»Logo-Piene!« Kunst verkommt zum Markenzeichen am »Skulptur Projekte Basislager« LWL-Museum

von Jürgen Lemke

Noch 1 Jahr bis zur Eröffnung! Welche konkreten Auswirkungen haben die Themen der Skulptur Projekte 2017 »Digitalisierung und Ökonomisierung« auf die Kunst im Öffentlichen Raum Münster’s? Wie konnte es dazu kommen, dass es schon vor Beginn, ausgerechnet am LWL-Museum mit dem LWL-Markenzeichen Piene hierfür ein leuchtfeuerndes Beispiel gibt, das aber in der LWL-Skulptur Projekte-Pressekommunikation im Dunkeln bleibt. Warum geht man nicht offensiv mit aktuell brennenden Fragen um, wenn doch eigentlich das Prinzip »Offen« gelten soll, das sich der LWL-Landschaftsverband Westfalen-Lippe auf seine Fahne geschrieben hat? Das Kunst-Publikum in Münster wartet immer noch auf Antworten.

Die Skulptur Projekte stellen sich alle zehn Jahre der Aufgabe zu untersuchen, was sich in Münster hinsichtlich Kunst und Öffentlichkeit gewandelt hat. Da müsste es eigentlich mehr als selbstverständlich sein, auch die Kunst-Entwicklungen an der LWL-Fassade, am Basislager der Skulptur Projekte, in den Blick zu nehmen und öffentlich zu thematisieren. Das Thema ist hochbrisant, geht es hier doch um eine museale Vereinnahmung der Kunst für Marketing Zwecke. Das LWL-Logo steht erschreckend groß und glänzend symbolhaft aber völlig fehlplaziert in der neu digitalisierten Piene-Kunst »Silberne Frequenz«.
Das trifft die Themen der Skulptur Projekte 2017 so exakt auf den Punkt, dass es offenbar sprachlos macht. Diese »Werbeanlage« hat schon auch etwas derart tolldreist provozierend Kunst-Negierendes, dass der Kunstkenner sich fragt: wie kann ausgerechnet in der inzwischen vierzig Jahre lang durch Kunst sensibilisierten Stadt der Skulptur Projekte so ein Missbrauch geschehen? Erleben wir nun das Phänomen »Des Kaisers neue Kleider«: Keiner wagt es, Wahrheiten öffentlich auszusprechen? Liegt die Kunst ökonomiebedingt in LWL-Fesseln? Wie können die LWL-Verantwortlichen den allabendlich flackernden lokalen Kunst-Brand im eigenen Hause so scheinheilig verschweigen und gleichzeitig ein großes internationales Kunst-Feuerwerk verkünden wollen? Wie lange will man den schönen Schein noch aufrecht halten? Allmählich wird es unglaubwürdig und peinlich.

Die Kunst ist im eigenen Haus angegriffen! Es ist ein Skandal!

Man stelle sich nur einmal vor, LWL-Museumsdirektor Dr. Arnhold ginge auf Geheiß der LWL-Kulturdezernentin Dr. Rüschoff-Thale mit glühendem Eisen an die LWL-Bilder im LWL-Museum, um Ihnen unten rechts als Branding das LWL-Logo zu verpassen. Würden auch solcherart werbende LWL-Rauchzeichen an Originalen, im Stile von Pienes ehemaligen experimentellen Arbeiten, vom LWL-Parlament und der Münsteraner Öffentlichkeit so einfach hingenommen?

  • Was geschieht eigentlich mit der Aura von Kunstwerken im Zeichen von Digitalisierung und Ökonomisierung?
  • Sinken im Zuge von Digitalisierung und Technisierung Zugriffsschwelle, Respekt und Achtung vor Kunst und Künstler und ermöglicht dies leichter einen marketingbedingten Übergriff und einen Missbrauch?
  • Es brennt und raucht gewaltig an der LWL-Museums-Fassade – aber eben wohl nur harmlos virtuell? Ist das Basislager der LWL-Skulptur Projekte schon völlig vernebelt?
  • Was bedeutet unter dem Einfluss der globalen Themen noch kuratorische Sorgfaltspflicht gegenüber Kunst und Künstler?
  • Darf ein Museum sich aus Repräsentationsgründen an seiner Kunst vergreifen?
  • Welche ethischen Werte gegenüber seiner Kunst gelten für ein LWL-Museum?
  • Darf der LWL, als Kommunalverband mit öffentlichen Aufgaben, sich im Bereich Marketing wie ein Konzern verhalten: »Wir unternehmen Gutes«?

