„Ein Volksfeind“ im Theater Münster

volksfeind

„Ein Volksfeind“ im Theater Münster
von Hendrik Ibsen in einer Bühnenfassung von Florian Borchmeyer

von Jürgen Lemke

„… nicht nur das Wasser ist vergiftet sondern die Grundlagen unserer Gesellschaft …“, so  Stockmann (Aurel Bereuter) in seinem fundamental gesellschaftskritischen und intensiven Monolog vor der Bürgerversammlung „Publikum“ – der von ihm selbst auf den Punkt geschrieben ist. Darin ist viel Wahrhaftiges. Eine glühend kämpferische und idealistische Überzeugung, dass eigentlich etwas fundamental in dieser Gesellschaft verändert werden muss, wenn es zum Schaden aller ist und auch Ohnmacht und Verzweiflung darüber, wie ein korruptes Lobby-System funktioniert. Wie ökonomische Sachzwänge Wahrheiten verdrehen und wie „Vergiftungen auf allen Ebenen“ schließlich als Fundament für diese Gesellschaft akzeptiert werden. Am Ende wirkt körperliche Gewalt gegen einen, der Wahrheit ausspricht und es wird von einer stillhaltenden Mehrheit hingenommen.
Stockmanns, bzw Bereuters Kampf, gegen ein virulentes Gesellschafts-Lügengespinst bis an den Rand des Wahnsinns ist so lebendig und überzeugend mitreißend spürbar, wie selten im Theater. Er trifft hochaktuell den Nerv dieser Zeit.

Im fiktiven Kur- und Aasee-Bad Münster, Heile-Welt-Stadt und lebenswertester Ort der Welt, entdeckt Kurarzt Stockmann (Aurel Bereuter), der gerade mit seiner Frau (Julia Stefanie Möller) ein Baby bekommen hat, dass die Grundlage aller für Leben und Wohlstand, das so wichtige heilsame Wasser vergiftet ist. Über diesen Skandal will er die Öffentlichkeit durch einen Artikel in der örtlichen Zeitung aufklären. Schließlich ist er verantwortlich für das Wohl seiner Patienten, die in ein Kurbad kommen, wo sie Heilwasser gegen ihre Leiden für die Gesundheit erwarten und stattdessen aber Giftwasser bekommen, das sie eher noch kränker macht.
Eigentlich doch unstrittig diese skandalöse Entdeckung per Test objektiv belegt. Eine Unmöglichkeit, ein unfassbar schädlicher Vorgang, wo jedem mündigen Bürger klar sein müsste, dass das sofort abgestellt gehört. Aber es ist eben nur „eine Wahrheit“, die andere wird von Interessen bestimmt.

Der Bruder des Arztes, Bürgermeister (Mark Oliver Bögel), hat diese „andere Wahrheit“. Er ist scheinbar bemüht um das Wohl der Stadt und will eine Veröffentlichung der Wassertests mit Macht verhindern. Die Zukunft der Stadt steht auf dem Spiel also versucht er die Giftigkeit des Wassers herunter spielen. Verleger und Journalisten zu überzeugen, den Artikel nicht zu veröffentlichen. Es brauche zu viel Geld, um das Wasser zu reinigen. Das sei nicht vorhanden. Er verordnet folglich als Dienstherr seinem brüderlichen Angestellten das Schweigen. Stockmanns „Freunde“ bei der Zeitung Hovstedt (Dennis Laubenthal) und Billing (Maximilian Scheidt ) reagieren zunächst unterstützend, dann aber unter Einfluss des Bürgermeisters ablehnend und schließlich korrupt.
Kurarzt Stockmann hält sich jedoch nicht an seine Schweigepflicht und dafür aber eine glühende Rede für die Wahrheit gegen ein vergiftetes Fundament unserer Gesellschaft vor der Bürgerversammlung und wird daraus gewaltsam entfernt und zusammengeschlagen.
Verursacher der Wasservergiftung ist ausgerechnet die Fabrik seines Schwiegervaters Morten Kiil (Gerhard Mohr), der mit dem Aufkauf, der nun gefallenen Kurbad-Aktien, die er nun ganz perfide an Stockmann „vererbt“ das Ganze schließlich auf die Spitze treibt und das Ausmaß an Ohnmacht und Verstrickung sichtbar macht. Am Ende steht Stockmann, der Verkünder unliebsamer Wahrheiten, als „ein Volksfeind“, allein und ohne Job. Selbst die Loyalität seiner Frau (Julia Stefanie Möller) steht auf dem Spiel. Ein Münstertypisches Bühnenbild (David Hohmann) mit sperrigem Fahrradchaos unterhalb einer Stadtkulisse im Scherenschnitt und der ewige Regen unterstreicht eine eher trostlose depressive Atmosphäre.

