ORTungen 2017: »LOGO/PIENE – Initiative und Manifest für Kunst und Öffentlichkeit Münster«

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»Possible danger zones for the public are usually marked in red and white. They indicate potentially accidental places with increased attention as vacancies of a temporary reconstruction in the public. The red-white warning tape catalyzes a sense of security in the public, which is increasingly threatened. The sculptural amalgam »Logo\Piene« is a public place of change in which this threat manifests, so it has to be marked! According to my site-specific artistic principle »ORTungen«, I suspect the significance of this sculptural art\advertising phenomenon »LWL-Logo\Piene«, in which the themes of the sculpture projects 2017 concentrate on contemporary art.« Jürgen Lemke

aua logo piene

ENGLISH Version – please see below

HIER KANN MAN DIE ONLINE – PETITION UNTERZEICHNEN

Initiative für Kunst und Öffentlichkeit – Transparenz in Zeiten von Digitalisierung, Globalisierung und neuen Ökonomien

Jürgen Lemke

Die Initiative für Kunst und Öffentlichkeit thematisiert den Übergriff auf die im Jahr 2014 neu digitalisierte Arbeit »Silberne Frequenz« des international renommierten Lichtkünstlers Otto Piene (Gruppe ZERO) an der Außenwand des »LWL-Museums für Kunst und Kultur« in Münster. Seit 1972 hing die Piene-Lichtkunstarbeit an der Fassade des »Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte«. Mit Museums-Neubau und Namenswechsel vollzieht sich offenbar ein grundlegender Einstellungs-Wandel gegenüber der Kunst. Mitten in der neu gestalteten Arbeit von Otto Piene glänzt nun fehlplaziert in metergroßen Lettern das LWL-Logo. Die Umwidmung des Kunstwerks zu einer »LWL-Werbeanlage« sowie auch »Kunst als Markenzeichen« ist schwer hinzunehmen. Daher möchte die Initiative Öffentlichkeit herstellen und einen Kunst-Fach-Diskurs eröffnen, um mehr Transparenz und Aufklärung in diese untragbaren Vorgänge zu bringen.

Der Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL) als Betreiber des LWL-Museums ist für die, unter kuratorischen und ethischen Aspekten unverantwortlichen, musealen Marketing-Übergriffe auf den eigenen Kunstbestand zuständig. Er ist zugleich Auftraggeber und Veranstalter der internationalen Ausstellung »Skulptur Projekte 2017«, die alle 10 Jahre den Wandel von »Kunst und Öffentlichkeit« in Münster untersucht und thematisiert. Im Jahr 2017 lauten deren Themen »Digitalisierung, Globalisierung und neue Ökonomien«. Was liegt also im Sinne der Kunst näher, als sich auch dieser Vereinnahmung von Kunst für repräsentative museale Zwecke an der Museums-Außenwand verantwortlich zu widmen? Denn hier hängen offenbar entwertende Auswüchse der aktuellen Skulptur Projekte Themen gleichsam als Steilvorlage in Form des »LOGO\PIENE- Amalgams« symbolhaft sichtbar an der eigenen Fassade.

Die »Logo-Attacke auf die Kunst« erhält noch eine besondere Brisanz: Der im Jahr 2014, vor der Einweihung seiner neu digitalisierten »Silberne Frequenz«, verstorbene Künstler Otto Piene soll der Einfügung des LWL-Logos unter »Kunst ist Information«-Aspekten in seine Arbeit zugestimmt haben. LWL-Kulturverantwortliche versichern, der Künstler habe das selbst so gewollt, – damit aber wäre sein Werk inklusive LWL-Logo ein »Kunstwerk«. Selbst wenn dies nicht freiwillig, sondern unter Druck geschehen sein soll: seine Lichtarbeit sollte offenbar ohne Logo-Berücksichtigung nicht wieder installiert werden. Ein Rückbau des LWL-Logos wäre dann aber ein weiterer entmündigender Eingriff in die »künstlerische Arbeit« von Otto Piene. Auch die Auskunft der Stadt Münster auf eine GRÜNEN Anfrage wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Altstadtsatzung (»Werbeanlagen in Form von Lichtprojektionen sind danach unzulässig«) behauptet: das sei »Kunst« und keine Werbung!