Diese spannenden Fragen sollten am brennenden Fassaden-Beispiel vorrangig im Vorfeld der Skulptur Projekte diskutiert werden! Das ist die dringlichste Haus-Aufgabe der Skulptur Projekte Münster – und nicht die einer Bürgerinitiative! Es sollte alle zehn Jahre ein diskursiver Prozess mit der Öffentlichkeit geführt werden. Und dies sollten die Skulptur Projekte insbesondere dann auch verantwortlich und aktiv am eigenen Hause tun dürfen – wenn es dort massiv brennt.
Hierzu braucht es allerdings das klare Plazet des Auftraggebers Landschaftsverband Westfalen-Lippe, verbunden mit einer sich selbst auferlegten umfassenden Reflexion zu den Themen:

  • Wie geht eigentlich noch ein verantwortliches museales Handeln gegenüber der Kunst angesichts zunehmender Digitalisierung und Ökonomisierung?
  • Wie wird der gut gemeinte aber hier wohl eher scheinheilige LWL-Werbe-Slogan »Offen« in die Wirklichkeit umgesetzt?

Das »LWL-Logo in der Piene-Kunst« ist eine Steilvorlage für die Themen der Skulptur Projekte »Digitalisierung, Ökonomisierung und Globalisierung«! Einige fordern nun, dass das LWL-Logo aus der Piene Arbeit entfernt werden müsste. Meiner Ansicht nach wäre das falsch angesichts der Brisanz und Wichtigkeit obiger Themen. Das »LWL-Piene-Werbe-Amalgam« gehört unbedingt in eine Kunst- und Öffentlichkeits-Debatte der Skulptur Projekte! Wer nun vor Beginn der Projekte den Rückbau des Logos fordert, um LWL-Fassade und Piene-Kunst quasi wieder schön sauber zu waschen, handelt fahrlässig gegenüber der Notwendigkeit einer gründlichen Aufarbeitung des Sachverhalts und der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit diesem Angriff auf die Kunst. Zudem würde dies als eine feige »Fassaden-Rein-Wasch-Aktion« vor der Weltöffentlichkeit angesehen werden, um ein zweifelhaftes Ansehen zu bewahren. Diese »Logo-Attacke auf die Kunst« am LWL-Museum ist geschehen – dazu muss dann auch verantwortlich gestanden werden! Das lässt sich nicht einfach wegwischen, wie ein Taubenschiss.

Die Skulptur Projekte zusammen mit dem LWL müssen nun selbst offensiv den Dialog mit der Öffentlichkeit am Standort vor der Fassade ihres musealen Basislagers eröffnen und ihn auch moderieren. Hierbei kann sicherlich auch eine Initiative aus der Bürgerschaft unterstützen. Es gibt viele Ideen, Anregungen und Fragen aus der fach- und sachkundigen Münsteraner Bürgerschaft, die bei den Skulptur Projekten gesammelt und dokumentiert werden müssten:

  • Wie ist nun weiterhin mit diesem »LWL-Markenzeichen« umzugehen?
  • Ist diese »Werbeanlage« überhaupt noch Kunst oder kann sie auch selbst künstlerisch thematisiert und darüber in etwas Neues gewandelt werden?
  • Gibt es hierzu einen öffentlichen Ideen-Wettbewerb?
  • Nun kann Direktor Dr. Arnhold auch endlich sein lang geplantes Symposium zum »LWL-Logo im Piene« durchführen!