„Ein Volksfeind“ zeigt in einer überragenden schauspielerischen und inszenatorischen Leistung, symptomatisch und treffend, wie sich Protagonisten aus Medienwelt, Ökonomie und Verwaltung angesichts einer Katastrophe zwischen privat und öffentlich verhalten. Die zeitaktuelle Brisanz einer Verflechtung zwischen wirtschaftlichen Finanz- und Lobby-Interessen und der Ohnmacht eines diese Verbindungen sehenden aufgeklärten idealistischen Individuums ist auf den Punkt gebracht. Theater wird hier als ein Ort unmittelbaren Empfindens, Denkens und Handelns in mitreißender Weise lebendig.

Stockmann greift zurecht in seiner Rede eine „scheißliberale schweigende Masse“ an, die sich einen ständigen Verrat am wirklichen Leben gefallen lässt und dies dennoch nicht abwählt: Bankenbetrug, Fleischvergiftung durch Massentierhaltung, Wasservergiftung, etc.
Selten ist eine „innere Aufforderung“ im Theater als Zuschauer zu handeln und in die Inszenierung aktiv einzugreifen so unmittelbar spürbar. Es ist unerträglich zu erleben, wie gewaltsam körperlich eine Medien- und Lobbymacht schließlich unmittelbar auf den Einzelnen einwirkt. Wie aufgrund, eines verlogenen, nur scheinbar für die Allgemeinheit notwendigen öffentlichen Wohls, selbst vergiftetes Wasser in Kauf genommen wird und Leben aufs Spiel gesetzt wird. Es geht in Wirklichkeit um riesige Gewinne und die Bereicherung weniger Profiteure auf Kosten der Allgemeinheit.

„Volksfeind“, eigentlich ein Volks-Held… aber eben schädlich weil er leider die falsche Wahrheit hat und damit auch noch provoziert und angreift. Daraufhin muss er von gewalttätigen „Zuschauern“ vor einem tatenlosen Publikum aus dem Theater geschleppt werden. Seltsam direkt und doch distanziert, wie in den Medien, wie ein Bericht in den Nachrichten, läuft diese unmittelbare Gewaltaktion an Stockmann aus dem Theatersaal, groß projiziert auf die Kulisse als ein Action-Film hinaus in die Wirklichkeit des nächtlichen Münsters. Die Unmittelbarkeit eines „Live-Erlebens“, des dicht dran seins im Theater-Raum wird im Moment noch dokumentarisch. Ihrer brisanten Spitze enthoben. Jetzt scheint es „nur noch Nachricht“. Da kann ich ja nichts mehr tun. Jetzt brauche ich nicht mehr einzugreifen. Das ist wie Fern-Sehen. Ich bin als Zuschauer entlastet von meinem Handeln. Gut so. Ach, nun ist es erstmal weit weg…
Das Wirkliche, „echte Reale“, scheint immer weiter von uns weg zu rücken. Ein künstlich  Gemachtes wird immer größer und lauter. Inszenierte Realität „privater Sender“ ist eben besser geeignet, um an den Bildschirm zu fesseln. Höhere Quote zu machen. Mehr Werbe-Geld einzuspielen. Ein manipuliertes gehyptes „Leben“ ist spektakulärer und lässt sich besser verkaufen. Mediale Inszenierungswut in den Medien. Die Sucht nach dem spektakulären Hype. Nach dem täglichen Horror. Der Freak-Show. Entfremdet, hilflos… ausgeliefert… allein?

