„Treibgut“, Theater Titanick, Stadthafen Münster

Jürgen Lemke

Wie von Titanick gewohnt, beginnt es mit einem spektakulären Bild. Wasser ergießt sich zu einem wirkungsvoll dichten Regenvorhang zwischen Zuschauertribüne und Hafen. In diesem laut plätschernden Wasserteppich agieren eine Reihe durchnässter dunkler Gestalten, die rhythmisch Gegenstände von Hand zu Hand weiterreichen. So geht ein gemeinschaftliches menschliches Helfen, Retten und Bergen in einer Katastrophe. Es scheint vorbildhaft vor den Wasser-Vorhang gestellt zu sein. Ein beeindruckend klar gesetztes Bild performativen Handelns ohne mystisches Fantasy-Beiwerk. Das braucht es nicht. Es wirkt. Über dem Wasser des Kanals, erhebt sich dann aber der eigentliche Fokus des Stücks, eine Art Orchestermuschel in Eiform auf Stelzen mitten im Hafenbecken. Erleuchtet thronen hier göttergleich zwei silbrig glitzernde Musikerhelden mit spitzig befederten Narrenkappen, die an Prinzengarde beim Rosenmontagszug erinnern. Mit überwiegend düsteren schweren Klängen kommentieren und untermalen sie fortan die irdischen Aktionen im Wasser. Langsam driften wrackähnliche Inselfragmente durch das Hafenbecken aufeinander zu und wie mit überspringender elektrischer Restenergie werden ihre skurrilen Bewohner zündelnd illuminiert. Die Barden beherrschen, wie neptunische Herrscher, optisch und akustisch die Szenerie. Ihr Spiel scheint nun auch darin zu bestehen, mit allerlei Schabernack, die in den Ruinen zivilisatorischer Überlebens-Schollen Gestrandeten, die göttliche Überpräsenz hören und spüren zu lassen.

Wie hinein geworfen in ihr Schicksal, agieren skurril kostümierte Flutopfer voneinander isoliert auf schwimmenden kleinen Inseln in zeitkritischen Kulissen: Ein halber heruntergekommener Wohnwagen mit dickem Maikäfer-Mann und dünner blonder Frau. Ein Stück Arbeitsamtflur „Der nächste Bitte“ mit hagerem Arbeitslosen, ein schwimmender Beichtstuhl-Sarg mitsamt existentialistischem Pfaffen und spritzendem Riesenkreuz. Ein Stück Badezimmer mit Brause-Wanne und dicker roter hysterischer Matrone. Sowie eine Kleingartenidylle mit Jägerzaun und übereifrigem Gärtner. Was passiert auf diesem insular eingeschränkten Raum? Ein von Theater Titanick bekanntes, buffonisch clownesk absurdes nicht-alltägliches Handeln: Man putzt und scheuert, wienert und wäscht, hängt Wäsche über Leinen, duscht sich oder andere, spritzt sich selbst oder andere nass, schrubbt den Boden, wirft sich Gegenstände zu, trinkt aus Dosen, winkt und ruft sich zu, versucht zueinander zu kommen, schafft es oder auch nicht, fällt ins Wasser und, und, und. Diese mal mehr, mal weniger spannenden komischen Aktionen ziehen sich etwas hin. Man blendet dann öfters spöttisch irritierend, wie bei amerikanischen Sitcoms, dramaturgisch ein Lachen ein, damit der Zuschauer weiß, wann es lustig sein soll in dieser Endzeit-Szenerie, die nach Überleben in einer Flutkatastrophe aussieht.