In einem – im skulpturalen Sinn –  kritisch geführten Auseinandersetzungsprozess mit der LWL-Fassade liegt die Chance, dass es für die Kunstöffentlichkeit in Münster, angesichts solch aktuell brennender und brenzliger Themen, nun partizipativ weltoffen und engagiert nach vorne und nicht marketingtechnisch bedingt glatt und scheinheilig weiter nach hinten los geht.
Bevor es groß in die Welt geht, sollte erst mal das eigene Haus, die Basis im Lager, geklärt werden, wenn es dort lichterloh brennt! Es braucht beim LWL nun kluge Interessensabwägungen und mutige Entscheidungen. Und auch personelle Konsequenzen!
Die Skulptur Projekte Münster 2017 haben einen seriösen Auftrag zur Untersuchung von »Kunst und Öffentlichkeit« und bei diesem hausgemachten Problem geradezu eine »hoheitliche Aufgabe zur Bewahrung der Kunst vor solcher Art Zugriffe«, die sich hier ganz deutlich über die Eigeninteressen des LWL stellen müsste. Ansonsten droht auch für sie ein Image- und Glaubwürdigkeitsverlust. Die Möglichkeit einer weltweiten künstlerischen Diskreditierung ihres Vorzeigeprojekts wegen ungelöster Fassaden-Probleme sollten sich LWL und Kooperationspartner Stadt Münster gut überlegen.

Hier einige konkrete Handlungs-Ideen dazu:

  • Erteilung eines Prüfauftrags des »Auftraggebers LWL« an seinen »Auftragnehmer  Skulptur Projekte 2017« zur Untersuchung und Thematisierung der für »Kunst und Öffentlichkeit« relevanten Ereignisse an der  LWL-Museums-Fassade angesichts seiner Themen »Digitalisierung und Ökonomisierung«
  • die Skulptur Projekte geben den Standort vor der LWL-Museums-Fassade frei für notwendige partizipative Prozesse und Ideen aus der Öffentlichkeit
  • der LWL richtet  – neben den sicherlich wichtigen wissenschaftlichen Kommissionen für Altertum, Mundart, Literatur, Geografie und Volkskunde – endlich auch eine zeitgenössische Kunstkommission ein, zur Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf die eigene Kunst sowie zum Thema »Wandel musealer kuratorischer Aufgaben und Sorgfaltspflichten im Zeichen von Digitalisierung und Ökonomisierung« und auch für die fachliche Beratung des LWL-Kulturausschusses
  • der LWL überprüft personelle Konsequenzen im eigenen Haus: Wer für so einen Skandal an der Kunst im eigenen Museum verantwortlich ist, sollte eigentlich freiwillig seinen Hut nehmen
  • die offensiven öffentlichen Maßnahmen im Umgang mit der eigenen Fassade von Seiten LWL und  Skulptur Projekte sollten auch von der Stadt Münster unterstützt werden – es geht auch für sie um einen möglichen Imageverlust angesichts der Skulptur Projekte 2017.
  • Zu diesem wichtigen Thema könnte auch die Kunstkommission der Stadt Münster einberufen werden – zwecks Erarbeitung einer Empfehlung für den Kulturausschuss

Hier kann man eine Petition zur Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf  die »Silberne Frequenz« von Otto Piene unterstützen: 

https://www.openpetition.de/petition/online/ortungen-2017logo-piene-untersuchung-des-lwl-marketing-uebergriffs-auf-die-piene-kunst-in-muenster

 

http://m.wn.de/Muenster/Kultur/2749623-Juergen-Lemke-organisiert-im-Jahr-der-Skulptur-Projekte-Widerstand-LWL-Logo-als-Mahnmal

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„Treibgut“, Theater Titanick, Stadthafen Münster