Das »LOGO\PIENE – Kunst/Marketing-Konstrukt« stellt sich somit unter »Kunst/Autonomie-Fragen« als hochkomplex klärungsbedürftig dar. Eine Entfernung des LWL-Logos vor Beginn der Skulptur Projekte 2017, um Museums-Fassade und Piene-Kunst gleichsam wieder »rein zu waschen«, wäre angesichts seiner zeitaktuellen symbolhaften Bedeutung für die Kunst unverantwortlich. Was immer mit der Piene Arbeit weiterhin geschieht, sie braucht einen ihr angemessenen sorgfältig und gründlich geführten Kunst-Fach-Diskurs während der Skulptur Projekte.

Die Transparenz einfordernde publikumsnahe Neu-Konzeption des LWL-Museums »OFFEN!« dürfte einem verantwortungsbewusst klärenden Umgang mit diesem Thema im eigenen Interesse keine Hindernisse in den Weg legen. Allerdings gehen die Verantwortlichen aktuell nicht offensiv mit dieser Problematik um. Angesichts einer Weltöffentlichkeit bei den kommenden »Skulptur Projekte 2017« droht international ein Gesichtsverlust. In einem, im skulptural emanzipativen Sinn, offen und professionell geführten Auseinandersetzungsprozess mit der »LWL-Fassade« läge die Chance, dass es für eine um die Kunst in Münster besorgte Öffentlichkeit transparent, partizipativ und weltoffen zugewandt nach vorne geht.

Die Initiative für Kunst und Öffentlichkeit fordert daher

  • den Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL) auf, neben seinen wissenschaftlichen Kommissionen für Altertum, Mundart, Literatur, Geografie und Volkskunde – auch eine zeitgenössische Kunstkommission einzurichten. Zur Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf die Kunst sowie zum Thema »Wandel musealer und kuratorischer Aufgaben im Zeichen von Digitalisierung, Globalisierung und neuen Ökonomien« als auch für eine kunstfachliche Beratung des LWL-Kulturausschusses.
  • das LWL-Museum für Kunst und Kultur auf, während der »Skulptur Projekte 2017« das von Direktor Dr. Hermann Arnhold bereits mehrfach avisierte internationale Symposium zum Thema »LWL-Logo und Silberne Frequenz« durchzuführen.
  • den Landschaftsverband-Westfalen-Lippe auf, die »Skulptur Projekte 2017« zu beauftragen, die für einen Wandel von »Kunst und Öffentlichkeit« in Münster relevanten Ereignisse an der LWL-Museums-Fassade im Rahmen der Themen »Digitalisierung, Globalisierung und neue Ökonomien« zu untersuchen.
  • LWL und »Skulptur Projekte« auf, am LWL-Museum für Kunst und Kultur den Standort »Vorplatz-Piene« frei zu geben für notwendige partizipative Prozesse, Diskurse und künstlerische Ideen aus der lokalen und internationalen Öffentlichkeit. Anregungen, Konzepte und Kritik sollten bei den Skulptur Projekten gesammelt, diskutiert und dokumentiert werden.
  • die Stadt Münster als Vertragspartnerin des LWL für die »Skulptur Projekte 2017« auf, die für Kunst und Öffentlichkeit und für das Stadtmarketing in Münster relevanten LWL\PIENE Vorgänge in seinen Gremien »Kunstfachbeirat«, »Beirat Münster Marketing« sowie im »Kulturausschuss« zu thematisieren.

