Seckendorff
Lila Critchfield: Regine Andratschke
Oliver Critchfield / Reverend Hooker / Kellner: Hartmut Lange
Agnes Peabody / Berdie Slagman: Claudia Hübschmann

„Fundament“ von Jan Neumann, Städtische Bühnen, Münster

Jürgen Lemke

„Huppsala“, das bürgerliche theatrale „Fundament“ in Münster droht zu wackeln. Aber nur ganz leicht. Angesichts einer Katastrophe. Keine Angst. Eines bleibt sicher in dieser Stadt. Bei den Städtischen Bühnen Münster wird auch weiterhin mit aller Kraft am Fundament festgehalten: Ein Schauspieler darf nicht aus der Rolle fallen.

Grundsätzlich fragt das zeit- und gesellschaftskritische Theaterstück „Fundament“: Was macht heute eigentlich noch Sinn? Woran können wir glauben, angesichts all dieser unfassbaren Katastrophen in der Welt? Was können wir selbst tun? Ist unsere Einstellung zur Welt in Ordnung? Können wir Haltung verändern? Welche Rolle spielen wir im Leben?

Wir schauen an diesem Abend in eine blaue Bühnenkulisse, die aussieht wie ein Münsterländisches Wolkenkuckucksheim, das gerade renoviert wird. Oben schön, am Boden chaotisch. Malen wir uns eine schöne Kulisse? Aus Himmelblau mit weißen Schäfchenwolken? Wir malen uns in Münster die Welt so richtig schön. So sieht es aus. Für die Schauspieler sind als Malort für das Eigene weiße Flecken im Blau ausgespart. Hier und bitte nur hier dürfen sie blau malen. Aber bitte nicht kleckern. Das Fundament ist mit Folie geschützt. Trotzdem. Viele Eimer mit blauer Farbe. Dicke Pinsel. Alles auf der Bühne scheint einzuladen zur einem großen impulsiven Action-Painting. Doch es bleibt verhalten. Vorsichtig. Zaghaft. Niemand schwingt den großen Pinsel. Klatscht Farbe an die Wand. Es dominiert überwiegend der Eindruck von, wie ausgestellt agierenden Schauspielern, die zumeist zaghaft Pinselstriche oder Verklebungen am Bühnenbild versuchen und prosaisch ihren umfangreichen Text aufsagen. Dieses etwas langatmige zäh dahin erzählte Bild beherrscht das Episoden-Stück, darüber können auch keine witzig provokativen Anal-Druck-Körperanimations-Übungen, eine esoterische Therapie-Beichte oder einige weitere intensiv vorgetragenen Monologe hinwegtäuschen.

Wir erleben fünf Darsteller angesichts einer Katastrophe, einem Sprengstoffanschlag im Stuttgarter Hauptbahnhof, miteinander episodenhaft im Rückblick verknüpft. Einen Frührentner, der in einem Zugabteil über seine erfolglose Sinnsuche monologisiert. Eine junge Frau, die an einem esoterischen Malkurs per Beichte ihre Eheproblem-Blockaden lösen will, einen Werbemanger, ein etwas hohler Gutmensch, der schließlich von einer Explosion zerfetzt wird. Eine weitere Frau, die bei ihrem eigenen Tod genauso wenig in der Lage ist zu empfinden, wie bei dem Tod ihres Vaters und einen Studenten, der nicht weiß, wofür oder wogegen er demonstrieren soll. Nach etwas mehr als zwei Stunden – 40 Minuten länger als die Inszenierung des Stückautors Neumann – meist zäh erzählter Aufführung, rebelliert dann allmählich der eigene Hintern, der weg will vom harten Stuhl. Auch wenn ich kurzeitig aufgerüttelt werde, vom wortreichen Ausbruch des Studenten Benjamin Ullrich: „Die größte Scheiße ist, dass ich nicht weiß, gegen welche Scheiße ich jetzt was machen kann…! Nachdem er seinen WG-GenossInnen gleichsam minutenlang die Büchse der Pandorra, gefüllt mit allen Übeln dieser Welt, vom Verschwinden der Arten über die Atombombe bis hin zur Todesstrafe um die Ohren gehauen hat. Unterhaltsam und witzig ist sicherlich auch die Beichte einer jungen Frau über ihre gescheiterte Ehe bei einer Maltherapie: „Blockaden lösen durch Malen auf Stoff“. Die allerdings mit sämtlichen Klischees einer unseriösen esotherisch angehauchten Therapie untermalt wird.