Jürgen Lemke

Wie von Titanick gewohnt, beginnt es mit einem spektakulären Bild. Wasser ergießt sich zu einem wirkungsvoll dichten Regenvorhang zwischen Zuschauertribüne und Hafen. In diesem laut plätschernden Wasserteppich agieren eine Reihe durchnässter dunkler Gestalten, die rhythmisch Gegenstände von Hand zu Hand weiterreichen. So geht ein gemeinschaftliches menschliches Helfen, Retten und Bergen in einer Katastrophe. Es scheint vorbildhaft vor den Wasser-Vorhang gestellt zu sein. Ein beeindruckend klar gesetztes Bild performativen Handelns ohne mystisches Fantasy-Beiwerk. Das braucht es nicht. Es wirkt. Über dem Wasser des Kanals, erhebt sich dann aber der eigentliche Fokus des Stücks, eine Art Orchestermuschel in Eiform auf Stelzen mitten im Hafenbecken. Erleuchtet thronen hier göttergleich zwei silbrig glitzernde Musikerhelden mit spitzig befederten Narrenkappen, die an Prinzengarde beim Rosenmontagszug erinnern. Mit überwiegend düsteren schweren Klängen kommentieren und untermalen sie fortan die irdischen Aktionen im Wasser. Langsam driften wrackähnliche Inselfragmente durch das Hafenbecken aufeinander zu und wie mit überspringender elektrischer Restenergie werden ihre skurrilen Bewohner zündelnd illuminiert. Die Barden beherrschen, wie neptunische Herrscher, optisch und akustisch die Szenerie. Ihr Spiel scheint nun auch darin zu bestehen, mit allerlei Schabernack, die in den Ruinen zivilisatorischer Überlebens-Schollen Gestrandeten, die göttliche Überpräsenz hören und spüren zu lassen.

Wie hinein geworfen in ihr Schicksal, agieren skurril kostümierte Flutopfer voneinander isoliert auf schwimmenden kleinen Inseln in zeitkritischen Kulissen: Ein halber heruntergekommener Wohnwagen mit dickem Maikäfer-Mann und dünner blonder Frau. Ein Stück Arbeitsamtflur „Der nächste Bitte“ mit hagerem Arbeitslosen, ein schwimmender Beichtstuhl-Sarg mitsamt existentialistischem Pfaffen und spritzendem Riesenkreuz. Ein Stück Badezimmer mit Brause-Wanne und dicker roter hysterischer Matrone. Sowie eine Kleingartenidylle mit Jägerzaun und übereifrigem Gärtner. Was passiert auf diesem insular eingeschränkten Raum? Ein von Theater Titanick bekanntes, buffonisch clownesk absurdes nicht-alltägliches Handeln: Man putzt und scheuert, wienert und wäscht, hängt Wäsche über Leinen, duscht sich oder andere, spritzt sich selbst oder andere nass, schrubbt den Boden, wirft sich Gegenstände zu, trinkt aus Dosen, winkt und ruft sich zu, versucht zueinander zu kommen, schafft es oder auch nicht, fällt ins Wasser und, und, und. Diese mal mehr, mal weniger spannenden komischen Aktionen ziehen sich etwas hin. Man blendet dann öfters spöttisch irritierend, wie bei amerikanischen Sitcoms, dramaturgisch ein Lachen ein, damit der Zuschauer weiß, wann es lustig sein soll in dieser Endzeit-Szenerie, die nach Überleben in einer Flutkatastrophe aussieht.

Die miniaturisierte „Waterworld“ wird von sciencefiktionmäßig abgewrackten Figuren, von ihren Kostümen her irgendwo angesiedelt zwischen Borgs aus Raumschiff Enterprise und Zauberflöte, in eindrucksvollen Bildern grotesk bespielt. Hierzu brummt es ständig gewaltig in der titanickschen Feuer- und Wassereffekte-Kiste: Schläuche spritzen Wasserfontänen, drehen sich, bilden Muster, halb versunkene Straßenlaternen werden elektroblitzartig illuminiert, wandeln sich zu Leuchtduschen. Es zischt, faucht und knallt, ganz so wie die Zuschauer es lieben. Ab und an brodeln geheimnisvoll Wasserblasen aus dem Untergrund und man spekuliert schon recht früh darüber, wie bombastisch das Finale wohl diesmal inszeniert wird und ob es vielleicht das letzte an Effekten noch übertrifft. Allerlei schelmische faunartige Geschöpfe, manche erinnern an Zauberflöteninszenierungen aus den Sechzigern, tummeln sich im und überm Wasser, fahren im mystisch vernebelten Kahn durch die Kulisse oder veranlassen, wie aus Schabernack, auch böse Wasserexplosionen zum Erschrecken der Insulaner. Außerdem gibt es auch noch eine borgsche Tauchergarde, die für die Transportdienste von Kulissen zuständig ist, aber am Ende auch wie ein Wasserballett rhythmisch im kühlen Nass planscht.