Erschreckend, wie dicht dieses Theater aktuell an unser aller Wirklichkeit ist. Wie ohnmächtig ökonomiegesteuerte Verflechtungen zwischen Politik, Wirtschaft, Medien wirken. Wie kurzsichtig „lebensgefährlich“ eine Lobby-gesteuerte „Real-Politik“ agiert, die wirtschaftliche Interessen vor den gesundheitlichen Schutz der eigenen Bevölkerung stellt. Dennoch wird dieses scheinbar so notwendige Wirtschafts-Handeln aus Sachzwängen offenbar von der großen Mehrheit als gleichsam unveränderlich gegeben hingenommen. Von einer scheinbar vernünftig und sachlich rational handelnden Gesellschaft, die aber primär davon bestimmt zu sein scheint, weltweit auf Kosten vieler zum Benefit weniger, möglichst alle verfügbaren Ressourcen auszubeuten, um immer mehr Profite zu erzielen. Wenige bereichern sich auf Kosten der Gemeinschaft. Alles, selbst die „Wahrheit“ ordnet sich immer mehr einem ausbeutenden Gewinnstreben unter.
Das alles ist eigentlich völlig irre und wahnsinnig. Nicht der Einzelne, der dagegen rebelliert und als „Volksfeind“ geoutet wird.

Können wir da nicht raus? Müssen wir alle mit? Ob wir wollen oder nicht? Sind wir alle Teil einer „Wachse-Oder-Weiche“ Gesellschaftsstruktur, die auf Werbe-Lügen aufgebaut ist? Müssen wir mitmachen oder stehen wir sonst am Ende allein? Ohne Familie, ohne Bruder, ohne Frau und Kind, ohne Job und eigene Wohnung, auf der Straße…? Wenn wir nicht mitspielen…?
Ist dieses Stück nicht vielmehr eine Aufforderung, sich angesichts all dieser unfassbaren realpolitischen Zweck-Lügen, gerade deshalb umso mehr zu engagieren. Auch als Einzelner für Werte und Wahrheit einzustehen und sich nicht anzupassen, auch wenn es schier aussichtslos erscheint.
Es ist in diesem Theater eine Lebendigkeit zu spüren, die vor allem durch ein authentisches überzeugendes Spiel des Hauptdarstellers wirkt. Es geht um diese besondere mitreißende bewegende Energie, die spürbar wird, wenn der Kern existenziell vielleicht dort getroffen ist, wo Seele ist. Die Bereitschaft für die eigene Überzeugung zu kämpfen derart unmittelbar präsent aufscheint. Auch wenn es irgendwie auch sinnlos, ja verrückt ist. 
Es beschreibt den Weg des Künstlers, Schauspielers, Sehers, Utopisten oder auch Schamanen. Ein Weg der steinig ist aber Sinn macht. Etwas von diesem besonderen Leuchten ist auf das Publikum übergesprungen.
Danke dafür. 

 Inszenierung: Frank Behnke

Bühnenbild: David Hohmann
Kostüme: Kristopher Kempf
Video: Matthias Greving
Dramaturgie: Friederike Engel

Stockmann, Badearzt: Aurel Bereuter
Frau Stockmann, seine Frau: Julia Stefanie Möller
Peter Stockmann, Stadtrat – hier Bürgermeister: Mark Oliver Bögel
Aslaksen, Buchdrucker: Frank-Peter Dettmann
Hovstedt, Redakteur: Dennis Laubenthal
Billing, Mitarbeiter der Zeitung: Maximilian Scheidt
Morten Kiil, Stockmanns Schwiegervater: Gerhard Mohr

http://www.theater-muenster.com/produktionen/ein-volksfeind.html/m=117

PS: Fiktion und Wirklichkeit
Das Thema „Gift im Wasser“ ist brandaktuell. Nicht nur hier im Theater auch in der Wirklichkeit.
Hat doch gerade eine Lobby-Politik, forciert durch Kommissar Oettinger, die vom EU-Parlament schon beschlossene Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) beim sogenannten „Fracking“ wieder aufgehoben, so dass bei den geplanten unkonventionellen Gasförderungen vergiftetes Wasser in großen Mengen unkontrolliert in den Boden gepumpt werden darf.
Die Förderrechte für die Gas-Claims rund um die Stadt Münster hat sich der amerikanische Weltkonzern EXXON gesichert. Mit einem EU-Persilschein wegen des Freihandelsabkommens im Rücken kann es nun schon bald trotz momentanen NRW Vetos auch hier mit dem Gasbohren losgehen. Denn das Bundes-Berg-Recht gibt den Konzernen alle Rechte dazu.
Dann entsteht auch hier, in der schönen Münsterländischen Parklandschaft, wo man es noch überhaupt nicht vermutet, ein verrohrtes, betoniertes und abgefackeltes Erdgas-Fördergebiet nach US-Vorbild (brennendes Gas mit Wasser zusammen aus einer Leitung)
Dann wäre auch in Wirklichkeit Schluss mit der lebenswertesten Heile-Welt-Stadt Münster. Sie läge mitten in einer Industrielandschaft…