Was bleibt als Resümee? Glaube, Sinn und Hoffnung im Kapitalismus, alles verloren? Was kann uns heute noch erschüttern und wachrütteln? Nur ein zerstörendes Sprengstoff-Attentat? Abhalten von einer ständigen Suche nach der Blauen Blume? Ohne Romantik? Alles hohle Phrasendrescherei? Das Transparent für die Demo gegen Alles bleibt jedenfalls am Ende leer. Der passende Spruch gegen das Elend dieser Welt will sich einfach nicht finden lassen. So schütten wir uns dann am Ende blaue Farbe über den Kopf und warten auf ein exzessives Trommeln der Blue Man Group…?

Fundamentale Erkenntnisse aus diesem Theater ergeben sich an diesem Abend – eher unbeabsichtigt – zwischen den Zeilen. Durch „reale“ Ausrutscher, geschuldet den Unbillen einer widerspenstigen Materie. Dem wirklichen Blau. Dann nämlich, wenn die Schauspieler drohen, auf der Farbe rutschend aus ihrer Rolle zu gleiten. „Huppsala“ sagen einige Schauspieler peinlich berührt vor lauter Schreck, wenn sie in der verkleckerten blauen Farbe schlittern und ganz unverhofft aus dem Tritt geraten. Als wirke jetzt unmittelbar ein reales Schreckgefühl. Plötzlich und unkalkuliert passiert etwas Unerwartetes. Endlich Irritation? Lebendigkeit. An diesen Stolper- Stellen könnte hier und jetzt wirklich eine Katastrophe geschehen. Eine winzige Grenzerfahrung. Spannend und erkenntnisreich für alle. Nicht erkannt. Darf nicht sein! Himmel hilf! Ein Schauspieler droht zu stürzen und schlägt einfach lang hin! Fällt damit aus der Rolle. Liegt möglicherweise am Boden. Bleibt vielleicht sogar liegen. Von einem Gefühl, einer wirklichen Erfahrung, überwältigt. In Schreckstarre. Oder weil er vielleicht sogar auf den Kopf gefallen ist. Sich nun den Schädel am Fundament gestoßen hat. Ganz unabsichtlich. Wie peinlich! Soetwas darf nicht passieren! In Münster bei den Städtischen Bühnen. Beim Zuschauer kommt an: „Huppsala, das wäre jetzt schrecklich peinlich!“ Dieses bürgerschrecklich irgendwie verklemmte Unwort „Huppsala“, entschuldigt schon im Vorfeld den möglichen Ausrutscher. „Huppsala, dann wäre es doch nicht ganz so schlimm…! „Huppsala“, jetzt kennen wir dich, du blauer Feind. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Nein. Die bürgerliche Sturz- und Schlittergefahr bleibt. Da kann passieren was will. „Huppsala“! Liegt hier eigentlich immer noch ein fundamentaler Unterschied in der Theaterauffassung einer „Freien Theaterszene“ und den Städtischen Bühnen? Oder hören wir dieses Wort demnächst auch im Theater im Pumpenhaus oder bei Theater Titanick?