Es wird, wie von Titanick gewohnt, höchst effektvoll gezündelt und auf alle nur erdenklichen Arten mit Wasser gespritzt und wie immer endet es in einem großen vielfach gespritzten und wassergebombten Finale mit viel Licht, Feuerwerk, Rauch und Fontänen. Diesmal kulminiert es leider auch in einem an Kitsch bis an die Schmerzgrenze kaum zu überbietenden Bild, bei dem der mit Ton und Effekten neptunisch alles beherrschende strahlende Musiker-Götterheld nun fast Jesusgleich über das endlich beruhigte Dortmund-Emskanal-Wasser schreitet, sich auf einen „Fantasybaum“ setzt und so elegisch vor sich hin trötet, dass einem ganz schummrig werden kann. Andere Figuren werden effektvoll unter Wasserglocken gesetzt. Dort hört man weniger von der zum „heldischen Finale“ anblasenden Musik. In einer großen Wasserschlacht werden metaphorisch die insularen Relikte und Ruinen menschlicher Zivilisation (Wohnwagen, Arbeitsamt, Badezimmer, Sarg und Kleingarten) im Wasser gedreht, symbolisch ertränkt und es offenbaren sich auf der Unterseite amorphe naturnahe und auch wasserspeiende Formen. Natur siegt also am Ende über Zivilisation und Technik?

Auch bei diesem Stück überwiegt der Eindruck, dass trotz vieler spektakulärer Bilder menschlicher Extreme, Technik und Spezialeffekte dominieren, hier ja sogar im Dienste der Götter. Während der kleine verlorene Mensch als ihr Bediener und Sklave buffonisch grommulierend in unwirtlichen Bühnenkulissen agiert oder sich naiv an bombastisch inszenierten Materialschlachten erfreut. Bleibt nicht zugleich auch der Eindruck eines großen Abenteuer-Spielplatzes mit überdreht und exaltiert handelnden Akteuren, die einem geradezu darwinistisch anmutenden existenziellen Kampf im und Bühnen- und Arbeitsgeschehen unterworfen sind? Welch opulente Verschwendung. Werden hier kraftvolle Bild-Material-Performance-Potenziale, die dieses Theater sichtbar hat, auf dem Altar eines zweifelhaften Publikumgeschmacks nach Romantik und Fantasy geopfert? Was wäre das für ein Theater, auf wesentliches fokussiert, ohne mystifizierenden Schnick-Schnack?

Das Lied vom Ende oder die fatalistische Moral von der Geschicht: Natur-Geister, Götter und Elemente siegen über vereinzelte schwache Menschen in einer Endzeit-Zivilisations-Kulisse? Katastrophen sind bei Titanick nicht von Menschen sondern Gottgemacht? Also eher Schicksal? Fragwürdig ist, sowohl ästhetisch als auch inhaltlich, die süßlich narzistische und kitschig romantisch verklärte Darstellung der göttlichen „Helden-Musiker“. Die Inszenierung bleibt trotz existenzieller Dramatik oft auf der Ebene eines auf Fantasy abzielenden, nicht tiefgründig genug angelegten Spektakels, das trotz faszinierender und beeindruckender Bilder auch immer wieder an einer glitzernden Effekt-Oberfläche entlang schippert.