Erstunterzeichner*innen des Manifests für Kunst und Öffentlichkeit:

Ursula Achternkamp (Bildende Künstlerin, Havelberg), Rainer Bauer (Bildender Künstler, Aachen), Martin Becker (Stadtplaner, Münster), Frank Behnke (Schauspieldirektor, Theater Münster), Frank Biermann (Musiker/Journalist, Münster), Dr. Silvia Bürkle (Ärztin, Karlsruhe), Prof. Katja Butt (Bildende Künstlerin, Köln), Luzia-Maria Derks (Bildende Künstlerin, Münster), Lena Dues (Kunststudentin, Münster), Reinhard Fiedrich (Grafikdesigner, Münster), Thomas Gerhards (Bildender Künstler, Münster), Hannah Gerlach (Musikpädagogin, Münster), Dr. Hans Gummersbach (Historiker, Münster), Ulrich Haarlammert (Bildender Künstler, Münster), Alfons Hanewinkel (Gestalttherapeut, Münster), Klaus-Dieter Hedwig (Bauingenieur, Münster), Susanne Hegmann (Bildende Künstlerin, Münster), Dr. Martin Henatsch (Büro Kunst & Öffentlichkeit, Hamburg), Jörn Hintzer (Bildender Künstler, Berlin), Erhard Hirt (Musiker, Münster), Georg Janßen (Bildender Künstler, Münster), Christian Jasper (Bildender Künstler, München), Prof. Hans-Paul Isenrath (Bildender Künstler, Le Nayrac), Maryam Kayanor (Bildende Künstlerin, Münster), Manfred Kerklau (Regisseur, Münster), Dr. Max Kobbert (emer. Professor der Kunstakademie Münster), Prof. Andreas Köpnick (Bildender Künstler, Münster), Prof. Milo Köpp (Bildender Künstler, Essen), Ruppe Koselleck (Bildender Künstler, Münster), Anja Kreysing (Künstlerin, Münster), Ulrike Krey-Voss (Kunstherapeutin, Münster), Dr. Sabine Ladwig (Kunsthistorikerin, Ennigerloh), Ute Lemke-Noll (Unternehmerin, Rheurdt), Ekki Maas (Musiker, Köln), Siggi Mertens (Musiker, Münster), Martina Muck (Bildende Künstlerin, Münster), PD Dr. Heinz-Ulrich Nennen (Philosophiedozent, Münster), Gertrud Neuhaus (Bildende Künstlerin, Münster), Julia Pabst (Bildende Künstlerin, Köln), Peter Reuter (Bildender Künstler, Münster), Monika Rincklake van Endert (Rentnerin, Münster), Rudolf Rincklake van Endert (Rentner, Münster), Jörg Rostek (Studierender, Münster), Werner Rückemann (Bildender Künstler, Münster), Prof. Christoph Rust (Bildender Künstler, Hannover), Jens Schneiderheinze, Thomas Behm (Cinema & Linse, Münster), Beate Schlör (Bildende Künstlerin, Münster), Herbert Schoppmann (Bildender Künstler, Münster), Gabriele Seifert (Bildende Künstlerin, Köln), Anke Stellermann (Bildende Künstlerin, Münster), Ulla Struck (Musikerin, Münster), Olaf Thomas (Bildender Künstler, Münster), Stefan Us (Bildender Künstler, Münster), Constanze Unger (Bildende Künstlerin, Münster), Henri Alain Unsenos (Bildender Künstler, Berlin), Dr. Bettina Warwitz (Ärztin, Berlin), Heidemarie Wenzel (Bildende Künstlerin, Münster), Christoph Wickert (Autor, Berlin), Dr. Heiko Winkler (Unternehmensberater, Münster), Prof. Edgar Wilhelm (Theaterpädagoge, Münster), Dr. Annette Wittboldt (Kunsthistorikerin, Kiel)

