ORTungen 2017: »LOGO/PIENE – Initiative und Manifest für Kunst und Öffentlichkeit Münster«

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»Possible danger zones for the public are usually marked in red and white. They indicate potentially accidental places with increased attention as vacancies of a temporary reconstruction in the public. The red-white warning tape catalyzes a sense of security in the public, which is increasingly threatened. The sculptural amalgam »Logo\Piene« is a public place of change in which this threat manifests, so it has to be marked! According to my site-specific artistic principle »ORTungen«, I suspect the significance of this sculptural art\advertising phenomenon »LWL-Logo\Piene«, in which the themes of the sculpture projects 2017 concentrate on contemporary art.« Jürgen Lemke

aua logo piene

ENGLISH Version – please see below

HIER KANN MAN DIE ONLINE – PETITION UNTERZEICHNEN

Initiative für Kunst und Öffentlichkeit – Transparenz in Zeiten von Digitalisierung, Globalisierung und neuen Ökonomien

Jürgen Lemke

Die Initiative für Kunst und Öffentlichkeit thematisiert den Übergriff auf die im Jahr 2014 neu digitalisierte Arbeit »Silberne Frequenz« des international renommierten Lichtkünstlers Otto Piene (Gruppe ZERO) an der Außenwand des »LWL-Museums für Kunst und Kultur« in Münster. Seit 1972 hing die Piene-Lichtkunstarbeit an der Fassade des »Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte«. Mit Museums-Neubau und Namenswechsel vollzieht sich offenbar ein grundlegender Einstellungs-Wandel gegenüber der Kunst. Mitten in der neu gestalteten Arbeit von Otto Piene glänzt nun fehlplaziert in metergroßen Lettern das LWL-Logo. Die Umwidmung des Kunstwerks zu einer »LWL-Werbeanlage« sowie auch »Kunst als Markenzeichen« ist schwer hinzunehmen. Daher möchte die Initiative Öffentlichkeit herstellen und einen Kunst-Fach-Diskurs eröffnen, um mehr Transparenz und Aufklärung in diese untragbaren Vorgänge zu bringen.

Der Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL) als Betreiber des LWL-Museums ist für die, unter kuratorischen und ethischen Aspekten unverantwortlichen, musealen Marketing-Übergriffe auf den eigenen Kunstbestand zuständig. Er ist zugleich Auftraggeber und Veranstalter der internationalen Ausstellung »Skulptur Projekte 2017«, die alle 10 Jahre den Wandel von »Kunst und Öffentlichkeit« in Münster untersucht und thematisiert. Im Jahr 2017 lauten deren Themen »Digitalisierung, Globalisierung und neue Ökonomien«. Was liegt also im Sinne der Kunst näher, als sich auch dieser Vereinnahmung von Kunst für repräsentative museale Zwecke an der Museums-Außenwand verantwortlich zu widmen? Denn hier hängen offenbar entwertende Auswüchse der aktuellen Skulptur Projekte Themen gleichsam als Steilvorlage in Form des »LOGO\PIENE- Amalgams« symbolhaft sichtbar an der eigenen Fassade.

Die »Logo-Attacke auf die Kunst« erhält noch eine besondere Brisanz: Der im Jahr 2014, vor der Einweihung seiner neu digitalisierten »Silberne Frequenz«, verstorbene Künstler Otto Piene soll der Einfügung des LWL-Logos unter »Kunst ist Information«-Aspekten in seine Arbeit zugestimmt haben. LWL-Kulturverantwortliche versichern, der Künstler habe das selbst so gewollt, – damit aber wäre sein Werk inklusive LWL-Logo ein »Kunstwerk«. Selbst wenn dies nicht freiwillig, sondern unter Druck geschehen sein soll: seine Lichtarbeit sollte offenbar ohne Logo-Berücksichtigung nicht wieder installiert werden. Ein Rückbau des LWL-Logos wäre dann aber ein weiterer entmündigender Eingriff in die »künstlerische Arbeit« von Otto Piene. Auch die Auskunft der Stadt Münster auf eine GRÜNEN Anfrage wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Altstadtsatzung (»Werbeanlagen in Form von Lichtprojektionen sind danach unzulässig«) behauptet: das sei »Kunst« und keine Werbung!