Münster.25.05.2005

http://www.titanick.de/htcms/de/galerie/treibgut-1.html

„Odyssee“, Theater Titanick, Schlossplatz, Münster

Jürgen Lemke

Rauch steigt auf am „Poseidon Grill“: ein kleiner Imbiss-Anhänger, nebst freundlichem griechischen Verkäufer und freistehendem Grill. Drei Jugendliche essen Bratwurst und Pommes unterm Sonnenschirm. Ein Straßenreinigungsfahrzeug säubert den Platz und hinterlässt dabei eine glänzend nasse Spur auf dem Kopfsteinpflaster. Idyllisch beginnt Titanick’s Odyssee vor der Kulisse des Münsteraner Schlosses. Gegeben wird ein altes Stück nach Homer, neu gespiegelt in den Irrfahrten einer Theatertruppe, die seit nunmehr 17 Jahren national und international als kultureller Botschafter Münster’s auf großer Fahrt ist? Titanick auf Odyssee? Ist das Theater-Schiff nun selbst auf Irrfahrt? Ein Stück Selbstreflexion? Oft hat man ja selbst fast Schiffbruch erlitten…

Odysseus tritt auf als Chef einer Theater-Truppe, ein martialisch wirkender Antreiber mit Megafon. Er beginnt rigoros mit einer Platzbesetzung. Macht heftig diskutierend und gestikulierend dem Imbissbudenbesitzer seinen Standort streitig und will eigenhändig den Anhänger verschieben. Hupend fährt langsam ein riesiger Sattellaster mit Kran rückwärts auf den Platz. „Props Homer & Ilias“ kann man als Aufschrift lesen. Ein hemdsärmeliger Handwerker, Schweißer mit Schutzkleidung und baumelnden Werkzeugen, wie aus der Fernsehserie „Guck mal, wer da hämmert“, schüttet ruppig Wasser auf den Grill und zieht den Anhänger zur Seite. Verzweifelt versucht sich der griechische Imbissbudenbesitzer dazwischen zu werfen. Keine Chance. Die antike Leitkultur obsiegt gegen die banale griechische Alltagskultur? Der Monstertruck schiebt alles brutal vom Platz. Mit Gewalt wird die Trinkhallen-Idylle hinweggefegt. Eine Kurbel wird betätigt und mit akustisch verstärktem Getöse fährt die Laderampe des Trucks hinten langsam herunter. Ein skurriler Typ mit Schweineschnauze und Lederkäppi saust in einem steuerbaren Flightcase zur Erheiterung des Publikums über den Platz. Nach und nach werden weitere rollbare Kisten beschriftet mit Headlines aus der Odyssee: Hades I und II, Charybdis, Ithaka, Sirenen, etc entladen.

Ein vielversprechender spannungsgeladener Anfang. Titanicksche multiple Verwandlungskünste werden variabel und clever eingesetzt: Aus der Sirenenbox entsteht ein Musiker DJ Pult, das alsbald durch den Meister der Posaune in Besitz genommen wird, der nun ähnlich, wie in allen Titanick-Stücken, das weitere Geschehen in eher tiefen schaurigen Tönen untermalt. Die Flightcases Hades I+II bilden eine Schmiede mit Blasebalg betriebener Esse, Schleifstein und Wasser zum Ablöschen der Werkstücke. Hier werden nach und nach effektvoll unter Feuer, Blitz und Rauch dreizehn übergroße Äxte geschmiedet. Es sind die mit dem Loch, durch deren Reihung Odysseus später seine Spätheimkehrer-Erkennungsprobe vor den Freiern bestehen soll. Nur er selbst kann den starken Flitze-Bogen spannen und einen Pfeil dort hindurch schießen. Die Kiste „Ithaka“ enthüllt überraschend ein aufklappbares Ensemble mit Palmen – Heimat –  das Ziel der Irrfahrt. Am Lastwagen ist schließlich die ganze Längsseite heruntergefahren und eröffnet eine faszinierende räumliche Vielfalt: rechts ein Badezimmer mit Klo, Vorhang, Dusche und ein langes Fließband. Auf dem Dach entfaltet sich phallisch ein Gestänge zum Mast nachdem Odysseus dort symbolisch mit der Zauberin Circe geschlafen hat. Ein den Lastwagen füllendes streifiges Vorhang-Segel bläht sich an einer Lichtschiene.