Hier kann die zugehörige Online-Petition unterzeichnet werden, die Stimmen für eine Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf die »Silberne Frequenz« von Otto Piene sammelt:   https://www.openpetition.de/petition/online/ortungen-2017logo-piene-untersuchung-des-lwl-marketing-uebergriffs-auf-die-piene-kunst-in-muenster 

http://m.wn.de/Muenster/Kultur/2749623-Juergen-Lemke-organisiert-im-Jahr-der-Skulptur-Projekte-Widerstand-LWL-Logo-als-Mahnmal

piene Platzhalter Baustelle

ENGLISH Version:

ORTungen 2017: »LOGO / PIENE – Initiative and Manifesto for Art and the Public Münster«

ONLINE – PETITION

Initiative for art and the public – transparency in times of digitization, globalization and new economies

Jürgen Lemke

The initiative for art and the public will focus on the work of the internationally renowned light artist Otto Piene (group ZERO), newly digitized in 2014, on the outer wall of the „LWL Museum of Art and Culture“ in Münster. Since 1972 the Piene-lightwork has hung on the façade of the „Westphalian State Museum of Art and Cultural History“. With a new museum building and a change of name, a fundamental change of attitude towards art is clearly taking place. In the middle of Otto Piene’s redesigned work, the LWL logo now shines with flawless letters in meter-sized letters. The conversion of the work of art into an „LWL advertising system“ as well as „art as a trademark“ is difficult to accept. Therefore, the initiative wants to establish the public and open up an art discourse in order to bring more transparency and clarification into these intolerable processes.

The Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL), the operator of the LWL Museum, is responsible for the museal marketing overshoots which are irresponsible under curatorial and ethical aspects. At the same time, he is the sponsor and organizer of the international exhibition „Skulpturprojekte 2017“, which examines and discusses the change of „art and the public“ in Münster every 10 years. In 2017, they will be discussing „digitization, globalization and new economies“. So what is closer to the art of art than to the taking-over of art for representative museum purposes on the outer wall of the museum? This is because, obviously, deprecatory exaggerations of the current sculpture projects are, as it were, symbolically visible on the facade of the „LOGO \ PIENE-amalgam“.

The „Logo Attack on Art“ still has a special impact: the artist Otto Piene, who died in 2014, before the inauguration of his newly digitized „Silver Frequency“, is supposed to be the insertion of the LWL logo under „art is information“ aspects In his work. LWL-Kulturversantwortliche assure that the artist had wanted it himself, but his work, including the LWL logo, would be a „work of art“. Even if this should not be voluntary, but under pressure: its light work should obviously not be reinstalled without logo consideration. A dismantling of the LWL-logo would then be a further incapacitating intervention in the „artistic work“ of Otto Piene. Also the information from the city of Münster on a GREEN request for a possible violation of the old-town charges („advertising installations in the form of lighting projections are then inadmissible“) asserts that this is »art« and not advertising!

The „LOGO \ PIENE – Art / Marketing-Construct“ thus presents itself as a high complex of clarification under „art / autonomy questions.“ A removal of the LWL logo before the start of the sculpture projects in 2017, the museum facade and Piene art „To wash clean“ would be irresponsible in the face of its contemporary symbolic significance for art. Whatever happens to the work of the pioneer, she needs a proper, thoroughly and thoroughly conducted art-discourse during the sculpture projects.

The transparency of the LWL-Museum „OPEN!“, Which demands a visibility to the public, should not put obstacles in the way of dealing with this topic in its own interest. However, the responsible persons are currently not acting offensively with this problem. In the face of a world publicity in the upcoming „Sculpture Projects 2017“, a face loss is threatening internationally. In an openly and professionally conducted struggle with the »LWL-façade«, which is openly and professionally conducted in a sculptural, emancipative way, there is the chance that the public will be transparent, participatory and cosmopolitan towards the front for a public concerned about the art in Münster.