„Frühlingsstürme“ unter Hollywoodschaukeln im Theater Münster – eine deutsche Erstaufführung

hollywoodschaukel

von Jürgen Lemke

Münster goes Hollywood? Südstaaten-Feeling im Herzen Westfalens? Mississippi-Delta-Blues? Im „Theater Münster“ hat sich seit dem Intendantenwechsel im letzten Jahr nicht nur der Name geändert. Ein frischer Wind weht von neuer Bühne in die Stadt. Jetzt wird er zum Sturm. Ein hochmotiviertes Ensemble mit toller Spielfreude begeistert das Münsteraner Publikum. Der hierfür verantwortliche Schauspieldirektor dreht unverdrossen weiter am Rad, selbst wenn es ihn kurzzeitig abgeworfen hat. Frank Behnke, der „Jürgen Klopp“ des Theater Münster, hat es mit seinem jungen Ensemble geschafft, in kürzester Zeit eine oft eher angestaubte Schauspiel-Vergangenheit der Städtischen Bühnen vergessen zu machen.

Mit Pioniergeist, Weitblick und Mut wagt er sich nun an ein eher nicht ganz so vollkommenes Stück eines ganz Großen weil er darin die Trüffel wittert. Im „Royal National Theatre“ in London bei der britischen Erstaufführung 2010 ist er fündig geworden: „Frühlingsstürme“. Die haben ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Engagiert, ehrgeizig und profund bearbeitet er daraufhin dieses verschollene Frühwerk des weltberühmten Autors Tennessee Williams für eine deutsche Erstaufführung. Das Stück ist nie zu Lebzeiten des Autors zur Aufführung gekommen und deshalb auch noch nicht ganz „bühnenreif“. Behnke muss mit den Rechteinhabern um die Streichung von Textpassagen und Nebenrollen kämpfen, damit es spielbar wird. Er weiß, dass in diesem „Jugendwerk“ gleichsam die wertvolle Grundmatrix vieler berühmter Stücke von Tennesse Williams angelegt ist. Diesen ungeschliffenen Edelstein galt es für’s Theater zu bergen und in deutscher Erstaufführung zu präsentieren.

Williams hatte „Spring Storm“ im Jahre 1937 während seines Studiums geschrieben. Als er das Stück in seiner Ausbildungs-Klasse für Bühnenautoren vorstellte, bekam er keine guten Rückmeldungen. Er schrieb dazu damals: „Habe die letzte Version meines zweiten Aktes vorgelesen, und es wurde letztlich ganz, ganz am Ende von der Klasse wegen der Schwäche des Charakters „Heavenly“ abgelehnt. Sicherlich ist es sehr ärgerlich und entmutigend an einer Sache zu arbeiten und sie dann fallen zu lassen. Aber es gibt noch eine Chance, dass sie falsch liegen – alle – ich muss mich an diese Chance klammern… “ (s. engl. Wikipedia  – freie Übersetzung des Autors) Es gab wohl auch die Idee dieses Stück „April is the cruellest month…“ nach der ersten Zeile von T. S. Eliots Epochenwerk „The Waste Land“ zu benennen. Dies deutet die Dimensionen an, in denen Williams sich damals schon mit diesem Stück bewegt.

„Frühlingsstürme“ spielt an auf  jene üble Jahreszeit mit Gewitter, Donner und Stürmen, die zugleich Sinnbild sein kann für eine Gesellschaft während der „Großen Depression“. In den hier gezeichneten Charakteren spiegeln sich grundlegende Haltungen von gut situierten weißen Einwohnern der Südstaaten-Kleinstadt Port Tyler am Mississippi Delta im krisengeschüttelten Amerika der 30er Jahre.