Die miniaturisierte „Waterworld“ wird von sciencefiktionmäßig abgewrackten Figuren, von ihren Kostümen her irgendwo angesiedelt zwischen Borgs aus Raumschiff Enterprise und Zauberflöte, in eindrucksvollen Bildern grotesk bespielt. Hierzu brummt es ständig gewaltig in der titanickschen Feuer- und Wassereffekte-Kiste: Schläuche spritzen Wasserfontänen, drehen sich, bilden Muster, halb versunkene Straßenlaternen werden elektroblitzartig illuminiert, wandeln sich zu Leuchtduschen. Es zischt, faucht und knallt, ganz so wie die Zuschauer es lieben. Ab und an brodeln geheimnisvoll Wasserblasen aus dem Untergrund und man spekuliert schon recht früh darüber, wie bombastisch das Finale wohl diesmal inszeniert wird und ob es vielleicht das letzte an Effekten noch übertrifft. Allerlei schelmische faunartige Geschöpfe, manche erinnern an Zauberflöteninszenierungen aus den Sechzigern, tummeln sich im und überm Wasser, fahren im mystisch vernebelten Kahn durch die Kulisse oder veranlassen, wie aus Schabernack, auch böse Wasserexplosionen zum Erschrecken der Insulaner. Außerdem gibt es auch noch eine borgsche Tauchergarde, die für die Transportdienste von Kulissen zuständig ist, aber am Ende auch wie ein Wasserballett rhythmisch im kühlen Nass planscht.

Es wird, wie von Titanick gewohnt, höchst effektvoll gezündelt und auf alle nur erdenklichen Arten mit Wasser gespritzt und wie immer endet es in einem großen vielfach gespritzten und wassergebombten Finale mit viel Licht, Feuerwerk, Rauch und Fontänen. Diesmal kulminiert es leider auch in einem an Kitsch bis an die Schmerzgrenze kaum zu überbietenden Bild, bei dem der mit Ton und Effekten neptunisch alles beherrschende strahlende Musiker-Götterheld nun fast Jesusgleich über das endlich beruhigte Dortmund-Emskanal-Wasser schreitet, sich auf einen „Fantasybaum“ setzt und so elegisch vor sich hin trötet, dass einem ganz schummrig werden kann. Andere Figuren werden effektvoll unter Wasserglocken gesetzt. Dort hört man weniger von der zum „heldischen Finale“ anblasenden Musik. In einer großen Wasserschlacht werden metaphorisch die insularen Relikte und Ruinen menschlicher Zivilisation (Wohnwagen, Arbeitsamt, Badezimmer, Sarg und Kleingarten) im Wasser gedreht, symbolisch ertränkt und es offenbaren sich auf der Unterseite amorphe naturnahe und auch wasserspeiende Formen. Natur siegt also am Ende über Zivilisation und Technik?

Auch bei diesem Stück überwiegt der Eindruck, dass trotz vieler spektakulärer Bilder menschlicher Extreme, Technik und Spezialeffekte dominieren, hier ja sogar im Dienste der Götter. Während der kleine verlorene Mensch als ihr Bediener und Sklave buffonisch grommulierend in unwirtlichen Bühnenkulissen agiert oder sich naiv an bombastisch inszenierten Materialschlachten erfreut. Bleibt nicht zugleich auch der Eindruck eines großen Abenteuer-Spielplatzes mit überdreht und exaltiert handelnden Akteuren, die einem geradezu darwinistisch anmutenden existenziellen Kampf im und Bühnen- und Arbeitsgeschehen unterworfen sind? Welch opulente Verschwendung. Werden hier kraftvolle Bild-Material-Performance-Potenziale, die dieses Theater sichtbar hat, auf dem Altar eines zweifelhaften Publikumgeschmacks nach Romantik und Fantasy geopfert? Was wäre das für ein Theater, auf wesentliches fokussiert, ohne mystifizierenden Schnick-Schnack?

Das Lied vom Ende oder die fatalistische Moral von der Geschicht: Natur-Geister, Götter und Elemente siegen über vereinzelte schwache Menschen in einer Endzeit-Zivilisations-Kulisse? Katastrophen sind bei Titanick nicht von Menschen sondern Gottgemacht? Also eher Schicksal? Fragwürdig ist, sowohl ästhetisch als auch inhaltlich, die süßlich narzistische und kitschig romantisch verklärte Darstellung der göttlichen „Helden-Musiker“. Die Inszenierung bleibt trotz existenzieller Dramatik oft auf der Ebene eines auf Fantasy abzielenden, nicht tiefgründig genug angelegten Spektakels, das trotz faszinierender und beeindruckender Bilder auch immer wieder an einer glitzernden Effekt-Oberfläche entlang schippert.