The initiative for art and the public therefore demands

  • The Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL), in addition to its scientific commissions for antiquity, dialect, literature, geography and folklore, as well as a contemporary art commission. To examine the LWL marketing overlap on art as well as the topic of »Changing of museal and curatorial tasks in the sign of digitization, globalization and new economies«, as well as an expert consultation of the LWL Culture Committee.
  • The LWL-Museum for Art and Culture, during the »Sculpture Projects 2017«, the International Symposium on the subject of »LWL-Logo and Silver Frequency«, which has already been announced several times by Director Dr. Hermann Arnhold.
  • The „Skulpturprojekte 2017“, the „Sculpture Projects 2017“, the events relevant to a change of „art and the public“ in Münster on the LWL Museum façade in the context of the topics „Digitization, Globalization and New Economies“ to investigate.
  • LWL and „sculpture projects“ to release the location in front of the LWL Museum of Art and Culture (Otto Piene) for necessary participatory processes, discourses and artistic ideas from the local and international public. Suggestions, concepts and criticism should be collected, discussed and documented during the sculpture projects.
  • The City of Münster as the contracting partner of the LWL for the „Skulpturprojekte 2017“, the LWL \ PIENE events relevant to the arts and the public and for the city marketing in Münster in its committees „Kunstfachbeirat“, „Advisory Council on Marketing“ and in the „Kulturausschuss“ broach.

First signatory * of the Manifesto for art and the public:

(please see list above in German part)

Here the corresponding online petition can be signed, which collects votes for an examination of the LWL marketing overlap on the „Silver Frequency“ of Otto Piene:

  https://www.openpetition.de/petition/online/ortungen-2017logo-piene-untersuchung-des-lwl-marketing-uebergriffs-auf-die-piene-kunst-in-muenster 

http://m.wn.de/Muenster/Kultur/2749623-Juergen-Lemke-organisiert-im-Jahr-der-Skulptur-Projekte-Widerstand-LWL-Logo-als-Mahnmal

„Ein Sommernachtstraum“ nach W. Shakespeare, Wolfgang Borchert Theater, Gasometer, Münster

Jürgen Lemke

Wenn ein, nach eigenen Angaben „renommiertes Kammertheater“, auch Zimmertheater genannt, derart massiv mit Pauken und Trompeten ins Öffentliche drängt, sollte das Getrommel schon auch theatral den Raum gut füllen können. War der Münsteraner Gasometer vielleicht eine Nummer zu groß für das kleine Wolfgang Borchert Theater?

Die Presse überschlägt sich vor Lob, seltsam unkritisch einseitig. So auch die Münstersche Zeitung: „Er kann auch anders. (…) Alles passt. Zanger geht sogar in die Höhe. (…) Das ist Zirkus. Ein zirzensisches Spektakel.“ Was für ein Zirkus. Man konnte angesichts des Jubels, nach der Premiere vermuten, Regisseur Zanger hätte einer euphorisierten Hochzeits-Gesellschaft Oberons Zaubersaft ins Getränk gemischt. Die Jubeltirade wirkte völlig überzogen. Passte wirklich alles so wunderbar an diesem Abend? Alle schienen jedenfalls gut bei diesem Theater mitzuspielen. Die Geldgeber. Die Presse. Viele Zuschauer. Als müssten sie Sorge dafür tragen, dass bloß nichts schief ging bei diesem öffentlich groß geförderten Spektakel? Was konnte derart euphorisieren? Ein überragend tolles Theater? Ein übersinnliches Vergnügen? Gar dieser unbeschreibliche pure Sex, der den Gasometer nun phallisch steil nach oben trieb?