Das »LOGO\PIENE – Kunst/Marketing-Konstrukt« stellt sich somit unter »Kunst/Autonomie-Fragen« als hochkomplex klärungsbedürftig dar. Eine Entfernung des LWL-Logos vor Beginn der Skulptur Projekte 2017, um Museums-Fassade und Piene-Kunst gleichsam wieder »rein zu waschen«, wäre angesichts seiner zeitaktuellen symbolhaften Bedeutung für die Kunst unverantwortlich. Was immer mit der Piene Arbeit weiterhin geschieht, sie braucht einen ihr angemessenen sorgfältig und gründlich geführten Kunst-Fach-Diskurs während der Skulptur Projekte.

Die Transparenz einfordernde publikumsnahe Neu-Konzeption des LWL-Museums »OFFEN!« dürfte einem verantwortungsbewusst klärenden Umgang mit diesem Thema im eigenen Interesse keine Hindernisse in den Weg legen. Allerdings gehen die Verantwortlichen aktuell nicht offensiv mit dieser Problematik um. Angesichts einer Weltöffentlichkeit bei den kommenden »Skulptur Projekte 2017« droht international ein Gesichtsverlust. In einem, im skulptural emanzipativen Sinn, offen und professionell geführten Auseinandersetzungsprozess mit der »LWL-Fassade« läge die Chance, dass es für eine um die Kunst in Münster besorgte Öffentlichkeit transparent, partizipativ und weltoffen zugewandt nach vorne geht.

Die Initiative für Kunst und Öffentlichkeit fordert daher

  • den Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL) auf, neben seinen wissenschaftlichen Kommissionen für Altertum, Mundart, Literatur, Geografie und Volkskunde – auch eine zeitgenössische Kunstkommission einzurichten. Zur Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf die Kunst sowie zum Thema »Wandel musealer und kuratorischer Aufgaben im Zeichen von Digitalisierung, Globalisierung und neuen Ökonomien« als auch für eine kunstfachliche Beratung des LWL-Kulturausschusses.
  • das LWL-Museum für Kunst und Kultur auf, während der »Skulptur Projekte 2017« das von Direktor Dr. Hermann Arnhold bereits mehrfach avisierte internationale Symposium zum Thema »LWL-Logo und Silberne Frequenz« durchzuführen.
  • den Landschaftsverband-Westfalen-Lippe auf, die »Skulptur Projekte 2017« zu beauftragen, die für einen Wandel von »Kunst und Öffentlichkeit« in Münster relevanten Ereignisse an der LWL-Museums-Fassade im Rahmen der Themen »Digitalisierung, Globalisierung und neue Ökonomien« zu untersuchen.
  • LWL und »Skulptur Projekte« auf, am LWL-Museum für Kunst und Kultur den Standort »Vorplatz-Piene« frei zu geben für notwendige partizipative Prozesse, Diskurse und künstlerische Ideen aus der lokalen und internationalen Öffentlichkeit. Anregungen, Konzepte und Kritik sollten bei den Skulptur Projekten gesammelt, diskutiert und dokumentiert werden.
  • die Stadt Münster als Vertragspartnerin des LWL für die »Skulptur Projekte 2017« auf, die für Kunst und Öffentlichkeit und für das Stadtmarketing in Münster relevanten LWL\PIENE Vorgänge in seinen Gremien »Kunstfachbeirat«, »Beirat Münster Marketing« sowie im »Kulturausschuss« zu thematisieren.

