»Logo-Piene!« Kunst verkommt zum Markenzeichen am »Skulptur Projekte Basislager« LWL-Museum

von Jürgen Lemke

Noch 1 Jahr bis zur Eröffnung! Welche konkreten Auswirkungen haben die Themen der Skulptur Projekte 2017 »Digitalisierung und Ökonomisierung« auf die Kunst im Öffentlichen Raum Münster’s? Wie konnte es dazu kommen, dass es schon vor Beginn, ausgerechnet am LWL-Museum mit dem LWL-Markenzeichen Piene hierfür ein leuchtfeuerndes Beispiel gibt, das aber in der LWL-Skulptur Projekte-Pressekommunikation im Dunkeln bleibt. Warum geht man nicht offensiv mit aktuell brennenden Fragen um, wenn doch eigentlich das Prinzip »Offen« gelten soll, das sich der LWL-Landschaftsverband Westfalen-Lippe auf seine Fahne geschrieben hat? Das Kunst-Publikum in Münster wartet immer noch auf Antworten.

Die Skulptur Projekte stellen sich alle zehn Jahre der Aufgabe zu untersuchen, was sich in Münster hinsichtlich Kunst und Öffentlichkeit gewandelt hat. Da müsste es eigentlich mehr als selbstverständlich sein, auch die Kunst-Entwicklungen an der LWL-Fassade, am Basislager der Skulptur Projekte, in den Blick zu nehmen und öffentlich zu thematisieren. Das Thema ist hochbrisant, geht es hier doch um eine museale Vereinnahmung der Kunst für Marketing Zwecke. Das LWL-Logo steht erschreckend groß und glänzend symbolhaft aber völlig fehlplaziert in der neu digitalisierten Piene-Kunst »Silberne Frequenz«.
Das trifft die Themen der Skulptur Projekte 2017 so exakt auf den Punkt, dass es offenbar sprachlos macht. Diese »Werbeanlage« hat schon auch etwas derart tolldreist provozierend Kunst-Negierendes, dass der Kunstkenner sich fragt: wie kann ausgerechnet in der inzwischen vierzig Jahre lang durch Kunst sensibilisierten Stadt der Skulptur Projekte so ein Missbrauch geschehen? Erleben wir nun das Phänomen »Des Kaisers neue Kleider«: Keiner wagt es, Wahrheiten öffentlich auszusprechen? Liegt die Kunst ökonomiebedingt in LWL-Fesseln? Wie können die LWL-Verantwortlichen den allabendlich flackernden lokalen Kunst-Brand im eigenen Hause so scheinheilig verschweigen und gleichzeitig ein großes internationales Kunst-Feuerwerk verkünden wollen? Wie lange will man den schönen Schein noch aufrecht halten? Allmählich wird es unglaubwürdig und peinlich.

Die Kunst ist im eigenen Haus angegriffen! Es ist ein Skandal!

Man stelle sich nur einmal vor, LWL-Museumsdirektor Dr. Arnhold ginge auf Geheiß der LWL-Kulturdezernentin Dr. Rüschoff-Thale mit glühendem Eisen an die LWL-Bilder im LWL-Museum, um Ihnen unten rechts als Branding das LWL-Logo zu verpassen. Würden auch solcherart werbende LWL-Rauchzeichen an Originalen, im Stile von Pienes ehemaligen experimentellen Arbeiten, vom LWL-Parlament und der Münsteraner Öffentlichkeit so einfach hingenommen?

  • Was geschieht eigentlich mit der Aura von Kunstwerken im Zeichen von Digitalisierung und Ökonomisierung?
  • Sinken im Zuge von Digitalisierung und Technisierung Zugriffsschwelle, Respekt und Achtung vor Kunst und Künstler und ermöglicht dies leichter einen marketingbedingten Übergriff und einen Missbrauch?
  • Es brennt und raucht gewaltig an der LWL-Museums-Fassade – aber eben wohl nur harmlos virtuell? Ist das Basislager der LWL-Skulptur Projekte schon völlig vernebelt?
  • Was bedeutet unter dem Einfluss der globalen Themen noch kuratorische Sorgfaltspflicht gegenüber Kunst und Künstler?
  • Darf ein Museum sich aus Repräsentationsgründen an seiner Kunst vergreifen?
  • Welche ethischen Werte gegenüber seiner Kunst gelten für ein LWL-Museum?
  • Darf der LWL, als Kommunalverband mit öffentlichen Aufgaben, sich im Bereich Marketing wie ein Konzern verhalten: »Wir unternehmen Gutes«?

Diese spannenden Fragen sollten am brennenden Fassaden-Beispiel vorrangig im Vorfeld der Skulptur Projekte diskutiert werden! Das ist die dringlichste Haus-Aufgabe der Skulptur Projekte Münster – und nicht die einer Bürgerinitiative! Es sollte alle zehn Jahre ein diskursiver Prozess mit der Öffentlichkeit geführt werden. Und dies sollten die Skulptur Projekte insbesondere dann auch verantwortlich und aktiv am eigenen Hause tun dürfen – wenn es dort massiv brennt.
Hierzu braucht es allerdings das klare Plazet des Auftraggebers Landschaftsverband Westfalen-Lippe, verbunden mit einer sich selbst auferlegten umfassenden Reflexion zu den Themen:

  • Wie geht eigentlich noch ein verantwortliches museales Handeln gegenüber der Kunst angesichts zunehmender Digitalisierung und Ökonomisierung?
  • Wie wird der gut gemeinte aber hier wohl eher scheinheilige LWL-Werbe-Slogan »Offen« in die Wirklichkeit umgesetzt?

Das »LWL-Logo in der Piene-Kunst« ist eine Steilvorlage für die Themen der Skulptur Projekte »Digitalisierung, Ökonomisierung und Globalisierung«! Einige fordern nun, dass das LWL-Logo aus der Piene Arbeit entfernt werden müsste. Meiner Ansicht nach wäre das falsch angesichts der Brisanz und Wichtigkeit obiger Themen. Das »LWL-Piene-Werbe-Amalgam« gehört unbedingt in eine Kunst- und Öffentlichkeits-Debatte der Skulptur Projekte! Wer nun vor Beginn der Projekte den Rückbau des Logos fordert, um LWL-Fassade und Piene-Kunst quasi wieder schön sauber zu waschen, handelt fahrlässig gegenüber der Notwendigkeit einer gründlichen Aufarbeitung des Sachverhalts und der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit diesem Angriff auf die Kunst. Zudem würde dies als eine feige »Fassaden-Rein-Wasch-Aktion« vor der Weltöffentlichkeit angesehen werden, um ein zweifelhaftes Ansehen zu bewahren. Diese »Logo-Attacke auf die Kunst« am LWL-Museum ist geschehen – dazu muss dann auch verantwortlich gestanden werden! Das lässt sich nicht einfach wegwischen, wie ein Taubenschiss.