„Ich habe keine Angst!… Nein, ich habe keine Angst…“, beteuert die junge Frau vehement bei ihrer Therapiebeichte. „Doch, alle Menschen haben Angst…“, sagt der Mal-Therapeut.  Da ist es ja endlich, ein „Huppsala“ als wirklicher Gefühlsausdruck eines Schauspielers, der Angst hat zu fallen. Kennzeichen für einen möglichen peinlichen Vorfall auf der Bühne. Der Schauspieler verliert seine Haltung. Die Rolle, als Schutz-Larve, der wirklichen Persona löst sich auf. Na endlich…? Im Grunde zeigt sich im Umgang mit „Fundament“, unter der Regie von Eva Lange, eine eher bürgerliche Auffassung von Theater. Eine irgendwie verklemmt piefige Haltung, die mich oft schon in der Pause aus vielen Theaterstücken des Münsteraner Schauspiels aus den Bühnen getrieben hat. Sie zeigt sich in dem Vorab-Entschuldigen eines möglichen Ausrutschers oder Fehltritts. In der Auffassung, man dürfe auf der Bühne nicht ausrutschen! Den Boden, das Fundament, die Fassung verlieren, geschweige denn aus der Rolle fallen. Gerade ein „bewusster“ existenzieller Grenzgang, der das Risiko eines Scheiterns eingeht, könnte wirklich zu neuen, vielleicht auch fundamentalen Erkenntnissen führen. Den ist der Autor und Regisseur Jan Neumann damals bei der Entwicklung dieses Stücks in Stuttgart mit seinen Schauspielern gegangen. In Münster scheint man nicht verstanden zu haben, was Schauspielertheater bedeutet? Als gelte fundamental ein Gebot von Zurück-Haltung und Zwanghaftigkeit? Mit großem Pinsel wird klein gemalt? Nicht der großzügige exzessive Schwung des Pinsels, die sich befreiende Geste und eine explodierende Farbe sind zu sehen. Als gäbe es hinter dem Bühnenbild ein rotes Warnschild: „Achtung, liebe Schauspieler! Bitte Vorsicht beim Malen mit blauer Farbe. Unser Bühnenbild soll auch noch bei einer Wiederaufnahme möglichst ohne Flecken bleiben! Passt bitte auf. Das wirkliche Blau ist rutschig. Ihr geht auf dem Fundament eigenes Risiko. Wir haben dafür keine Versicherung. Bewahre stets Haltung auf der Bühne. Das ist hier erste Bürgerpflicht. „Der Bühnenschutz“  Wir selbst sind Katastrophe?

Münster. 25.06.2011

http://www5.stadt-muenster.de/theater/detail.cfm?id=Fundament&v_link=spielzeit

„Meinstream“ von Susanne Linke, Städtische Bühnen, Münster

Jürgen Lemke

Nicht „Mainstream“ sondern „Meinstream“. Nicht den Hauptstrom, dem die Massen folgen sondern ihren individuellen Bilderfluss, ihre Auffassung von Tanz, inszeniert die Choreographin Susanne Linke. Ein letztes Ausrufezeichen für eine besondere Tanztheater-Auffassung in den Städtischen Bühnen Münster. Ihr persönliches Abschiedsgeschenk an den nun scheidenden Tanztheaterleiter Daniel Goldin?

Das Kleine Haus der Städtischen Bühnen Münster ist in der Mitte geteilt von einem antik anmutenden PVC-Tanzteppich in Steinoptik. Rechts und links, wie bei einer Modenschau, hier allerdings am ebenerdigen Laufsteg, sitzen dicht aufgereiht die Zuschauer. Auf diesem biederen Pflaster, das eher „kleine Welt“ bedeuten könnte, entfaltet Susanne Linke eine eigenartig bizarre und irritierende „Tanz-Show“. Zum Berühren nah und zugleich auch unnahbar distanziert, schreiten in überheblichen Posen immer wieder innehaltend, opulent geschmückte, narzisstisch barocke – männliche, weibliche – androgyne Eitelkeiten. Begegnen cool zurechtzupfenden Eingriffen eines schulmeisterlich wirkenden Garderoben-Meisters an ihrer eher schon objekthaften Kleidung, der den Dress-Code für die Tänzer zu definieren scheint. Es eröffnen sich vielfältige Assoziationsfelder für eine Wahrnehmung innerer und äußerer Bewegungen und Haltungen: Stolzieren. Schreiten. Präsentieren. Vorführen. Posieren. Zurschaustellen. Dressieren. Zurichten. Entkleiden. Provozieren. Brüskieren? Erleben wir hier Dress- oder eher Dressurakte? Eingriffe in persönliche identitätsstiftende Erscheinungsformen? Intime An- und Auskleiderituale? Kleider machen Leute? Geht es um schöne Verpackungen? Um ästhetische Oberflächengestaltungen? Anlassbedingt wechselndes Drüber und Drunter? Vexierspiele zwischen Außen und Innen? Sichtbaren Ausdruck von Veränderung äußerer oder innerer Wandlungen? Gender Mainstreaming? Anerkennung von Unterschiedlichkeit? Hinwendung zu Gleichartigem? Mann wandelt sich zur Frau? Androgyne Grundhaltungen?