Über der Bühne des Kleinen Hauses schweben große Hollywoodschaukeln (David Hohmann), bespannt mit dreissiger Jahre Stoffen, in denen maskierte Frauen in Kleidern marionettenhaft posen. Männer und Frauen wirken wie ausgestellt mit ihren Masken, ohne erkennbare Persönlichkeit. Alle scheinen eher äußerlich bewegt durch den Wind eines großen Ventilators. Das gibt die Anmutung einer gemachten Lebendigkeit, wie auf einem gestellten Gruppenfoto. Ein seltsam erstarrtes Bild baut sich am Bühnenrand auf. Stereotypen, Klischees von Mann und Frau künstlich aufgebläht, ja angeblasen, wie das bekannte Liebespaar am Bug der als unsinkbar geltenden Titanic kurz vor der Katastrophe? Hier wird von hinten ventiliert. Untergründig befördert ein allmählich an- und abschwellender Sound (Kai Niggemann), wie ein Störsender eine unwirklich bedrohliche Stimmung, die später immer wieder von Blitz und Donner begleitet wird. Charaktere gleiten vorbei, bleiben noch nicht haften. Berühren am Anfang nicht wirklich.

Allmählich werden die unterschiedlichen Typen deutlicher: Dick Miles (Maximilian Scheidt), ein hemdsärmelig zupackender, jugendlich romantischer und zugleich erdiger Pioniertyp geht nach vorn, will aufbrechen aus erstarrten Strukturen und zu neuen Ufern vorstoßen. Arthur Shannon (Florian Steffens) im weißen Anzug, wirkt steif, linkisch verklemmt, schüchtern und weltfern aber führt intellektuell belesen ein großes Wort… und er hat als Plantagenerbe Geld. Heavenly Critchfield (Maike Jüttendonk), die nicht nur „himmlische“, lebenshungrig quirlige, unberechenbar launische Kindfrau, tanzt hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Männern. Hertha Nielson (Lilly Gropper) lebt wie Arthur eher in ihren Büchern und träumt von ihrer unerfüllten Liebe zu ihm.

Mutter Esmeralda Critchfield (Carola von Seckendorff) und Tante Lila (Regine Andratschke) erscheinen wie Prototypen jener schrill hysterischen und gleichzeitig hochmoralischen amerikanischen Mütter mit ewig eingemeißeltem Grinsen und betonierter Dauerwelle. Immer bereit an ihren Kindern solange zu drehen und zu schrauben bis es für sie passt. Sie versuchen ständig moralisch oder erziehend helfend einzuwirken und in ihrem Sinn zu kuppeln. Mutter will natürlich den smarten Arthur, ein Mann mit Geld, als ihren Schwiegersohn und treibt damit die opponierende Heavenly in die Arme von Dick. Ein richtiger Kerl, an den Frau sich anlehnen kann. Und zudem kann er gut küssen. Es scheint, als habe Dick mit seiner Männlichkeit Heavenly so gut wie sicher. Oder etwa nicht? Nein – die Beziehung ist wohl doch nicht so fest. Denn dieser Typ Mann mit seinen romantischen Traumvorstellungen vom Leben auf schwankendem Hausboot im Fluss nur mit den Sternen über sich ist für Heavenly doch schließlich zu unsicher. Es schaukelt mächtig auf dem Beziehungsboot.

„Frühlingsstürme“ wirkt in der Inszenierung zweigeteilt: Eine eher nüchterne Phase vor der Pause und eine betrunkene Phase danach. So, als begänne der Beziehungs-Showdown schließlich mit einer schrillen „Partytime“. SpringBreak, Komasaufen und hemmungsloser Sex, wie heutzutage von Amerikas Jugend praktiziert, wäre übertrieben für die 30er? Dennoch – die Darsteller erscheinen nach der Pause aufgehübscht, schräg und grell angezogen. Nur Arthur trägt schwarz. Alle bereit für einen Exzess unter glitzernder Diskokugel? Alkohol als Bowle wird eifrig ausgeschenkt. Akzeptiertes Triebmittel für ein Handeln ohne Moral zwischen verwirrten Geschlechtern. Ein gesellschaftliches Ritual in Gemeinschaft beginnt. Maitanz? Beltane? Es ist doch kulturübergreifend seit ewigen Zeiten immer schon so. Ende April. Man trinkt und tanzt. Enthemmt sich. Überschreitet Grenzen. Und dann geht’s ab in die Büsche…?