Die Skulptur Projekte zusammen mit dem LWL müssen nun selbst offensiv den Dialog mit der Öffentlichkeit am Standort vor der Fassade ihres musealen Basislagers eröffnen und ihn auch moderieren. Hierbei kann sicherlich auch eine Initiative aus der Bürgerschaft unterstützen. Es gibt viele Ideen, Anregungen und Fragen aus der fach- und sachkundigen Münsteraner Bürgerschaft, die bei den Skulptur Projekten gesammelt und dokumentiert werden müssten:

  • Wie ist nun weiterhin mit diesem »LWL-Markenzeichen« umzugehen?
  • Ist diese »Werbeanlage« überhaupt noch Kunst oder kann sie auch selbst künstlerisch thematisiert und darüber in etwas Neues gewandelt werden?
  • Gibt es hierzu einen öffentlichen Ideen-Wettbewerb?
  • Nun kann Direktor Dr. Arnhold auch endlich sein lang geplantes Symposium zum »LWL-Logo im Piene« durchführen!

In einem – im skulpturalen Sinn –  kritisch geführten Auseinandersetzungsprozess mit der LWL-Fassade liegt die Chance, dass es für die Kunstöffentlichkeit in Münster, angesichts solch aktuell brennender und brenzliger Themen, nun partizipativ weltoffen und engagiert nach vorne und nicht marketingtechnisch bedingt glatt und scheinheilig weiter nach hinten los geht.
Bevor es groß in die Welt geht, sollte erst mal das eigene Haus, die Basis im Lager, geklärt werden, wenn es dort lichterloh brennt! Es braucht beim LWL nun kluge Interessensabwägungen und mutige Entscheidungen. Und auch personelle Konsequenzen!
Die Skulptur Projekte Münster 2017 haben einen seriösen Auftrag zur Untersuchung von »Kunst und Öffentlichkeit« und bei diesem hausgemachten Problem geradezu eine »hoheitliche Aufgabe zur Bewahrung der Kunst vor solcher Art Zugriffe«, die sich hier ganz deutlich über die Eigeninteressen des LWL stellen müsste. Ansonsten droht auch für sie ein Image- und Glaubwürdigkeitsverlust. Die Möglichkeit einer weltweiten künstlerischen Diskreditierung ihres Vorzeigeprojekts wegen ungelöster Fassaden-Probleme sollten sich LWL und Kooperationspartner Stadt Münster gut überlegen.

Hier einige konkrete Handlungs-Ideen dazu:

  • Erteilung eines Prüfauftrags des »Auftraggebers LWL« an seinen »Auftragnehmer  Skulptur Projekte 2017« zur Untersuchung und Thematisierung der für »Kunst und Öffentlichkeit« relevanten Ereignisse an der  LWL-Museums-Fassade angesichts seiner Themen »Digitalisierung und Ökonomisierung«
  • die Skulptur Projekte geben den Standort vor der LWL-Museums-Fassade frei für notwendige partizipative Prozesse und Ideen aus der Öffentlichkeit
  • der LWL richtet  – neben den sicherlich wichtigen wissenschaftlichen Kommissionen für Altertum, Mundart, Literatur, Geografie und Volkskunde – endlich auch eine zeitgenössische Kunstkommission ein, zur Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf die eigene Kunst sowie zum Thema »Wandel musealer kuratorischer Aufgaben und Sorgfaltspflichten im Zeichen von Digitalisierung und Ökonomisierung« und auch für die fachliche Beratung des LWL-Kulturausschusses
  • der LWL überprüft personelle Konsequenzen im eigenen Haus: Wer für so einen Skandal an der Kunst im eigenen Museum verantwortlich ist, sollte eigentlich freiwillig seinen Hut nehmen
  • die offensiven öffentlichen Maßnahmen im Umgang mit der eigenen Fassade von Seiten LWL und  Skulptur Projekte sollten auch von der Stadt Münster unterstützt werden – es geht auch für sie um einen möglichen Imageverlust angesichts der Skulptur Projekte 2017.
  • Zu diesem wichtigen Thema könnte auch die Kunstkommission der Stadt Münster einberufen werden – zwecks Erarbeitung einer Empfehlung für den Kulturausschuss

Hier kann man eine Petition zur Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf  die »Silberne Frequenz« von Otto Piene unterstützen: 

https://www.openpetition.de/petition/online/ortungen-2017logo-piene-untersuchung-des-lwl-marketing-uebergriffs-auf-die-piene-kunst-in-muenster

 

http://m.wn.de/Muenster/Kultur/2749623-Juergen-Lemke-organisiert-im-Jahr-der-Skulptur-Projekte-Widerstand-LWL-Logo-als-Mahnmal

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Theater Titanick: „Lost Campus“

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Theater Titanick: „Lost Campus“
Wie kommt ein verlorener „Unort“ und die mit ihm verbundenen Themen Kriegsgefangenenlager und Zwangsarbeiter wieder zurück ins öffentliche Bewusstsein Münsters? Wie wollen wir uns erinnern? 

von Jürgen Lemke

Die Empörung über den sang- und klanglosen Abriss einer ehemaligen Kriegsgefangenen-Baracke wegen des Neubaus von Immobilien im Jahre 2013 in Münster ist berechtigt. Aus diesem gedankenlosen Akt spricht ein mangelndes Geschichtsbewusstsein und auch eine Pietätlosigkeit gegenüber Toten, Überlebenden aus den Lagern und deren Angehörigen. Insbesondere dann, wenn es in und um Münster ungefähr 180 Orte gegeben hat, an denen offenbar tausende Zwangsarbeiter verhungert oder auf andere erschreckende Weise zu Tode gekommen sind und – dies nun der letzte Ort seiner Art war.
Ein Schock auch für „Theater Titanick“, dass mit diesem radikalen Akt nun innerhalb weniger Monate zudem noch der Grund für den Antrag „Unorte“ beim Fonds Darstellender Künste verschwunden war.
Umso mehr ist anzuerkennen, dass eine Kooperation aus „Theater Titanick“, „Filmwerkstatt Münster“ und „Geschichtsort Villa Ten Hompel“ diesen für Münster verlorenen Ort mit neuem Projekt-Konzept in ein öffentliches Bewusstsein zurückholen will. Auch zeitaktuell wichtig, angesichts eines sich immer weiter in Richtung (Bürger)Krieg zuspitzenden Ukraine Konflikts, eines drohenden Rückfalls der Großmächte in einen Zustand des „Kalten Krieges“ und den Spekulationen über eine sogar erneut möglich scheinende Auseinandersetzung in Europa.