Münster.25.05.2005

http://www.titanick.de/htcms/de/galerie/treibgut-1.html

„Odyssee“, Theater Titanick, Schlossplatz, Münster

Jürgen Lemke

Rauch steigt auf am „Poseidon Grill“: ein kleiner Imbiss-Anhänger, nebst freundlichem griechischen Verkäufer und freistehendem Grill. Drei Jugendliche essen Bratwurst und Pommes unterm Sonnenschirm. Ein Straßenreinigungsfahrzeug säubert den Platz und hinterlässt dabei eine glänzend nasse Spur auf dem Kopfsteinpflaster. Idyllisch beginnt Titanick’s Odyssee vor der Kulisse des Münsteraner Schlosses. Gegeben wird ein altes Stück nach Homer, neu gespiegelt in den Irrfahrten einer Theatertruppe, die seit nunmehr 17 Jahren national und international als kultureller Botschafter Münster’s auf großer Fahrt ist? Titanick auf Odyssee? Ist das Theater-Schiff nun selbst auf Irrfahrt? Ein Stück Selbstreflexion? Oft hat man ja selbst fast Schiffbruch erlitten…

Odysseus tritt auf als Chef einer Theater-Truppe, ein martialisch wirkender Antreiber mit Megafon. Er beginnt rigoros mit einer Platzbesetzung. Macht heftig diskutierend und gestikulierend dem Imbissbudenbesitzer seinen Standort streitig und will eigenhändig den Anhänger verschieben. Hupend fährt langsam ein riesiger Sattellaster mit Kran rückwärts auf den Platz. „Props Homer & Ilias“ kann man als Aufschrift lesen. Ein hemdsärmeliger Handwerker, Schweißer mit Schutzkleidung und baumelnden Werkzeugen, wie aus der Fernsehserie „Guck mal, wer da hämmert“, schüttet ruppig Wasser auf den Grill und zieht den Anhänger zur Seite. Verzweifelt versucht sich der griechische Imbissbudenbesitzer dazwischen zu werfen. Keine Chance. Die antike Leitkultur obsiegt gegen die banale griechische Alltagskultur? Der Monstertruck schiebt alles brutal vom Platz. Mit Gewalt wird die Trinkhallen-Idylle hinweggefegt. Eine Kurbel wird betätigt und mit akustisch verstärktem Getöse fährt die Laderampe des Trucks hinten langsam herunter. Ein skurriler Typ mit Schweineschnauze und Lederkäppi saust in einem steuerbaren Flightcase zur Erheiterung des Publikums über den Platz. Nach und nach werden weitere rollbare Kisten beschriftet mit Headlines aus der Odyssee: Hades I und II, Charybdis, Ithaka, Sirenen, etc entladen.

Ein vielversprechender spannungsgeladener Anfang. Titanicksche multiple Verwandlungskünste werden variabel und clever eingesetzt: Aus der Sirenenbox entsteht ein Musiker DJ Pult, das alsbald durch den Meister der Posaune in Besitz genommen wird, der nun ähnlich, wie in allen Titanick-Stücken, das weitere Geschehen in eher tiefen schaurigen Tönen untermalt. Die Flightcases Hades I+II bilden eine Schmiede mit Blasebalg betriebener Esse, Schleifstein und Wasser zum Ablöschen der Werkstücke. Hier werden nach und nach effektvoll unter Feuer, Blitz und Rauch dreizehn übergroße Äxte geschmiedet. Es sind die mit dem Loch, durch deren Reihung Odysseus später seine Spätheimkehrer-Erkennungsprobe vor den Freiern bestehen soll. Nur er selbst kann den starken Flitze-Bogen spannen und einen Pfeil dort hindurch schießen. Die Kiste „Ithaka“ enthüllt überraschend ein aufklappbares Ensemble mit Palmen – Heimat –  das Ziel der Irrfahrt. Am Lastwagen ist schließlich die ganze Längsseite heruntergefahren und eröffnet eine faszinierende räumliche Vielfalt: rechts ein Badezimmer mit Klo, Vorhang, Dusche und ein langes Fließband. Auf dem Dach entfaltet sich phallisch ein Gestänge zum Mast nachdem Odysseus dort symbolisch mit der Zauberin Circe geschlafen hat. Ein den Lastwagen füllendes streifiges Vorhang-Segel bläht sich an einer Lichtschiene.