Arthur betrinkt sich zum ersten Mal in seinem Leben. Als wäre nun auch als Spätpubertierender seine Initiation, seine Mannwerdung, gekommen. Er genießt es, dass seine Hemmungen endlich fallen, seine Männlichkeit anschwillt. Sein „Dick“ steigt ihm mächtig zu Kopf. Er bekommt dann auch noch einmal, wie immer schon seit Kindertagen vom leibhaftigen Dick ganz jungmännchenmäßig etwas aufs Maul. Same as it ever was. Und wird gegenüber beiden Frauen übergriffig. Beide Male scheitern. Heavenly weist ihn zurück wegen dem leibhaftigen Dick. Und… dann ist eben Hertha dran, einfach weil sie Frau ist und deshalb ja auch zur Liebe taugt für seine männlich triebhaften Angriffe. Aber die ist leider in ihn verliebt. Als sie ihn schließlich trotz seiner massiven Übergriffe will, widert es ihn geradezu an. Vielleicht so extrem weil sein „Dick“ eigentlich doch nicht in Frau will? Er weist sie jedenfalls überhart zurück und beleidigt sie dabei so tief, dass diese massive Verletzung ihrer Gefühle eine unbeabsichtigte finale Wirkung zeigt: Hertha wirft sich vor den Zug. Dieses „erdige Frühlingsopfer“ bringt Moral zurück? Wieder in Kontakt mit Heavenly erfolgt nach der Todesnachricht abrupt Arthurs ernüchtertes Erwachen aus alkoholisierten Männlichkeitsträumen. Arthur fühlt sich schuldig an Herthas Selbstmord. Seine Moral verhindert schließlich ein himmlisches „Happy End“ als Heavenly doch wieder mit ihm will.

„Frühlingstürme“ zeigt höchst instabile, unreife zu ihrem Handeln getriebene identitätssuchende Menschen in stetem „Hin- und Her“ und „Auf und Ab“. Leben nach dem Prinzip Hollywood-Schaukel? Immer in der Hoffnung eines synchronen Schaukelns zu zweit. Mit Mann oder mit Frau? Für Frau der Traum vom abgesicherten Dasein in den Armen des Mannes? Für Arthur vielleicht doch eher mit Mann? Für Dick bedeutet Traum, auf einem schaukelnden Schiff mitten auf dem großen Fluss unter den Sternen zu leben zusammen mit einer geliebten Frau. Doch die will leider nicht. Es ist schier zum Verzweifeln. Alle scheinen naiv zur Schaukel zu streben. Zum Ausgleich, zu einer scheinbaren Harmonie. Und alle fühlen sich irgendwie verschaukelt. Nichts ist wirklich sicher. Immer wieder gibt einer vor, das Beste für den anderen und sich selbst zu wollen. Besonders natürlich selbstlose Mütter und Tanten. Die alles nur für die Kinder tun. Eigentlich sind sie die Schlimmsten weil sie aufgehört haben, selbst zu leben. Aber alles tun, um andere in ihrem Sinne zu manipulieren. Hey Mann greif zu! Frauen wollen das! Hollywood-Schaukel, ein Himmel auf Erden? Wo die Fallhöhe beim Absturz nicht wirklich gefährlich werden kann? Hertha ist abgestürzt… Und… der schlimmste Alptraum für eine Heavenly ist es, als alte Jungfrau allein in einer Schaukel auf der Terrasse am Fluss sitzen zu bleiben? Und so denken wahrscheinlich die meisten Frauen? Und die Männer? Mississippi Delta Blues!

http://www.theater-muenster.com/produktionen/fruehlingsstuerme.html/ID_Vorstellung=263&m=64

„Frühlingsstürme“ von Tennessee Williams, Theater Münster
Deutsche Erstaufführung am 22.02.2013

Inszenierung:Frank Behnke
Bühne & Kostüme: David Hohmann
Musik: Kai Niggemann
Dramaturgie: Friederike Engel
Besetzung
Heavenly Critchfield: Maike Jüttendonk
Dick Miles: Maximilian Scheidt
Hertha Nielson: Lilly Gropper
Arthur Shannon: Florian Steffens
Esmeralda Critchfield: Carola von Seckendorff
Lila Critchfield: Regine Andratschke
Oliver Critchfield / Reverend Hooker / Kellner: Hartmut Lange
Agnes Peabody / Berdie Slagman: Claudia Hübschmann