Das Projekt „Lost Campus“ musste für einen neuen Ort gedacht und geplant werden. Nun sollte der verlorene „Unort“ an der Gasselstiege als Erinnerungsstätte, auch als Denkmal und Störfaktor, im Zentrum Münsters neu entstehen. Ein „Stolperstein“, nun nicht mehr am Rande sondern mitten drin. Das massive Lager aus Holz entsteht schließlich neu an den Kugeln im Freizeit- und Erholungsgebiet Aasee. Vom 1. bis zum 8. Mai arbeitet hier die Veranstaltergemeinschaft am historischen Bewusstsein Münsters mit einer ästhetisch partizipierenden und intervenierenden Erinnerungskultur zum Thema Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.
Im Mittelpunkt stehen dabei die bauliche Rekonstruktion der ehemaligen Baracke sowie temporäre „Installationen“ der jeweiligen Bauabschnitte, „Theater-Performances“ in den unterschiedlichen Bauzuständen der Baracke. Fortlaufende „Informationen“ an einem Info-Pavillon, sowie Vorträge und Lesungen zum geschichtlichen Kontext und filmische Dokumentationen der Filmwerkstatt Münster bilden hierzu den Rahmen.

Gelungen ist die installative Setzung des Bauprojekts und seine unmittelbare nicht zu übersehende Präsenz im Öffentlichen des gut besuchten Naherholungsgebiet Aasee mit Bauzaun und gestaltetem Bauschild mit der Aufschrift: „Hier entsteht ein Kriegsgefangenenlager zur Erinnerung an die 180 Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager in Münster und Umgebung.“
Durch den radikalen Impetus dieser Setzung insgesamt scheint wahrnehmungsseitig gesichert: jeder noch so in sich versunkene Münsteraner Aasee-Umrunder wird spätestens bei seiner zweiten Runde etwas merken, hoffentlich schnaufend innehalten und sich fragen: Was soll das denn hier an diesem Ort?
Das Ensemble schafft eine erwünschte Aufmerksamkeit und wer will, kann sich fundierte Hintergrund-Informationen zum Thema am Pavillon daneben und bei den täglichen Vorträgen beschaffen. Hier findet mit ästhetischen Mitteln ein verwirrendes aber dennoch achtsames Spiel gegenüber diesem ernsten Thema statt. Die unmittelbare Begegnung an jenem Ort Aasee mit diesem historisch monströsen Unglaublichen und Unvorstellbaren kann zum Nachdenken und Handeln auffordern. Angesichts eines schon auch im wahrsten Sinn des Wortes „verrückt“ scheinenden Akts, der unmittelbar Fragen bei jedem Vorbeilaufenden aufwerfen kann.

Die Idee der Rekonstruktion und fortlaufenden installativen Setzung der Baracke als Erinnerungs-Objekt und Mahnmal im Öffentlichen funktioniert im Sinne einer ästhetisch begründeten Erinnerungs-Kultur. Die Aktion hat nicht nur in seiner Materialität sondern durch die ernsthaft plausible und planerisch präzise durchgeführte Konsequenz seiner baulichen Umsetzung Größe. Sie erzeugt über die Intervention im Öffentlichen und auch als ästhetische Irritation erwünschte Aufmerksamkeit beim Publikum. In seiner Baustellen-Erscheinung mag dies zwar auch an das fiktive Projekt der „Skulptur.Projekte 2007“ von Annette Wehrmann erinnern: „AaSpa – Wellness am See, hier baut die AaFit+Well AG ein Wellness-Hotel.“ Doch hier geht es eben gerade nicht um ein Spiel mit dem Fiktiven sondern um bittere Realität. Die Ernsthaftigkeit im Umgang mit diesem hochbrisanten Thema ist angesagt und erforderlich.

Wäre es insofern für „Theater Titanick“ klüger gewesen, sich bei diesem Thema im Sinne einer Erinnerungs-Kultur mit der überzeugenden installativen baulichen Setzung in Verbindung mit den wichtigen und notwendigen historischen Informationen und Dokumentationen zu begnügen? Insbesondere unter den Gesichtspunkten Pietät und Achtsamkeit für einen besonderen geschichtlichen Ort und der Etablierung einer etwas anderen Erinnerungs-Kultur, die Holz-Baracke nun nicht als Bühne in einem spektakulären Sinne theatral oder performativ zu bespielen?
Warum reichten die mit titanickscher Wucht, Größe und handwerklicher Perfektion ausgeführten baulichen Aktionen und Installationen nicht aus? Zusammen mit historisch fundierten Vorträgen, Lesungen und den partizipativen Dokumentationen mit thematischen Statements von Bürgerinnen und Bürgern? In diesem sich fruchtbar ergänzenden Zusammenspiel scheint mir nämlich Erinnerungs-Kultur für diesen „Unort“ zu gelingen.

Im Bereich der sprach-künstlerischen Auseinandersetzungen der abendlichen Performance am ersten Abend geht es leider oftmals peinlich an Grenzen. Ein Theater, dass sich sonst eher ohne verständliche Sprache, per Grommolo und bildhaft ausdrückt, arbeitet nun ausgerechnet hier mit solchen Texten? Bei einem derart sensiblen Thema?
„Theater Titanick“ hat sich mit seinem Regisseur Christian Fries leider nicht wie angekündigt zurückgehalten. Reicht es aus, auf Kostüme und Effekte zu verzichten und Alltagskleidung anzuziehen, wenn dann die Texte selbst eher „spektakulär“ ausgewählt und inszeniert scheinen? Wenn sich erschreckende Grausamkeiten und extreme Scheußlichkeiten aus Kriegsgefangenenlagern am Abgrund des Menschlichen, durch immer weitere Schrecklichkeiten noch zu überbieten versuchen? So wird Erinnerungskultur nicht lebendig und auch nicht anrührend.

Es stellen sich vielmehr Fragen nach Pietät und Achtsamkeit: Ist es angesichts dieser brisanten Thematik legitim, sich biografische Erinnerungs-Texte aus den sogenannten „Freitagsbriefen“ für künstlerische Zwecke zu entleihen, um sie eher spektakulär für die Bühne zuzubereiten? Sie nun ähnlich, wie andere Texte als Material frei improvisierend zu nutzen? Ist es nicht eher schon fast auch entmündigend, einen biografisch zugeschriebenen Text eines erinnernden Individuums nun beliebig auseinander zu nehmen und unter dramaturgischen Gesichtspunkten fragmentarisch neu zusammenzustellen. Ihn teilweise gleichsam wie nach dem Kriterium „Erschrecken“ auszuwählen und danach immer noch weiter steigernd aneinanderzureihen und grausam schrecklich aufzuhäufen? Um schließlich was zu bewirken? Ein noch größeres Befremden und Erschrecken?