Man hatte sich als Zimmertheater schon einen außergewöhnlichen Ort gesucht, um groß herauszukommen. Und musste auch sichtlich einen großen Aufwand betreiben, um diesen wunderbar spröden Ort, der seltenen Münsteraner Industriekultur schön in den Griff zu kriegen. Mit allen Mitteln wurde versucht, ihn dafür umzustyen, damit er als Kulisse gut zum Hochzeits-Event passte. Dafür wählte man eine Ästhetik, bei der sich Münsterländer Bürger offenbar trefflichst an so einem doch eher unheimeligen Ort abgeholt fühlten. Eine schöne bunte dampfende Zauberwelt mit Knüppelwegen aus massivem Saunaholz, weißen Tunneln und viel farbigem Licht auf vertülltem Baum sowie zur Aufpolierung der Fassade. Das Zimmertheater hat sich jedoch dieses großartigen Raumes eher unsensibel bemächtigt. Seine Größe musste offenbar klein gemacht werden, weil er von diesem eher kleinen Theater nicht bewältigt werden konnte, sowohl gestalterisch als auch schauspielerisch. Es wurde versucht, diesen wilden Industrie-Raum für eine Event-Kultur beherrschbar zu machen. Auf Borchertsche Weise in Münsterschem Stil glatt zu kultivieren, einzupassen und für sich selbst zu vereinnahmen. Die Münsteraner Presse beschrieb für Kunstkenner sichtbare Mängel allerdings eher positiv: „Das Ensemble bemächtigt sich des Gasometers, als gehöre es hier immer schon hin. Sein diszipliniertes, voluminöses Sprechen, das wunderbar trägt, Licht, Bilder, Kostüme: Alles passt.“ (MZ)

Wieviel Respekt und Achtung hatte man eigentlich für diesen besonderen Ort Gasometer und seine bizarre Ästhetik, einen faszinierenden Grenzort zwischen Wildnis und Zivilisation? Seine Stilllegung hat über Jahre hinweg zu einer speziellen Kultur der Brache geführt. Geprägt von einer abgeschirmten und auch abschreckenden Ästhetik zwischen Zäunen, Stacheldraht, Graffiti und einer dornröschenhaften Eroberung durch Pionierpflanzen. Es wirkte hier durch die Besonderheit des Ortes selbst schon eine zauberhafte Atmosphäre. Hier erwartet man von „künstlerisch gestaltenden Menschen“ eine besondere Achtsamkeit und einen respektvollen Umgang, der diese spezielle Ästhetik des Ortes im „leeren ungestalteten Zustand“ ernst nimmt und sie organischer als Träger für eine Inszenierung im Sinne des Ortes einsetzt. Dafür muss man Augen und auch Seele haben. Wer von der besonderen Schönheit und Aura berührt war, konnte eigentlich nicht mehr mit einem dickem Pinsel drüberwegstreichen.