Unterzeichner*innen von Petition und Manifest für Kunst und Öffentlichkeit:

Ursula Achternkamp (Bildende Künstlerin, Havelberg), Rainer Bauer (Bildender Künstler, Aachen), Martin Becker (Stadtplaner, Münster), Frank Behnke (Schauspieldirektor, Theater Münster), Frank Biermann (Musiker/Journalist, Münster), Dr. Silvia Bürkle (Ärztin, Karlsruhe), Pit Budde (Musiker, Münster), Tom Burr (Bildender Künstler, New York), Dr. Klaus Bussmann (ehem. Direktor des Landesmuseums Münster, Initiator der Skulptur Projekte Münster), Prof. Katja Butt (Bildende Künstlerin, Köln), Luzia-Maria Derks (Bildende Künstlerin, Münster), Lena Dues (Kunststudentin, Münster), Reinhard Fiedrich (Grafikdesigner, Münster), Thomas Gerhards (Bildender Künstler, Münster), Hannah Gerlach (Musikpädagogin, Münster), Dr. Hans Gummersbach (Historiker, Münster), Ulrich Haarlammert (Bildender Künstler, Münster), Alfons Hanewinkel (Gestalttherapeut, Münster), Klaus-Dieter Hedwig (Bauingenieur, Münster), Susanne Hegmann (Bildende Künstlerin, Münster), Dr. Martin Henatsch (Büro Kunst & Öffentlichkeit, Hamburg), Jörn Hintzer (Bildender Künstler, Berlin), Erhard Hirt (Musiker, Münster), Georg Janßen (Bildender Künstler, Münster), Christian Jasper (Bildender Künstler, München), Prof. Hans-Paul Isenrath (Bildender Künstler, Le Nayrac), Maryam Kayanor (Bildende Künstlerin, Münster), Manfred Kerklau (Regisseur, Münster), Dr. Max Kobbert (emer. Professor der Kunstakademie Münster), Prof. Andreas Köpnick (Bildender Künstler, Münster), Prof. Milo Köpp (Bildender Künstler, Essen), Ruppe Koselleck (Bildender Künstler, Münster), Anja Kreysing (Künstlerin, Münster), Ulrike Krey-Voss (Kunstherapeutin, Münster), Dr. Sabine Ladwig (Kunsthistorikerin, Ennigerloh), Ute Lemke-Noll (Unternehmerin, Rheurdt), Ekki Maas (Musiker, Köln), Siggi Mertens (Musiker, Münster), Martina Muck (Bildende Künstlerin, Münster), PD Dr. Heinz-Ulrich Nennen (Philosophiedozent, Münster), Gertrud Neuhaus (Bildende Künstlerin, Münster), Julia Pabst (Bildende Künstlerin, Köln), Peter Reuter (Bildender Künstler, Münster), Monika Rincklake van Endert (Rentnerin, Münster), Rudolf Rincklake van Endert (Rentner, Münster), Jörg Rostek (Studierender, Münster), Werner Rückemann (Bildender Künstler, Münster), Prof. Christoph Rust (Bildender Künstler, Hannover), Jens Schneiderheinze, Thomas Behm (Cinema & Linse, Münster), Beate Schlör (Bildende Künstlerin, Münster), Herbert Schoppmann (Bildender Künstler, Münster), Gabriele Seifert (Bildende Künstlerin, Köln), Anke Stellermann (Bildende Künstlerin, Münster), Ulla Struck (Musikerin, Münster), Olaf Thomas (Bildender Künstler, Münster), Stefan Us (Bildender Künstler, Münster), Constanze Unger (Bildende Künstlerin, Münster), Henri Alain Unsenos (Bildender Künstler, Berlin), Dr. Bettina Warwitz (Ärztin, Berlin), Heidemarie Wenzel (Bildende Künstlerin, Münster), Christoph Wickert (Autor, Berlin), Dr. Heiko Winkler (Unternehmensberater, Münster), Prof. Edgar Wilhelm (Theaterpädagoge, Münster), Dr. Annette Wittboldt (Kunsthistorikerin, Kiel)