Kann man mit solchen Texten überhaupt szenisch umgehen? Kann nur jemand sie „performativ“ füllen, der sich dabei selbst auch in einen Ausnahmezustand seiner Existenz begibt, seine eigenen Grenzen erforscht und ansatzweise versucht, solches Leid nachzuempfinden? Indem er selbst hungert und unter ähnlichen Bedingungen lebt? Was bräuchte es also, um „künstlerisch“ angemessen im Sinne von existenzieller Performance mit solchen Texten umzugehen anstatt zu „Schau-spielen“? Wie würde eine „Performance-Künstlerin“ mit „Performance am verlorenen Ort der Kriegsgefangenen“ umgehen? Beispielsweise Marina Abramović, die dafür bekannt ist, dass sie stets radikal an ihre eigenen existenziellen Grenzen geht?
Mich jedenfalls hat als Zuschauer an vielen Stellen des ersten Aufführungs-Abends eher die Form des Umgangs mit den Texten peinlich betroffen gemacht.

Insbesondere dann, wenn bekannt ist, dass diese teilweise hoch traumatischen Erinnerungen in den „Freitagsbriefen“ russischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener wiederum aus großer Not und unter materiellen Zwängen erinnernd hervorgeholt und größtenteils auch nur deshalb aufgeschrieben wurden, um endlich als Kriegsopfer anerkannt und entschädigt zu werden – eine deutsche Regierung dies dann aber per Gesetz abgelehnt hat. Wie erbärmlich.
Es erscheint insofern fragwürdig, die biografischen Erinnerungen Überlebender aus den Lagern für „Show-Zwecke“ einzusetzen. Sie mit von „Theater Titanick“ bekannten ästhetischen Mitteln aus spektakulären Aufführungen, etwa durch geräuschvolles banales Alltagshandeln, wie Putzen, Wischen, Waschen sowie mit schrägen Posaunenklängen zu übertönen, zu verfremden und sie somit zu konterkarieren? Klingt es nicht eher schon zynisch, wenn laut Regie nun „durch ein Brechen des Textes die Grausamkeit für den Zuschauer erträglich gemacht werden soll“? Und „immer schon auch Menschen grausam behandelt wurden und gestorben sind während ringsum jeder seinem Alltag nachging“?
Wie also wollen wir uns erinnern?

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Nachtrag

Wer in Münster vom 1. bis zum 8. Mai 2014 nicht täglich Zeit hatte, die neu rekonstruierte Erinnerungs-Stätte „Lost Campus“ zu besuchen und den installativen Bau-Prozess zu verfolgen, wird sich vielleicht auch fragen, wo die Holz-Baracke verblieben ist. Am Aasee ist sie jedenfalls verschwunden und aus der lokalen Presse war auch nichts zu entnehmen. Keine Berichte, keine Nachbesprechung, keine Fotos…? Was ist geschehen?

Wenn dieser spektakulär rekonstruierte Geschichts-Ort offenbar nun erneut aus dem Wirklichen verschwunden ist, findet sich dann zumindest noch eine Erinnerungsspur im virtuellen Raum? Meine Internet-Recherche nach „Lost Campus“ befördert Ernüchterndes: Auf der Seite von „Theater Titanick“ ist nur noch im Tourplan der Ankündigungs-Flyer zum Projekt ansonsten keine weitere Dokumentation. Nicht einmal ein eigener Bereich, ein virtuell gestalteter Erinnerungs-Ort? Nur unter https://www.facebook.com/pages/Theater-Titanick/195951477204452 sind noch einige Fotos.
Zu meiner Enttäuschung entdecke ich auch bei den Kooperationspartnern des Projekts „Geschichtsort Villa Ten Hompel“ und „Filmwerkstatt Münster“ keinerlei Hinweis. Nicht die Spur einer Erinnerungs-Kultur?

Das Verschwinden des rekonstruierten Ortes am 8. Mai lässt sich dankenswerter Weise immerhin noch im „Attac Netzwerk“ der Gruppe Münster/Hamm nachvollziehen. Dort dokumentieren Fotos von Sylvia Dams das Titanick Finale: http://www.attac-netzwerk.de/fileadmin/user_upload/Gruppen/Muenster/Attac_Website/Termine/080514_Theater_Titanick_Lost_Campus.jpg

Internetrecherche Lost Campus Rekostruktion Abriss über Attac

Auf der öffentlich sichtbaren Facebook-Seite einer der Schauspielerinnen des Projekts, Ludmilla Euler, finde ich in ihrer Chronik Informationen zum Ende der Erinnerungs-Stätte „Lost Campus“: 

Internetrecherche Lost Campus Rekonstruktion Abriss über Akteurin bei Facebook3

https://www.facebook.com/ludmilla.euler?fref=ts

Das endgültige Verschwinden des Erinnerungsortes mit dem spektakulären Abriss der Baracke „Lost Campus“ im Rahmen der Show und seine nachlässige Behandlung werfen Fragen auf:
Warum hat „Theater Titanick“ die rekonstruierte Erinnerungsstätte am Aasee nicht erst einmal stehen lassen? Zumindest für eine kurze Zeit? Dann hätte sich eine öffentliche Diskussion über den weiteren Umgang mit diesem Geschichtsort in Münster entwickeln können? Hätte sich nicht ein sinnvollerer Lager-Ort finden lassen als das Kulissenlager von „Theater Titanick“? Vielleicht wäre gar ein Schulhof gefunden worden, wo angesichts großer Raumnot dankbar ein neuer Ort für Geschichts- und Theater-AGs angenommen worden wäre? Oder wäre das zu unspektakulär gewesen?
Wie wollen wir uns nun erinnern?

 

„Lost Campus“

Das Ensemble

Konzept Theater Titanick, Christian Fries
Künstlerische Leitung Uwe Köhler
Regie Christian Fries
Spieler Ludmilla Euler, Clair Howells, Georg Lennarz, Matthias Stein, Rahel Valdivieso
Bühnenbild André Böhme
Bauleitung Justus Weber
Bauten Hubert Hogrebe, Elias Macke, Jan Rieve, Robert Schiller
Musik Helmut Buntjer
Kostüm Tanja Schulte
Licht Johannes Sundrup
Ton Ingo Koch
Regie-Assistenz / Recherche Isabelle Bettmer
Produktion Denise Rietig
Projektleitung Clair Howells
Tourmanagement Sarah-Jane Reed
Film/Projektion Filmwerkstatt Münster Winfried Bettmer, Daniel Huhn, Julian Isfort
Info Point Isabelle Bettmer, Sarah-Jane Reed
Betreuung Joscha Gingold, Johannes Schlüter, Johanna Schäpermeier, Teresa Brugues, Freundeskreis Theater Titanick Münster
Historische Recherche Christoph Spieker, Villa ten Hompel, Dr. Gaby Flemnitz (Historikerin), Anja Gussek (Stadtarchiv Münster), KONTAKTE-KOHTAKTbI e. V. Berlin, Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Dr. Pavel Polian (Historiker), Dokumentationsstätte STALAG Senne

http://www.titanick.de/htcms/de/aktuelles.html

FREITAGSBRIEFE
http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch//ns-opfer/kriegsgefangene/oeffentliche-petition-an-den-bundestag.php

http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/index.php

KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion

 