In der Borchertschen Raum-Vorstellung aber schien dieser Ort, der sich selbst überlassen war, unter ästhetischen Gesichtspunkten eher unter „ungestaltete Verwahrlosung“ zu fallen. Deshalb brauchte man gestalterisch auch wenig Rücksicht darauf nehmen? Hier setzte sich ein Event-Marketing durch, das diesen Ort für eigene Werbe-Strategien zielsicher plakativ vereinnahmt hat. Dazu wurde selbst der Mond werbend übergroß ins Gestänge des Gasometers gesetzt, weil er sich als Bild so romantisch schön machte. In einem fortlaufenden Prozess von Bemächtigung wurde so wunderbar Unangepasstes in einen, von inflationär eingesetzten bunten Stadt-Licht-Inszenierungen her bekannten, banalen Schauplatz von Event-Kultur verwandelt. Der Raum für Münsteraner Bürger im Sinne Borchertscher Interessen ästhetisiert, seiner Wildheit entrissen und gezähmt? Es ging hier wohl eher darum, ihn für sich selbst möglichst spektakulär auszubeuten für eine Oberflächen-Kultur des schönen Scheins, die auf Selbstdarstellung und Repräsentation aus ist und dazu immer wieder neue Kulissen für die eigene großartige Selbstinszenierung braucht. Die dafür „passende“ Ästhetik, ließ sich als ein Amalgam zwischen Weddingplaner und Saunaanlage verorten. Der Umgang mit diesem imposanten Ort wirkte eher naiv, als glaubte man ernsthaft daran, sich den eisernen Raum mit Tüll, Holz, Nebel und viel buntem Licht gefügig machen zu können. Den Besuchern wurde schon beim Einlass die Möglichkeit einer ganzheitlichen  Sicht auf den Raum nach oben durch weiße Tunnel verwehrt. Die gewohnte Enge einer Borchertschen Theater- und Raumerfahrung mag zu diesem Handling geführt haben. Schließlich ging es ja um Hochzeit. Da musste alles schön passen. Was nicht passte, wurde passend gemacht. Verschönerungen und Verkleinerungen nahmen den Blick auf den spröden rostigen Raum, der von sich aus eigentlich eine wunderbare Arenabühne bildet: Ein traumhaft gegebenes Theaterrund. Bereit für seine Würdigung durch eine „unangepasste“ raumbezogene Inszenierung, die ihn in seiner faszinierenden Ausstrahlung wahrgenommen und anerkannt hätte. Eine Arenabühne hätte aber wohl erst recht zu hohe Ansprüche an Schauspiel und auch Inszenierungskunst gestellt, um dieses weite offene Rund qualitativ zu füllen. Die erforderliche Präsenz und darstellerische Qualität war mit teilweise eingeschränkten personellen Möglichkeiten wohl nicht zu leisten. Es fehlte insgesamt am räumlichen Einfühlungs- und Vorstellungsvermögen, die Qualitäten dieses außergewöhnlichen Ortes auch künstlerisch zu füllen. Dieses Vermögen sollte man aber schon haben, wenn man sich einen solch anspruchsvollen Ort für sein Spiel aussucht. So wurde ein eigentlich von sich selbst aus grandioser Spiel-Raum optisch und auch darstellerisch durch so manchen Hochzeits-Firlefanz eher gestört.

Den Bühnenraum vor der exklusiven – auch leider teilweise übertünchten – Eisenwand dominierte die Anmutung einer bunt erleuchteten Saunalandschaft mit Pool, in einer mit Büschen in schwarzen Plastiktrögen ausgestalteten Gartencenter Außenanlage unter Wasser. Und mitten drin erhob sich, ein in weißes Flies gehüllter Baum, der farbig erleuchtet war. Drumherum dampfte dauerhaft röchelnd die Nebelmaschine wegen der ständig bemühten Zauberwald-Romantik. Die sich schon wegen der Kälte nicht einstellen wollte. Und … Entschuldigung, wenn dann eher unbeholfene Elfen in fürchterlichen weißen Shorts und amerikanischen Werbeverkäufer-Kappen über die Saunadielen trampelten, verging auf einen Schlag jede Illusion. Immer wieder taperten sie, wie bei einem schlechtgemachten Schülertheater, jeden Hauch einer zauberischen Vorstellung desillusionierend, über endlose palettenartig zusammengefügten Laufstege. Wenn dann auch noch viele der Schauspieler mit ihrer Stimme den Raum nicht füllen konnten und trotzdem keinerlei technische Verstärkung eigesetzt wurde, um die großen stimmlichen  Unterschiede zwischen einzelnen Schauspielern auszugleichen, musste man an der Kompetenz der Regie zweifeln. Trotz immer wieder auch gelungener Zwischenspiele der Zettelschen Schauspieltruppe, die noch am ehesten Shakespeare auf die Bühne brachte, besonders am Ende beim Hochzeitsbankett, ging dieser kalte Sommerabend insgesamt künstlerisch baden. Vieles blieb schauspielerisch an der Grenze einer Münsterländisch entzauberten Hochzeits-Feier mit partiellen Mummenschanz Ambitionen. Seltsam aufpoliert, überdreht und deplatziert unter weißen Event-Zelten vor rostig eisener Fassade. Klein und bürgerlich. Piefig. Harmlos. Aufgesetzt. Hölzern in einem dafür unpassenden Raum, den man versucht hatte, sich durch Hochzeitklischees gefügig zu machen. Den man zwar damit für das eigene Spiel kleiner und verfügbarer gemacht hat aber dennoch nicht in der Lage war, ihn auch großartig zu bespielen. In die schwindelnde Höhe des Raumes ist alibimäßig auch nur ein kleiner Schauspieler gelaufen. Verschenkt. Was hätte inszenatorisch allein schon hier oben, im Gestänge des Gasometers alles stattfinden können!