„Meinstream“ arbeitet offenbar grundlegend an diesen Erscheinungen über eine phänomenologische Auseinandersetzung mit den Themen Individuum und Masse, inszeniert mit künstlerischen Mitteln, die vom Ausdruckstanz einer Mary Wigman bis zum inzwischen schon eher „klassischen“ Tanztheater reichen. Wir erleben eine tänzerzentrierte choreografische Arbeit mit präzis gesetzten szenischen Elementen auf der Grundlage einer experimentellen analytischen Bewegungs- und Körperarbeit. Im Gegensatz zu Pina Bausch, die eher mit biografisch generierten Texten der Tänzer gearbeitet hat, setzt Linke Wortfragmente des russischen Dichters Daniil Charms sowie Klänge gezielt mit ein. Susanne Linke stellt in ihrem Stück gleichsam soziographisch Grundfragen an Verhaltensweisen von Individuum und Gruppe, die sie ästhetisch bildhaft und rhythmisch in individuelle und gemeinsame Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer umsetzt. Schwimme ich als Individuum mit im Schwarm oder breche ich aus? Synchronisiere ich mich besser als Einzelner mit Anderen? Passe ich mich an oder wage ich eigenes? Wie zeigt sich Persönlichkeit? In meiner Haltung, in meinen Bewegungen, in meinem Outfit? Wie bewege ich mich allein, wie in einer Gruppe? Wie unterscheide ich mich von anderen? Durch meinen Namen, meine individuelle Haltung, Mimik, Geste, Pose? Anhand meiner Kleidung? Wie werde ich Teil einer Gemeinschaft? Erzogen, ausgerichtet, abgerichtet, genormt, ja vielleicht auch dressiert? Angepasst an Verhaltens-Normen von Gesellschaft? In Haltung und Kleidung? In Bewegung und Verhalten. Ausgangspunkt für die Tänzer war unter anderem die Aufgabe, den eigenen Namen mit den Mitteln des Tanzes darzustellen und auszudrücken. Kann der ehemals „formal zugewiesene Name“ zum Stifter von Identität werden?

In der Choreografie wirken die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer eher abstrakt, formal, seltsam übernatürlich, ja unpersönlich. Als seien Gesten von ihrer emotionalen persönlichen Füllung befreit. Wir erleben keine emotionale Gesten wohl aber eine Verallgemeinerung, eine Abstraktion, eine Art Anonymisierung in den Bewegungen. Wie entstehen individuelle Bewegungsmuster und Ausdrucksformen? Die allerdings eher an die nach Außen hin darstellbare abstrakte Form gebunden scheinen. Nicht an Gefühlen, an Emotion. Wie sind Bewegungsmuster, an formaler Identität, an spezifische Bewegungen geknüpft? Es geht offenbar nicht um persönliche, um emotional begründete Gesten als Ausdruck für eine innere Bewegung. Es geht eher um ihre Abstraktion, um eine innere Distanzierung, wie um etwas wegzulassen, das überflüssig scheint, um zu einer Klarheit zu gelangen. Auf dem Laufsteg zeigen sich diese Phänomene in immer wieder wechselnden Bildern. Tänzer, die sich einzeln bewegen.Tänzergruppen, die gemeinsam, synchron tanzen. Gleichklänge herstellen im gemeinsamen Rhythmus. Einzelne Tänzer lösen sich wieder daraus in eigener Bewegung. Die Zuschauer erleben ein sich ständig wandelndes fluktuierendes bewegtes Spannungsfeld immer wieder neuer Konstellierungen. Wort und Klangfetzen eröffnen hierzu weitere Assoziationsfelder. Es scheint, als gehe es in der Inszenierung um den Moment, um den intensiven Augenblick, um ein sich darauf einlassen. Um Grundfragen. Anpassen oder Eigenes wagen? Drin sein oder draußen? In und Out? Gemeinschaftliches Handeln und bewegen erzeugt stärkere Bilder, eindringlichere  energetische Muster nach außen. Der Einzelne wird weniger wichtig. Wie wirkt ein anderes Empfinden im Gleichtakt, in Resonanz mit anderen? Aufeinander reagieren, miteinander schwingen… allein und zusammen?