„Ein Volksfeind“ im Theater Münster

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„Ein Volksfeind“ im Theater Münster
von Hendrik Ibsen in einer Bühnenfassung von Florian Borchmeyer

von Jürgen Lemke

„… nicht nur das Wasser ist vergiftet sondern die Grundlagen unserer Gesellschaft …“, so  Stockmann (Aurel Bereuter) in seinem fundamental gesellschaftskritischen und intensiven Monolog vor der Bürgerversammlung „Publikum“ – der von ihm selbst auf den Punkt geschrieben ist. Darin ist viel Wahrhaftiges. Eine glühend kämpferische und idealistische Überzeugung, dass eigentlich etwas fundamental in dieser Gesellschaft verändert werden muss, wenn es zum Schaden aller ist und auch Ohnmacht und Verzweiflung darüber, wie ein korruptes Lobby-System funktioniert. Wie ökonomische Sachzwänge Wahrheiten verdrehen und wie „Vergiftungen auf allen Ebenen“ schließlich als Fundament für diese Gesellschaft akzeptiert werden. Am Ende wirkt körperliche Gewalt gegen einen, der Wahrheit ausspricht und es wird von einer stillhaltenden Mehrheit hingenommen.
Stockmanns, bzw Bereuters Kampf, gegen ein virulentes Gesellschafts-Lügengespinst bis an den Rand des Wahnsinns ist so lebendig und überzeugend mitreißend spürbar, wie selten im Theater. Er trifft hochaktuell den Nerv dieser Zeit.

Im fiktiven Kur- und Aasee-Bad Münster, Heile-Welt-Stadt und lebenswertester Ort der Welt, entdeckt Kurarzt Stockmann (Aurel Bereuter), der gerade mit seiner Frau (Julia Stefanie Möller) ein Baby bekommen hat, dass die Grundlage aller für Leben und Wohlstand, das so wichtige heilsame Wasser vergiftet ist. Über diesen Skandal will er die Öffentlichkeit durch einen Artikel in der örtlichen Zeitung aufklären. Schließlich ist er verantwortlich für das Wohl seiner Patienten, die in ein Kurbad kommen, wo sie Heilwasser gegen ihre Leiden für die Gesundheit erwarten und stattdessen aber Giftwasser bekommen, das sie eher noch kränker macht.
Eigentlich doch unstrittig diese skandalöse Entdeckung per Test objektiv belegt. Eine Unmöglichkeit, ein unfassbar schädlicher Vorgang, wo jedem mündigen Bürger klar sein müsste, dass das sofort abgestellt gehört. Aber es ist eben nur „eine Wahrheit“, die andere wird von Interessen bestimmt.

Der Bruder des Arztes, Bürgermeister (Mark Oliver Bögel), hat diese „andere Wahrheit“. Er ist scheinbar bemüht um das Wohl der Stadt und will eine Veröffentlichung der Wassertests mit Macht verhindern. Die Zukunft der Stadt steht auf dem Spiel also versucht er die Giftigkeit des Wassers herunter spielen. Verleger und Journalisten zu überzeugen, den Artikel nicht zu veröffentlichen. Es brauche zu viel Geld, um das Wasser zu reinigen. Das sei nicht vorhanden. Er verordnet folglich als Dienstherr seinem brüderlichen Angestellten das Schweigen. Stockmanns „Freunde“ bei der Zeitung Hovstedt (Dennis Laubenthal) und Billing (Maximilian Scheidt ) reagieren zunächst unterstützend, dann aber unter Einfluss des Bürgermeisters ablehnend und schließlich korrupt.
Kurarzt Stockmann hält sich jedoch nicht an seine Schweigepflicht und dafür aber eine glühende Rede für die Wahrheit gegen ein vergiftetes Fundament unserer Gesellschaft vor der Bürgerversammlung und wird daraus gewaltsam entfernt und zusammengeschlagen.
Verursacher der Wasservergiftung ist ausgerechnet die Fabrik seines Schwiegervaters Morten Kiil (Gerhard Mohr), der mit dem Aufkauf, der nun gefallenen Kurbad-Aktien, die er nun ganz perfide an Stockmann „vererbt“ das Ganze schließlich auf die Spitze treibt und das Ausmaß an Ohnmacht und Verstrickung sichtbar macht. Am Ende steht Stockmann, der Verkünder unliebsamer Wahrheiten, als „ein Volksfeind“, allein und ohne Job. Selbst die Loyalität seiner Frau (Julia Stefanie Möller) steht auf dem Spiel. Ein Münstertypisches Bühnenbild (David Hohmann) mit sperrigem Fahrradchaos unterhalb einer Stadtkulisse im Scherenschnitt und der ewige Regen unterstreicht eine eher trostlose depressive Atmosphäre.

„Ein Volksfeind“ zeigt in einer überragenden schauspielerischen und inszenatorischen Leistung, symptomatisch und treffend, wie sich Protagonisten aus Medienwelt, Ökonomie und Verwaltung angesichts einer Katastrophe zwischen privat und öffentlich verhalten. Die zeitaktuelle Brisanz einer Verflechtung zwischen wirtschaftlichen Finanz- und Lobby-Interessen und der Ohnmacht eines diese Verbindungen sehenden aufgeklärten idealistischen Individuums ist auf den Punkt gebracht. Theater wird hier als ein Ort unmittelbaren Empfindens, Denkens und Handelns in mitreißender Weise lebendig.

Stockmann greift zurecht in seiner Rede eine „scheißliberale schweigende Masse“ an, die sich einen ständigen Verrat am wirklichen Leben gefallen lässt und dies dennoch nicht abwählt: Bankenbetrug, Fleischvergiftung durch Massentierhaltung, Wasservergiftung, etc.
Selten ist eine „innere Aufforderung“ im Theater als Zuschauer zu handeln und in die Inszenierung aktiv einzugreifen so unmittelbar spürbar. Es ist unerträglich zu erleben, wie gewaltsam körperlich eine Medien- und Lobbymacht schließlich unmittelbar auf den Einzelnen einwirkt. Wie aufgrund, eines verlogenen, nur scheinbar für die Allgemeinheit notwendigen öffentlichen Wohls, selbst vergiftetes Wasser in Kauf genommen wird und Leben aufs Spiel gesetzt wird. Es geht in Wirklichkeit um riesige Gewinne und die Bereicherung weniger Profiteure auf Kosten der Allgemeinheit.