Hier kann die zugehörige Online-Petition unterzeichnet werden, die Stimmen für eine Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf die »Silberne Frequenz« von Otto Piene sammelt:   https://www.openpetition.de/petition/online/ortungen-2017logo-piene-untersuchung-des-lwl-marketing-uebergriffs-auf-die-piene-kunst-in-muenster 

http://m.wn.de/Muenster/Kultur/2749623-Juergen-Lemke-organisiert-im-Jahr-der-Skulptur-Projekte-Widerstand-LWL-Logo-als-Mahnmal

piene Platzhalter Baustelle

ENGLISH Version:

ORTungen 2017: »LOGO / PIENE – Initiative and Manifesto for Art and the Public Münster«

ONLINE – PETITION

Initiative for art and the public – transparency in times of digitization, globalization and new economies

Jürgen Lemke

The initiative for art and the public will focus on the work of the internationally renowned light artist Otto Piene (group ZERO), newly digitized in 2014, on the outer wall of the „LWL Museum of Art and Culture“ in Münster. Since 1972 the Piene-lightwork has hung on the façade of the „Westphalian State Museum of Art and Cultural History“. With a new museum building and a change of name, a fundamental change of attitude towards art is clearly taking place. In the middle of Otto Piene’s redesigned work, the LWL logo now shines with flawless letters in meter-sized letters. The conversion of the work of art into an „LWL advertising system“ as well as „art as a trademark“ is difficult to accept. Therefore, the initiative wants to establish the public and open up an art discourse in order to bring more transparency and clarification into these intolerable processes.

The Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL), the operator of the LWL Museum, is responsible for the museal marketing overshoots which are irresponsible under curatorial and ethical aspects. At the same time, he is the sponsor and organizer of the international exhibition „Skulpturprojekte 2017“, which examines and discusses the change of „art and the public“ in Münster every 10 years. In 2017, they will be discussing „digitization, globalization and new economies“. So what is closer to the art of art than to the taking-over of art for representative museum purposes on the outer wall of the museum? This is because, obviously, deprecatory exaggerations of the current sculpture projects are, as it were, symbolically visible on the facade of the „LOGO \ PIENE-amalgam“.

The „Logo Attack on Art“ still has a special impact: the artist Otto Piene, who died in 2014, before the inauguration of his newly digitized „Silver Frequency“, is supposed to be the insertion of the LWL logo under „art is information“ aspects In his work. LWL-Kulturversantwortliche assure that the artist had wanted it himself, but his work, including the LWL logo, would be a „work of art“. Even if this should not be voluntary, but under pressure: its light work should obviously not be reinstalled without logo consideration. A dismantling of the LWL-logo would then be a further incapacitating intervention in the „artistic work“ of Otto Piene. Also the information from the city of Münster on a GREEN request for a possible violation of the old-town charges („advertising installations in the form of lighting projections are then inadmissible“) asserts that this is »art« and not advertising!

The „LOGO \ PIENE – Art / Marketing-Construct“ thus presents itself as a high complex of clarification under „art / autonomy questions.“ A removal of the LWL logo before the start of the sculpture projects in 2017, the museum facade and Piene art „To wash clean“ would be irresponsible in the face of its contemporary symbolic significance for art. Whatever happens to the work of the pioneer, she needs a proper, thoroughly and thoroughly conducted art-discourse during the sculpture projects.

The transparency of the LWL-Museum „OPEN!“, Which demands a visibility to the public, should not put obstacles in the way of dealing with this topic in its own interest. However, the responsible persons are currently not acting offensively with this problem. In the face of a world publicity in the upcoming „Sculpture Projects 2017“, a face loss is threatening internationally. In an openly and professionally conducted struggle with the »LWL-façade«, which is openly and professionally conducted in a sculptural, emancipative way, there is the chance that the public will be transparent, participatory and cosmopolitan towards the front for a public concerned about the art in Münster.