Hier zeigen sich auch Titanicksche Schwächen: Neben einer Dominanz des vielfältig eingesetzten Materials wirken schauspielerische Aktionen oft übertrieben oder gewollt spektakulär. Szenische Handlungen werden assoziativ aneinander gereiht ohne das sich dabei eine Sinnhaftigkeit ergibt, als ginge es primär um eine möglichst effektvolle und groteske Darstellung grenzwertig agierender Menschen. Ein spektakuläres Bild mit großen ausgestellten Gesten reiht sich an das nächste. Der „blinde Seher“ in weißem Anzug hängt im Seil, sitzt auf dem Klo oder versucht mit seinem Hut vergeblich einen Wasserstrahl zu bannen nachdem eines von mehreren Klobecken zerschlagen worden ist. Eine hysterisch schreiende Frau mit rotem Gummibein, umgibt sich mit Blutfontainen. Nur wenig später stirbt sie exaltiert den Heldinnentod mit abgerissenem Bein in einer finalen Blutorgie. Odysseus begegnet Medusa, um den Kopf der Frau herum spritzt schlangenartig Blut in alle Richtungen. Was Titanick uns hier vorführt, ist sicherlich hoch spektakulär aber bleibt zugleich auch vordergründig an einer Oberfläche des Ausgestellten. Auf der technischen Ebene serviert man Ausgeklügeltes, eine raffinierte vielfältige Klapp-Kulissen-Kunst hinter deren effektvoller Dominanz Schauspieler immer wieder auch zurückstehen und eher als Diener einer faszinierenden Mechanik fungieren. Auf der inhaltlichen, primär bildhaft geprägten Ebene – verständliche Sprache kommt nicht zum Einsatz – fährt man allerdings schwer im Fahrwasser einer durch Schicksalsgläubigkeit und Göttertum geprägten Heldenmythologie, in der der Mensch, wie ein Spielball hilflos unbezwingbaren Kräften ausgeliefert scheint. Archaisch anmutende Blut-Opfer-Akte werden zelebriert, die an Hermann Nitsch’s „Orgien Mysterien Spiel“ erinnern mögen aber nichts mit einer inhaltlich begründeten tieferen mythologischen Auseinandersetzung zu tun haben. Man führt wiederholt effektvoll vor, ohne den Anspruch, die Zuschauer inhaltlich mitnehmen zu wollen. Und muss aufpassen, dass eine heroisch übertriebene Bildästhetik nicht in Richtung einer zweifelhaften Symbolik driftet: Es gibt große leere heldische Gesten und Posen von Kampf, ertränkt in viel Blut. Man reckt die Arme mit brennender Siegesfackel in den Himmel? Blutrote Fahnen wehen vor in den Himmel gezogenen aufgebahrten Toten. Diese Form von Pathos bewegt sich sehr an einer Grenze.

Die „Irrfahrten“, dirigiert von den Befehlstönen eines „Odysseus“, als autoritärem Theaterleiter, beschreiben den Weg einer oft wie getrieben wirkenden, seltsam skurrilen sprachlos agierenden Truppe, durch eine menschenfeindliche Technikwelt, deren Bedrohlichkeit, Faszination und Beherrschbarkeit ständige Herausforderung zu sein scheint. Technisch effektvolle Kabinettstückchen mit bombastisch gefeuerwerktem Finale stehen im Mittelpunkt. Braucht man eine „klassische Veredelung“ für die eigene Geschichte und die schöne Kulisse des Münsteraner Schlosses? Da reist man fast zwei Jahrzehnte durch die Welt, von einem Erfolg zum nächsten und klopft nun an die Tür des heimischen Schlosses? Auf der Spur von Helden, wie Odysseus, die auch zuhause kämpfen müssen, um erkannt zu werden? Passt als klassisches Symbol, besser gar das des Titanen Sisyphos, der Vater des Odysseus? Titanen sind per Schicksal in der Unterwelt gefangen, um Qualen zu erleiden? Könnte es sinnvoll sein, die Inszenierung des Tartaros zu wagen, des tiefsten und schrecklichsten Teil des Hades?

Münster.14.05.2007

http://www.titanick.de/htcms/de/produktionen/odyssee.html