„Volksfeind“, eigentlich ein Volks-Held… aber eben schädlich weil er leider die falsche Wahrheit hat und damit auch noch provoziert und angreift. Daraufhin muss er von gewalttätigen „Zuschauern“ vor einem tatenlosen Publikum aus dem Theater geschleppt werden. Seltsam direkt und doch distanziert, wie in den Medien, wie ein Bericht in den Nachrichten, läuft diese unmittelbare Gewaltaktion an Stockmann aus dem Theatersaal, groß projiziert auf die Kulisse als ein Action-Film hinaus in die Wirklichkeit des nächtlichen Münsters. Die Unmittelbarkeit eines „Live-Erlebens“, des dicht dran seins im Theater-Raum wird im Moment noch dokumentarisch. Ihrer brisanten Spitze enthoben. Jetzt scheint es „nur noch Nachricht“. Da kann ich ja nichts mehr tun. Jetzt brauche ich nicht mehr einzugreifen. Das ist wie Fern-Sehen. Ich bin als Zuschauer entlastet von meinem Handeln. Gut so. Ach, nun ist es erstmal weit weg…
Das Wirkliche, „echte Reale“, scheint immer weiter von uns weg zu rücken. Ein künstlich  Gemachtes wird immer größer und lauter. Inszenierte Realität „privater Sender“ ist eben besser geeignet, um an den Bildschirm zu fesseln. Höhere Quote zu machen. Mehr Werbe-Geld einzuspielen. Ein manipuliertes gehyptes „Leben“ ist spektakulärer und lässt sich besser verkaufen. Mediale Inszenierungswut in den Medien. Die Sucht nach dem spektakulären Hype. Nach dem täglichen Horror. Der Freak-Show. Entfremdet, hilflos… ausgeliefert… allein?

Erschreckend, wie dicht dieses Theater aktuell an unser aller Wirklichkeit ist. Wie ohnmächtig ökonomiegesteuerte Verflechtungen zwischen Politik, Wirtschaft, Medien wirken. Wie kurzsichtig „lebensgefährlich“ eine Lobby-gesteuerte „Real-Politik“ agiert, die wirtschaftliche Interessen vor den gesundheitlichen Schutz der eigenen Bevölkerung stellt. Dennoch wird dieses scheinbar so notwendige Wirtschafts-Handeln aus Sachzwängen offenbar von der großen Mehrheit als gleichsam unveränderlich gegeben hingenommen. Von einer scheinbar vernünftig und sachlich rational handelnden Gesellschaft, die aber primär davon bestimmt zu sein scheint, weltweit auf Kosten vieler zum Benefit weniger, möglichst alle verfügbaren Ressourcen auszubeuten, um immer mehr Profite zu erzielen. Wenige bereichern sich auf Kosten der Gemeinschaft. Alles, selbst die „Wahrheit“ ordnet sich immer mehr einem ausbeutenden Gewinnstreben unter.
Das alles ist eigentlich völlig irre und wahnsinnig. Nicht der Einzelne, der dagegen rebelliert und als „Volksfeind“ geoutet wird.

Können wir da nicht raus? Müssen wir alle mit? Ob wir wollen oder nicht? Sind wir alle Teil einer „Wachse-Oder-Weiche“ Gesellschaftsstruktur, die auf Werbe-Lügen aufgebaut ist? Müssen wir mitmachen oder stehen wir sonst am Ende allein? Ohne Familie, ohne Bruder, ohne Frau und Kind, ohne Job und eigene Wohnung, auf der Straße…? Wenn wir nicht mitspielen…?
Ist dieses Stück nicht vielmehr eine Aufforderung, sich angesichts all dieser unfassbaren realpolitischen Zweck-Lügen, gerade deshalb umso mehr zu engagieren. Auch als Einzelner für Werte und Wahrheit einzustehen und sich nicht anzupassen, auch wenn es schier aussichtslos erscheint.
Es ist in diesem Theater eine Lebendigkeit zu spüren, die vor allem durch ein authentisches überzeugendes Spiel des Hauptdarstellers wirkt. Es geht um diese besondere mitreißende bewegende Energie, die spürbar wird, wenn der Kern existenziell vielleicht dort getroffen ist, wo Seele ist. Die Bereitschaft für die eigene Überzeugung zu kämpfen derart unmittelbar präsent aufscheint. Auch wenn es irgendwie auch sinnlos, ja verrückt ist. 
Es beschreibt den Weg des Künstlers, Schauspielers, Sehers, Utopisten oder auch Schamanen. Ein Weg der steinig ist aber Sinn macht. Etwas von diesem besonderen Leuchten ist auf das Publikum übergesprungen.
Danke dafür. 

 Inszenierung: Frank Behnke

Bühnenbild: David Hohmann
Kostüme: Kristopher Kempf
Video: Matthias Greving
Dramaturgie: Friederike Engel

Stockmann, Badearzt: Aurel Bereuter
Frau Stockmann, seine Frau: Julia Stefanie Möller
Peter Stockmann, Stadtrat – hier Bürgermeister: Mark Oliver Bögel
Aslaksen, Buchdrucker: Frank-Peter Dettmann
Hovstedt, Redakteur: Dennis Laubenthal
Billing, Mitarbeiter der Zeitung: Maximilian Scheidt
Morten Kiil, Stockmanns Schwiegervater: Gerhard Mohr

http://www.theater-muenster.com/produktionen/ein-volksfeind.html/m=117

PS: Fiktion und Wirklichkeit
Das Thema „Gift im Wasser“ ist brandaktuell. Nicht nur hier im Theater auch in der Wirklichkeit.
Hat doch gerade eine Lobby-Politik, forciert durch Kommissar Oettinger, die vom EU-Parlament schon beschlossene Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) beim sogenannten „Fracking“ wieder aufgehoben, so dass bei den geplanten unkonventionellen Gasförderungen vergiftetes Wasser in großen Mengen unkontrolliert in den Boden gepumpt werden darf.
Die Förderrechte für die Gas-Claims rund um die Stadt Münster hat sich der amerikanische Weltkonzern EXXON gesichert. Mit einem EU-Persilschein wegen des Freihandelsabkommens im Rücken kann es nun schon bald trotz momentanen NRW Vetos auch hier mit dem Gasbohren losgehen. Denn das Bundes-Berg-Recht gibt den Konzernen alle Rechte dazu.
Dann entsteht auch hier, in der schönen Münsterländischen Parklandschaft, wo man es noch überhaupt nicht vermutet, ein verrohrtes, betoniertes und abgefackeltes Erdgas-Fördergebiet nach US-Vorbild (brennendes Gas mit Wasser zusammen aus einer Leitung)
Dann wäre auch in Wirklichkeit Schluss mit der lebenswertesten Heile-Welt-Stadt Münster. Sie läge mitten in einer Industrielandschaft…

Echzeit-Theater spielt „Smartopia“ im Münsteraner Kreativhaus

von Jürgen Lemke

Zwei Frauen, zwei Männer. Ein Mini-Mischpult.  Ein Beamer. Drei Smartphones. Ein Handy. Ein wunderbar lebendiges selbstgemachtes Spiel beginnt. Mehrstimmig. Präzise. In einem fast schlafwandlerisch aufeinander eingespielten Kollektiv. Wie miteinander verwachsen. Wunderbar spielerisch, leicht miteinander eingestimmt. Erstaunlich präsent diese junge Gruppe. Auf dem Punkt. Unglaublich stimmig. Ohne Frage sehr begabt. Allesamt.