The initiative for art and the public therefore demands

  • The Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL), in addition to its scientific commissions for antiquity, dialect, literature, geography and folklore, as well as a contemporary art commission. To examine the LWL marketing overlap on art as well as the topic of »Changing of museal and curatorial tasks in the sign of digitization, globalization and new economies«, as well as an expert consultation of the LWL Culture Committee.
  • The LWL-Museum for Art and Culture, during the »Sculpture Projects 2017«, the International Symposium on the subject of »LWL-Logo and Silver Frequency«, which has already been announced several times by Director Dr. Hermann Arnhold.
  • The „Skulpturprojekte 2017“, the „Sculpture Projects 2017“, the events relevant to a change of „art and the public“ in Münster on the LWL Museum façade in the context of the topics „Digitization, Globalization and New Economies“ to investigate.
  • LWL and „sculpture projects“ to release the location in front of the LWL Museum of Art and Culture (Otto Piene) for necessary participatory processes, discourses and artistic ideas from the local and international public. Suggestions, concepts and criticism should be collected, discussed and documented during the sculpture projects.
  • The City of Münster as the contracting partner of the LWL for the „Skulpturprojekte 2017“, the LWL \ PIENE events relevant to the arts and the public and for the city marketing in Münster in its committees „Kunstfachbeirat“, „Advisory Council on Marketing“ and in the „Kulturausschuss“ broach.

Signatory * of Petition and Manifesto for art and the public: (please see list above in German part)

Here the corresponding online petition can be signed, which collects votes for an examination of the LWL marketing overlap on the „Silver Frequency“ of Otto Piene:

  https://www.openpetition.de/petition/online/ortungen-2017logo-piene-untersuchung-des-lwl-marketing-uebergriffs-auf-die-piene-kunst-in-muenster 

http://m.wn.de/Muenster/Kultur/2749623-Juergen-Lemke-organisiert-im-Jahr-der-Skulptur-Projekte-Widerstand-LWL-Logo-als-Mahnmal

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„Tourniquet“, Abattoir Fermé, Theater im Pumpenhaus, Münster

Jürgen Lemke

Es beginnt mit einem sphärischen, unbeschreiblichen Geräusch in völliger Dunkelheit: schwirrend schabend, irgendwie rotierend, schleifend, seltsam überirdisch. Kommt es vom Band? Soetwas kann man doch nicht live auf der Bühne produzieren? Eine lange Phase Dunkelheit, in der man nichts sehen kann, keinen Schimmer hat, was auf der Bühne passiert, fordert auf, genau hinzuhören. Faszinierend. Ich sitze zu weit oben, um Aktionen auf der Bühne einschätzen und zuordnen zu können im undurchdringlichen Dunkel. In der ersten Reihe wird man den Luftzug mitbekommen haben. Als es allmählich heller wird, wird deutlich, wie das Geräusch entsteht. Ein nackter Mann schiebt in hoher Geschwindigkeit eine an einer Seite fixierte alte Holzplanke auf Rollen im Kreis über eine quadratisch angeordnete Fläche loser Fliesen. Das erzeugt dieses unwirkliche Geräusch.

Das Bild eines monoton im Kreis laufenden Tieres mit verbundenen Augen, beim Betrieb einer Wassermühle drängt sich auf. Der Mann trägt eine rotblonde langhaarige Perücke, die ihm in Verbindung mit seinem maskenhaften weiß geschminkten Gesicht die Anmutung eines steinzeitlichen Jägers gibt. Er sieht aus wie der Hordenführer aus dem Film „Am Anfang war das Feuer“. Im Bühnenhintergrund steht ein kleiner untersetzter Mann mit einer eher clownesk servilen Ausstrahlung, auch er ist nackt. Sein Gesicht weiß geschminkt, rote Lippen. Die ungewohnte kompromittierende offen zur Schau gestellte Nacktheit schafft eine erotisch aufgeladene Spannung. Bei allem selbstverständlich scheinenden, ästhetisch professionellen Umgang mit Körperlichkeit. Die fortwährende musikalische Begleitung durch eine hypnotische Musik von Krenk tut ein übriges zur Dramatisierung banaler aber ungewöhnlicher Handlungen.