Hier zeigen sich auch Titanicksche Schwächen: Neben einer Dominanz des vielfältig eingesetzten Materials wirken schauspielerische Aktionen oft übertrieben oder gewollt spektakulär. Szenische Handlungen werden assoziativ aneinander gereiht ohne das sich dabei eine Sinnhaftigkeit ergibt, als ginge es primär um eine möglichst effektvolle und groteske Darstellung grenzwertig agierender Menschen. Ein spektakuläres Bild mit großen ausgestellten Gesten reiht sich an das nächste. Der „blinde Seher“ in weißem Anzug hängt im Seil, sitzt auf dem Klo oder versucht mit seinem Hut vergeblich einen Wasserstrahl zu bannen nachdem eines von mehreren Klobecken zerschlagen worden ist. Eine hysterisch schreiende Frau mit rotem Gummibein, umgibt sich mit Blutfontainen. Nur wenig später stirbt sie exaltiert den Heldinnentod mit abgerissenem Bein in einer finalen Blutorgie. Odysseus begegnet Medusa, um den Kopf der Frau herum spritzt schlangenartig Blut in alle Richtungen. Was Titanick uns hier vorführt, ist sicherlich hoch spektakulär aber bleibt zugleich auch vordergründig an einer Oberfläche des Ausgestellten. Auf der technischen Ebene serviert man Ausgeklügeltes, eine raffinierte vielfältige Klapp-Kulissen-Kunst hinter deren effektvoller Dominanz Schauspieler immer wieder auch zurückstehen und eher als Diener einer faszinierenden Mechanik fungieren. Auf der inhaltlichen, primär bildhaft geprägten Ebene – verständliche Sprache kommt nicht zum Einsatz – fährt man allerdings schwer im Fahrwasser einer durch Schicksalsgläubigkeit und Göttertum geprägten Heldenmythologie, in der der Mensch, wie ein Spielball hilflos unbezwingbaren Kräften ausgeliefert scheint. Archaisch anmutende Blut-Opfer-Akte werden zelebriert, die an Hermann Nitsch’s „Orgien Mysterien Spiel“ erinnern mögen aber nichts mit einer inhaltlich begründeten tieferen mythologischen Auseinandersetzung zu tun haben. Man führt wiederholt effektvoll vor, ohne den Anspruch, die Zuschauer inhaltlich mitnehmen zu wollen. Und muss aufpassen, dass eine heroisch übertriebene Bildästhetik nicht in Richtung einer zweifelhaften Symbolik driftet: Es gibt große leere heldische Gesten und Posen von Kampf, ertränkt in viel Blut. Man reckt die Arme mit brennender Siegesfackel in den Himmel? Blutrote Fahnen wehen vor in den Himmel gezogenen aufgebahrten Toten. Diese Form von Pathos bewegt sich sehr an einer Grenze.

Die „Irrfahrten“, dirigiert von den Befehlstönen eines „Odysseus“, als autoritärem Theaterleiter, beschreiben den Weg einer oft wie getrieben wirkenden, seltsam skurrilen sprachlos agierenden Truppe, durch eine menschenfeindliche Technikwelt, deren Bedrohlichkeit, Faszination und Beherrschbarkeit ständige Herausforderung zu sein scheint. Technisch effektvolle Kabinettstückchen mit bombastisch gefeuerwerktem Finale stehen im Mittelpunkt. Braucht man eine „klassische Veredelung“ für die eigene Geschichte und die schöne Kulisse des Münsteraner Schlosses? Da reist man fast zwei Jahrzehnte durch die Welt, von einem Erfolg zum nächsten und klopft nun an die Tür des heimischen Schlosses? Auf der Spur von Helden, wie Odysseus, die auch zuhause kämpfen müssen, um erkannt zu werden? Passt als klassisches Symbol, besser gar das des Titanen Sisyphos, der Vater des Odysseus? Titanen sind per Schicksal in der Unterwelt gefangen, um Qualen zu erleiden? Könnte es sinnvoll sein, die Inszenierung des Tartaros zu wagen, des tiefsten und schrecklichsten Teil des Hades?

Münster.14.05.2007

http://www.titanick.de/htcms/de/produktionen/odyssee.html