In Echtzeit spielen Nina Spinger, Luisa Hausmann, David Gruschka und David Kilinc „Smartopia“. Reihen virtuos eine Nummer an die nächste. Sie spielen Zukunftsmusik rund ums Handy. Nein, ums Smartphone. Das kann nun neben telefonieren inzwischen fast alles. Es kann SMS. Es kann Musik. Es kann Film und Foto. Es kann Mikro. Und die jungen Akteure zeigen, was man nun damit alles kann. Live auf der Bühne. Virtuos und präzise. Überzeugen bildhaft tänzerisch mit Symbolen, Smartphone Augen-Monitoren am Körper oder kritisch per Beamer-Trickfilmanimationen  über chinesische Smartphoneproduktion. Treffen sprachlich den Zeitgeist oder singend poetisch oder auch ganz banal. Mit Satzfragmenten wie: „Manchmal traue ich mich gar nicht mehr, auf Festnetz anzurufen. Festnetz ist irgendwie so privat…“ „Wenn das Licht im Display erlischt, gehe ich schlafen…“ „Weiß jemand wann das neue IPhone vorbestellt werden kann?“ Per Beamer an die Wand geworfene Sätze karikieren SMS oder Blog-Dialoge technikverrückter IPhone-Maniacs, wie aus dem Netz mitgeschnitten, die ihrem Fetisch huldigen. Es nicht abwarten können, wann das Iphone 6 in den Laden kommt. Immer auf dem neuesten Stand sein. Am Statussymbol einer Generation. Schwarz oder Weiß? Smartphone Sex mit oder ohne Bumper…?

Und… neben all meiner Begeisterung über wunderbar gesetzten mehrstimmigen Gesang, präsentes Sprechen und choreografisch klar aufeinander abgestimmte Bewegungen, über „Heiteres und Kritisches“ rund ums Smartphone. Irgendetwas fasst nicht gänzlich an. Gleitet ab, wie am Smartphone-Display. Vielleicht ist es thematisch gewollt, dass es letztlich nicht tief berührt? Eher an einer schillernden glitzernden Oberfläche bleibt? Sich trotz kritischer Töne dort hält? Muss es denn tiefer gehen? Es sind die entscheidenden Punkte rund um die schöne neue Kommunikationswelt angesprochen, angesungen, angespielt, angetanzt… Einiges vielleicht auch etwas naiv. Immer aber ehrlich. Ästhetisch. Virtuos. Seltsam. Es war doch richtig gut. Es war zudem sehr schön. Besonders der mehrstimmige Gesang und auch die einzeln gesungenen und per Smartphone-Musik live gespielten Stücke.

Ist es symptomatisch das goldbehemdete Outfit und die Sportler-Schnürschuhe, die die Gruppe schnell und fast akrobatisch machen? In Impro-Theater-Haltung über die Bühne fliegen lässt? Etwas zu schnell? Zu homogen? Zu unpersönlich trotz aller Nähe? Dem Thema zu angepasst, an einer Oberfläche bleibend? Könnte ein Business-Outfit mehr Brüche erzeugen? Etwas Raues, Sprödes, Schräges, Unpassendes, an dem man mehr hängen bleibt? Irgendetwas gleitet an dieser Variete-Atmo als scheinen die Nummern fast zu glänzend zu laufen? Zu passend an einer irgendwie ja auch glatten Thematik? Zu schön homogen, sportlich schnell drüber weggeglitten? Selten scheint Individualität auf, die das Stück zu seiner Vertiefung brauchen kann. Jenes berührende verwundete allein sein hinter all der wunderbar verbindenden modernen Kommunikations-Technik?

Münster, den 27.1.2013

http://www.kreativ-haus.de/index.php?id=449&tx_ttnews%5Btt_news%5D=792&cHash=1d78af8236f138a9dc2306372192e4f8 http://www.echtzeit-theater.de

http://www.medienkompetenzschule.wordpress.com

 

„Tourniquet“, Abattoir Fermé, Theater im Pumpenhaus, Münster

Jürgen Lemke

Es beginnt mit einem sphärischen, unbeschreiblichen Geräusch in völliger Dunkelheit: schwirrend schabend, irgendwie rotierend, schleifend, seltsam überirdisch. Kommt es vom Band? Soetwas kann man doch nicht live auf der Bühne produzieren? Eine lange Phase Dunkelheit, in der man nichts sehen kann, keinen Schimmer hat, was auf der Bühne passiert, fordert auf, genau hinzuhören. Faszinierend. Ich sitze zu weit oben, um Aktionen auf der Bühne einschätzen und zuordnen zu können im undurchdringlichen Dunkel. In der ersten Reihe wird man den Luftzug mitbekommen haben. Als es allmählich heller wird, wird deutlich, wie das Geräusch entsteht. Ein nackter Mann schiebt in hoher Geschwindigkeit eine an einer Seite fixierte alte Holzplanke auf Rollen im Kreis über eine quadratisch angeordnete Fläche loser Fliesen. Das erzeugt dieses unwirkliche Geräusch.

Das Bild eines monoton im Kreis laufenden Tieres mit verbundenen Augen, beim Betrieb einer Wassermühle drängt sich auf. Der Mann trägt eine rotblonde langhaarige Perücke, die ihm in Verbindung mit seinem maskenhaften weiß geschminkten Gesicht die Anmutung eines steinzeitlichen Jägers gibt. Er sieht aus wie der Hordenführer aus dem Film „Am Anfang war das Feuer“. Im Bühnenhintergrund steht ein kleiner untersetzter Mann mit einer eher clownesk servilen Ausstrahlung, auch er ist nackt. Sein Gesicht weiß geschminkt, rote Lippen. Die ungewohnte kompromittierende offen zur Schau gestellte Nacktheit schafft eine erotisch aufgeladene Spannung. Bei allem selbstverständlich scheinenden, ästhetisch professionellen Umgang mit Körperlichkeit. Die fortwährende musikalische Begleitung durch eine hypnotische Musik von Krenk tut ein übriges zur Dramatisierung banaler aber ungewöhnlicher Handlungen.

Direkt vorne auf der Bühne sitzt eine Frau mit rotblonden Haaren lasziv in einer Badewanne und wäscht sich. Sie steht langsam auf, trocknet sich ab. Geht nach hinten. Zieht sich posenhaft, wie ausgestellt schwarze Nylons, Strapse, ein schwarzes Kleid, weiße Pumps an. Die Männer gehen immer wieder in den Bühnenhintergrund und holen nacheinander Kleidungsstücke. Sie ziehen ein weißes Hemd an, binden einen schwarzen Schlips, schwarze Hosen, schwarze Socken, Schuhe. Der Steinzeittyp schaut dabei immer wieder aggressiv ins Publikum. Der Dienertyp verwechselt die Schuhe. Es soll wohl komisch wirken.