Diese Flut bewegender Bilder will sich nicht unmittelbar einem Münsteraner Mainstream-Publikum erschließen, das vielleicht eher gewohnt ist, eine eindeutige Erzählstruktur in der Aufführung zu erkennen,  um ihr folgen zu können. Die Suche nach dem roten Faden, muss sich hier entlang eigener Assoziationen an vermeintlich offenen Strukturen entwickeln, die choreographisch allerdings exakt und analytisch klar gesetzt sind. Es geht hier für die Zuschauer in Münster eher darum, sich auf eine ungewohnte Tanzsprache einzulassen. Sich von einem rhythmischen Strom klar gesetzter fremdartiger Bilder faszinieren und berühren zu lassen, ohne sofort verstehen zu wollen. Hier treffen experimentelle, bewusst irritierende Ansätze zeitgenössischen Tanztheaters auf vielleicht auch traditionelle Erwartungshaltungen und Seherfahrungen von Zuschauern. „Meinstream“ kann man nicht verstehen ohne sich intuitiv auf einen ungewohnten fremden Bild,- Wort, und Klangfluss einzulassen, der sich nicht unmittelbar in seiner Bedeutung erschließt. Wer den roten Faden nach Art einer Erzählung sucht, wird hier Probleme haben zu folgen. Wer sich jedoch auf ungewöhnliche Bilder und eigene Assoziationen einlassen kann, wird fasziniert und überrascht, durch immer wieder neue Sehereignisse und durch wunderbare Vielfalt.

„Meinstream“ ist ein besonderer Tanzabend, eine Reminiszenz an ein inzwischen „klassisch“ gewordenes Tanztheater, das in den Städtischen Bühnen Münster unter dem neuen Tanzchef aus dem Münchener Gärtnertheater in dieser Form wohl eher nicht mehr zu erleben sein wird. Tanztheater, dann verstanden als eine Querschnittsaufgabe im Theater Münster, auch als eine Art Dienstleistung für Musical und Operette, lässt kein eigenständiges Profil erwarten. Zu befürchten steht, wie in München schon praktiziert, ein Tanzen eher im „Klein-Gärtner“ Stil? Mit einer ballettorientierten Auffassung und Ästhetik, die in ihrer gekünstelten farbschreienden auch verklemmten Retrohaltung eher in den 50er und 60er Jahren zu verorten sein wird? Rückwärtsgewandt bis hin zu absolutistischen Hofkünsteleien? Wird sich folglich „Spitze“ im zukünftigen Tanzbereich eher über altbekanntes Leiden definieren? Für Zuschauer und Akteure auf eigene Art? Um sich mit barocker splendider Leichtigkeit aus irdischer Schwere gen Himmel zu erheben, muss ein zarter Mädchenfuß nach althergebrachter höfischer Art von klein auf recht fest eingeschnürt werden. Weibliche Natur wird so lange Zeit klein-mädchenhaft gehalten, angepasst und zu „leichter schwereloser Bewegung“ gezwungen. Ohne Drill, Schmerz und Dressur kommt man eben nicht nach oben in den Himmel? Ach, wie erschreckend „herrlich“ diese Aussicht, wieder wie in alten Zeiten, im städtischen Theater als moralischer Zuchtanstalt, beobachten zu können, wie schön abgemagerte Mädels mit Dutt sich beherrschen können und ohne eine Mine zu verziehen in „Hupfdohlen“ Manier leicht und schwerelos im Tütü über die Bühne trippeln? Dem Himmel ganz nah? Welch zweifelhafter ästhetischer Genuss aus absolutistischen Zeiten auf bürgerlicher Bühne. Ballett und Bulimie? Um Gottes Willen. Münster steht auf Spitze. Lassen wir also bald die Puppen wieder richtig tanzen! Wenn ich daran denke, tut es jetzt schon weh.

Münster. 30.1.2012

http://www5.stadt-muenster.de/theater/detail.cfm?id=SusanneLinke&v_link=spielzeit

http://www.wn.de/Fotostrecken/Lokales/Muenster/Meinstream-im-Kleinen-Haus