Direkt vorne auf der Bühne sitzt eine Frau mit rotblonden Haaren lasziv in einer Badewanne und wäscht sich. Sie steht langsam auf, trocknet sich ab. Geht nach hinten. Zieht sich posenhaft, wie ausgestellt schwarze Nylons, Strapse, ein schwarzes Kleid, weiße Pumps an. Die Männer gehen immer wieder in den Bühnenhintergrund und holen nacheinander Kleidungsstücke. Sie ziehen ein weißes Hemd an, binden einen schwarzen Schlips, schwarze Hosen, schwarze Socken, Schuhe. Der Steinzeittyp schaut dabei immer wieder aggressiv ins Publikum. Der Dienertyp verwechselt die Schuhe. Es soll wohl komisch wirken.

Die Akteure arbeiten stimmlos, ohne Geräusch, ohne jede sprachliche Verständigung und auch mit einer zurückgenommenen fast übermenschlichen maskenhaften Mimik. Seltsam fremd und auch emotions- und kontaktlos. Alle Aktionen und Handlungen wirken klar und präzise gesetzt, ästhetisch kalkuliert und durchkomponiert. Auf ein notwendiges Minimum reduziert, von allem Überflüssigen entkleidet. Immer wieder wird zwischendurch verbergend und annonymisierend weiß gepudert: die Gesichter und auch die Scham…

Was wird in diesem sich andeutenden Grenzgang, im eher an der bildenden Kunst orientierten performativen Experiment zwischen einem Orgien-Mysterien Spiel von Herrman Nitsch oder auch einer Performance von Marina Abramovic zwischen zwei Männern und einer Frau passieren? Wie weit werden sie hier auf der Bühne gehen bei ihren Ritualen zwischen Sex, Macht und Opferspiel im Dienste eines gleichsam kultisch inszenierten Kontextes?

Das ungehobelte Baubrett wandelt sich nun mit einem roten Tuch zu einer Art Bar. Zwei Gläser werden aufgestellt. Große pantomimische Gesten, wie aus alten Stummfilmen, um das Glas leiten ein Trinkritual ein. Der „Diener“ ergreift die Flasche und schenkt ein Glas Wein nach dem anderen ein. Nach und nach werden zügig drei Flaschen leer getrunken. Als würde nun der Alkohol seine enthemmende Wirkung tun, entgleist das Ritual allmählich. Die Frau wird nun übergriffig, nicht der Mann. Sie zerrt erst an seinem Schlips, dann an seiner Hose, gibt eindeutige auffordernde Paarungs-Signale. Er fängt an sich auszuziehen. Auch sie öffnet ihr Hemd, sodass eine Brust sichtbar ist. Zieht ihren Rock hoch, entblößt provozierend ihren Hintern, streckt ihm dem Mann entgegen, bietet sich an. Der reagiert aber nicht sondern sinkt schließlich betrunken zu Boden. Die Frau wendet sich nun dem anderen Mann zu. Auch dort gibt es nicht die gewünschte Reaktion. Jetzt wendet sie sich wieder dem Jäger zu. Doch gegen jede aufgebaute Zuschauer-Erwartung kommt es nun nicht zum wilden vereinigenden archaischen Geschlechtsakt, zum Vollzug dessen, was dramaturgisch aufgebaut scheint. Anstatt sich also rittlings auf den am Boden liegenden Mann zu setzen und ihn wild zu reiten, schließt die Frau dem Mann nur ganz banal, in einer kleinen Handlung den Hosenschlitz. Zipp und Zapp. Wie weit darf es auf der Bühne gehen?