Die Akteure arbeiten stimmlos, ohne Geräusch, ohne jede sprachliche Verständigung und auch mit einer zurückgenommenen fast übermenschlichen maskenhaften Mimik. Seltsam fremd und auch emotions- und kontaktlos. Alle Aktionen und Handlungen wirken klar und präzise gesetzt, ästhetisch kalkuliert und durchkomponiert. Auf ein notwendiges Minimum reduziert, von allem Überflüssigen entkleidet. Immer wieder wird zwischendurch verbergend und annonymisierend weiß gepudert: die Gesichter und auch die Scham…

Was wird in diesem sich andeutenden Grenzgang, im eher an der bildenden Kunst orientierten performativen Experiment zwischen einem Orgien-Mysterien Spiel von Herrman Nitsch oder auch einer Performance von Marina Abramovic zwischen zwei Männern und einer Frau passieren? Wie weit werden sie hier auf der Bühne gehen bei ihren Ritualen zwischen Sex, Macht und Opferspiel im Dienste eines gleichsam kultisch inszenierten Kontextes?

Das ungehobelte Baubrett wandelt sich nun mit einem roten Tuch zu einer Art Bar. Zwei Gläser werden aufgestellt. Große pantomimische Gesten, wie aus alten Stummfilmen, um das Glas leiten ein Trinkritual ein. Der „Diener“ ergreift die Flasche und schenkt ein Glas Wein nach dem anderen ein. Nach und nach werden zügig drei Flaschen leer getrunken. Als würde nun der Alkohol seine enthemmende Wirkung tun, entgleist das Ritual allmählich. Die Frau wird nun übergriffig, nicht der Mann. Sie zerrt erst an seinem Schlips, dann an seiner Hose, gibt eindeutige auffordernde Paarungs-Signale. Er fängt an sich auszuziehen. Auch sie öffnet ihr Hemd, sodass eine Brust sichtbar ist. Zieht ihren Rock hoch, entblößt provozierend ihren Hintern, streckt ihm dem Mann entgegen, bietet sich an. Der reagiert aber nicht sondern sinkt schließlich betrunken zu Boden. Die Frau wendet sich nun dem anderen Mann zu. Auch dort gibt es nicht die gewünschte Reaktion. Jetzt wendet sie sich wieder dem Jäger zu. Doch gegen jede aufgebaute Zuschauer-Erwartung kommt es nun nicht zum wilden vereinigenden archaischen Geschlechtsakt, zum Vollzug dessen, was dramaturgisch aufgebaut scheint. Anstatt sich also rittlings auf den am Boden liegenden Mann zu setzen und ihn wild zu reiten, schließt die Frau dem Mann nur ganz banal, in einer kleinen Handlung den Hosenschlitz. Zipp und Zapp. Wie weit darf es auf der Bühne gehen?

Die Frau setzt sich auf das Brett. Der Jäger reibt seine Hände mit schwarzer Farbe ein und streicht ihr gestisch mit beiden Händen über den nackten Rücken. Zwei Wisch-Abdrücke bleiben in Höhe ihrer Schulterblätter. Sie fällt zur Seite. Liegt auf dem Brett. Sinkt schließlich zu Boden, bleibt dort liegen. Wird Frau nun Fleisch? Ein Schlacht-Opfer? Beide Männer ziehen sich jedenfalls mit großer dramatischer Geste weiße Schlachterschürzen und gewässerte Gummihandschuhe an. Sie entrollen eine dünne durchsichtige Plastikfolie, die als Material durch ihre Luftempfindlichkeit sperrig ist, sich bläht, eigene ungewollte Formen annimmt. Material muss gebändigt werden, gezwungen in die Form der Badewanne. Glatt gestrichen bildet sie schließlich das Bett, eine Zwischenhaut. Frau wird hochgenommen, als soll auch sie nun symbolisch gebändigt in diese Form gezwungen werden. Sie sperrt sich, stemmt sich mit Händen und Füssen zu einer Brücke über der Wanne. Der Steinzeitjäger nimmt schließlich weißes Pulver, wirft es ihr klatschend auf den Bauch. Das bricht ihren Widerstand? Sie platscht ins Wasser. Der Diener, wickelt Frau in Frischhalte-Folie. Die Folie in der Wanne wird aus einer Pressluftflasche aufgepustet. Frau steht abrupt auf. Folie wird Kleid. Alle drei tragen nun Masken. Frau rekelt sich lasziv auf dem Brett. Spreizt auffordernd die Beine. Mann dreht sie. Plötzlich nimmt Mann einen Stierschädel. Wird Mann nun Protagonist eines satanischen Rituals? Mann tritt zwischen ihre gespreizten Beine. Die Musik stoppt…

Geht es um performatives Handeln, um sich wiederholende Gesten, um alltägliche Rituale? Banale oder vermutete kultische Handlungen? Provokative Grenzüberschreitungen? Wir sehen Gesten des Einfüllens von Wein in Gläser. Gesten des sich Zuprostens. Betrunken werden. Ein Fallen von Hüllen und Fassaden? Enthemmt werden, geil werden, anzüglich werden, sich schön trinken, übergriffige Gesten, sich anbieten? Bewusstsein verlieren?… Geht so Mann und Frau?

„Abattoir Ferme“, das geschlossene Schlachthaus, lotet Grenzen des Theaters aus. Ein theatrales Spiel lebt von der Mimesis, von der Nachahmung, von der Aufführung einer Rolle. Persona versteckt sich hinter der Larve (Maske). Es ist und bleibt Spiel. Maskerade. Es ist nicht wirklich ernst? Es geht auch letztlich nicht tief genug? Ein Performancekünstler arbeitet als wirkliche Person. Die künstlerische Performance wirkt durch ihre Authentizität. Durch das Sein und die Präsenz des Künstlers vor Publikum. Das skurrile Spiel mit Nacktheit provoziert zwar eine andere Form von Präsenz in der theatralen Aufführung. Immer dann jedoch, wenn der nackte Körper gepudert also nachmaskiert wird, erkennen wir die Schnittstelle zwischen echt und gespielt. Durch die Tünche wird alles Tun auf der Bühne theatral, ästhetisch und moralisch abgesichert? Erträglicher aber zugleich auch banal für den Zuschauer? Kann die offene unabgesicherte Form einer künstlerischen Performance unmittelbarer und direkter herausfordern und wirklicher irritieren, indem sie Existenz auf’s Spiel setzt?

„Ein Tourniquet (frz. Drehkreuz, auch Aderpresse) ist ein Abbindesystem, durch das der Blutfluß in den Adern (abhängig vom Druck) gestaut werden kann.“ (Wikipedia)

Münster.12.05.2010

http://www.youtube.com/watch?v=X2Y1ew-3B0M&feature=related
www.abattoirferme.be