Der Raum war wohl einfach zu groß für ein kleines Theater. Das ist vielleicht kennzeichnend für diese Inszenierung: Vieles sollte groß wirken und wurde eher klein gespielt! Manche Szenen wirkten, wie aus einem eher kleinbürgerlichen Bewusstsein für Münster heraus irgendwie gewollt spektakulär und provokativ gemacht: Besonders die Schlamm-Catch-Szenen der miteinander um Liebe ringenden Frauen, Helena und Hermia, sowie auch Titania im Pool, die vom angezettelten Esel oder angeeselten Zettel gevögelt wurde. Nach dem Motto: Ficken im Pool kommt richtig cool? Irgendwie auch eher selbstentlarvend: Bei schmutzigen Spritz-Szenen sollten Zuschauer gegen mögliche Schlamm-Flecken mit einer Folie geschützt werden. Die Hochzeitsgäste sollten nicht versaut werden. Wagemutig und grenzwertig dann aber, wie lange durchnässte Darsteller bei dieser Kälte weiter gespielt haben. Insgesamt wurde eher ein biederes neckisch naives Verwirrspiel gegeben, im verklemmten Charme der 70er für verdrehte Liebes-Paare unter Oberons verzaubertem Einfluss, der allerdings erotisch mit blanker Brust und auch mit präsenter Stimme zu überzeugen wusste.

„Nicht kleckern sondern klotzen.“ Nach diesem Motto hat sich das Wolfgang Borchert Theater dieses Industrieraums für seinen Traum vom großen Theaterzirkus bemächtigt. Als wollte man aus dem engen Zimmer mit aller Macht herauskommen. Bewegt hat man in der Tat viel. Auch an Mitteln, um etwas Großes zu machen. In Stadt und Land. Man hat auch gut getrommelt. Und viel Resonanz bekommen. Man hat, draußen vor der Tür,  richtig gut Theater gemacht. Jedoch eher außerhalb der Bühne. Drinnen, wo es drauf ankommt, auf den Sauna-Brettern, die eben leider nicht die Welt bedeuten, leider kein richtig gutes. Darüber können auch am Ende tausende von Zuschauern nicht hinwegtäuschen. Es war eher ein kleines Spektakel in einem viel zu großen Raum. Aber groß angelegt und geschickt beworben. Es ist sicherlich ein cleverer Marketing-Coup gewesen, der vorab bildhaft groß mit Ort und Shakespeare spekuliert hat und mit immenser Werbung ein zu diesem Spektakel passendes eher theaterfernes Event-Publikum angelockt hat. Es war aber kein hochrangiges Theaterereignis, wie es die hohen Zuschauerzahlen vermuten lassen.

Dieser einzigartige Ort einer seltenen Münsteraner Industriekultur wurde in seiner großartigen Arena-Struktur durch eine Inszenierung in Wedding-Planer Ästhetik eher kleingespielt. Angelegte Offenheit und Größe eines wunderbaren Raumes trafen auf theatrales und gestalterisches Klein-Klein. Das konnte nicht richtig gut zusammen gehen. So wartete man fröstelnd, den viel zu langen, zweieinhalb Stunden dauernden Premieren-Abend vergeblich auf einen richtig heißen Aufguss. Der kam aber nicht. Es blieb eher lauwarm bis kalt. Auch ein spektakuläres, für Anwohner offenbar eher belästigendes, Feuerwerk riss es am Ende nicht raus. Da gibt es bessere in Münster. Hinter den Kulissen hörte man dann auch den Kommentar: „Das war Titanick für Arme“.

Münster.10.7.2012

http://www.sommernachtstraum-muenster.de/