Die Frau setzt sich auf das Brett. Der Jäger reibt seine Hände mit schwarzer Farbe ein und streicht ihr gestisch mit beiden Händen über den nackten Rücken. Zwei Wisch-Abdrücke bleiben in Höhe ihrer Schulterblätter. Sie fällt zur Seite. Liegt auf dem Brett. Sinkt schließlich zu Boden, bleibt dort liegen. Wird Frau nun Fleisch? Ein Schlacht-Opfer? Beide Männer ziehen sich jedenfalls mit großer dramatischer Geste weiße Schlachterschürzen und gewässerte Gummihandschuhe an. Sie entrollen eine dünne durchsichtige Plastikfolie, die als Material durch ihre Luftempfindlichkeit sperrig ist, sich bläht, eigene ungewollte Formen annimmt. Material muss gebändigt werden, gezwungen in die Form der Badewanne. Glatt gestrichen bildet sie schließlich das Bett, eine Zwischenhaut. Frau wird hochgenommen, als soll auch sie nun symbolisch gebändigt in diese Form gezwungen werden. Sie sperrt sich, stemmt sich mit Händen und Füssen zu einer Brücke über der Wanne. Der Steinzeitjäger nimmt schließlich weißes Pulver, wirft es ihr klatschend auf den Bauch. Das bricht ihren Widerstand? Sie platscht ins Wasser. Der Diener, wickelt Frau in Frischhalte-Folie. Die Folie in der Wanne wird aus einer Pressluftflasche aufgepustet. Frau steht abrupt auf. Folie wird Kleid. Alle drei tragen nun Masken. Frau rekelt sich lasziv auf dem Brett. Spreizt auffordernd die Beine. Mann dreht sie. Plötzlich nimmt Mann einen Stierschädel. Wird Mann nun Protagonist eines satanischen Rituals? Mann tritt zwischen ihre gespreizten Beine. Die Musik stoppt…

Geht es um performatives Handeln, um sich wiederholende Gesten, um alltägliche Rituale? Banale oder vermutete kultische Handlungen? Provokative Grenzüberschreitungen? Wir sehen Gesten des Einfüllens von Wein in Gläser. Gesten des sich Zuprostens. Betrunken werden. Ein Fallen von Hüllen und Fassaden? Enthemmt werden, geil werden, anzüglich werden, sich schön trinken, übergriffige Gesten, sich anbieten? Bewusstsein verlieren?… Geht so Mann und Frau?

„Abattoir Ferme“, das geschlossene Schlachthaus, lotet Grenzen des Theaters aus. Ein theatrales Spiel lebt von der Mimesis, von der Nachahmung, von der Aufführung einer Rolle. Persona versteckt sich hinter der Larve (Maske). Es ist und bleibt Spiel. Maskerade. Es ist nicht wirklich ernst? Es geht auch letztlich nicht tief genug? Ein Performancekünstler arbeitet als wirkliche Person. Die künstlerische Performance wirkt durch ihre Authentizität. Durch das Sein und die Präsenz des Künstlers vor Publikum. Das skurrile Spiel mit Nacktheit provoziert zwar eine andere Form von Präsenz in der theatralen Aufführung. Immer dann jedoch, wenn der nackte Körper gepudert also nachmaskiert wird, erkennen wir die Schnittstelle zwischen echt und gespielt. Durch die Tünche wird alles Tun auf der Bühne theatral, ästhetisch und moralisch abgesichert? Erträglicher aber zugleich auch banal für den Zuschauer? Kann die offene unabgesicherte Form einer künstlerischen Performance unmittelbarer und direkter herausfordern und wirklicher irritieren, indem sie Existenz auf’s Spiel setzt?

„Ein Tourniquet (frz. Drehkreuz, auch Aderpresse) ist ein Abbindesystem, durch das der Blutfluß in den Adern (abhängig vom Druck) gestaut werden kann.“ (Wikipedia)

Münster.12.05.2010

http://www.youtube.com/watch?v=X2Y1ew-3B0M&feature=related
www.abattoirferme.be