»Logo-Piene!« Kunst verkommt zum Markenzeichen am »Skulptur Projekte Basislager« LWL-Museum

von Jürgen Lemke

Noch 1 Jahr bis zur Eröffnung! Welche konkreten Auswirkungen haben die Themen der Skulptur Projekte 2017 »Digitalisierung und Ökonomisierung« auf die Kunst im Öffentlichen Raum Münster’s? Wie konnte es dazu kommen, dass es schon vor Beginn, ausgerechnet am LWL-Museum mit dem LWL-Markenzeichen Piene hierfür ein leuchtfeuerndes Beispiel gibt, das aber in der LWL-Skulptur Projekte-Pressekommunikation im Dunkeln bleibt. Warum geht man nicht offensiv mit aktuell brennenden Fragen um, wenn doch eigentlich das Prinzip »Offen« gelten soll, das sich der LWL-Landschaftsverband Westfalen-Lippe auf seine Fahne geschrieben hat? Das Kunst-Publikum in Münster wartet immer noch auf Antworten.

Die Skulptur Projekte stellen sich alle zehn Jahre der Aufgabe zu untersuchen, was sich in Münster hinsichtlich Kunst und Öffentlichkeit gewandelt hat. Da müsste es eigentlich mehr als selbstverständlich sein, auch die Kunst-Entwicklungen an der LWL-Fassade, am Basislager der Skulptur Projekte, in den Blick zu nehmen und öffentlich zu thematisieren. Das Thema ist hochbrisant, geht es hier doch um eine museale Vereinnahmung der Kunst für Marketing Zwecke. Das LWL-Logo steht erschreckend groß und glänzend symbolhaft aber völlig fehlplaziert in der neu digitalisierten Piene-Kunst »Silberne Frequenz«.
Das trifft die Themen der Skulptur Projekte 2017 so exakt auf den Punkt, dass es offenbar sprachlos macht. Diese »Werbeanlage« hat schon auch etwas derart tolldreist provozierend Kunst-Negierendes, dass der Kunstkenner sich fragt: wie kann ausgerechnet in der inzwischen vierzig Jahre lang durch Kunst sensibilisierten Stadt der Skulptur Projekte so ein Missbrauch geschehen? Erleben wir nun das Phänomen »Des Kaisers neue Kleider«: Keiner wagt es, Wahrheiten öffentlich auszusprechen? Liegt die Kunst ökonomiebedingt in LWL-Fesseln? Wie können die LWL-Verantwortlichen den allabendlich flackernden lokalen Kunst-Brand im eigenen Hause so scheinheilig verschweigen und gleichzeitig ein großes internationales Kunst-Feuerwerk verkünden wollen? Wie lange will man den schönen Schein noch aufrecht halten? Allmählich wird es unglaubwürdig und peinlich.

Die Kunst ist im eigenen Haus angegriffen! Es ist ein Skandal!

Man stelle sich nur einmal vor, LWL-Museumsdirektor Dr. Arnhold ginge auf Geheiß der LWL-Kulturdezernentin Dr. Rüschoff-Thale mit glühendem Eisen an die LWL-Bilder im LWL-Museum, um Ihnen unten rechts als Branding das LWL-Logo zu verpassen. Würden auch solcherart werbende LWL-Rauchzeichen an Originalen, im Stile von Pienes ehemaligen experimentellen Arbeiten, vom LWL-Parlament und der Münsteraner Öffentlichkeit so einfach hingenommen?

  • Was geschieht eigentlich mit der Aura von Kunstwerken im Zeichen von Digitalisierung und Ökonomisierung?
  • Sinken im Zuge von Digitalisierung und Technisierung Zugriffsschwelle, Respekt und Achtung vor Kunst und Künstler und ermöglicht dies leichter einen marketingbedingten Übergriff und einen Missbrauch?
  • Es brennt und raucht gewaltig an der LWL-Museums-Fassade – aber eben wohl nur harmlos virtuell? Ist das Basislager der LWL-Skulptur Projekte schon völlig vernebelt?
  • Was bedeutet unter dem Einfluss der globalen Themen noch kuratorische Sorgfaltspflicht gegenüber Kunst und Künstler?
  • Darf ein Museum sich aus Repräsentationsgründen an seiner Kunst vergreifen?
  • Welche ethischen Werte gegenüber seiner Kunst gelten für ein LWL-Museum?
  • Darf der LWL, als Kommunalverband mit öffentlichen Aufgaben, sich im Bereich Marketing wie ein Konzern verhalten: »Wir unternehmen Gutes«?

Diese spannenden Fragen sollten am brennenden Fassaden-Beispiel vorrangig im Vorfeld der Skulptur Projekte diskutiert werden! Das ist die dringlichste Haus-Aufgabe der Skulptur Projekte Münster – und nicht die einer Bürgerinitiative! Es sollte alle zehn Jahre ein diskursiver Prozess mit der Öffentlichkeit geführt werden. Und dies sollten die Skulptur Projekte insbesondere dann auch verantwortlich und aktiv am eigenen Hause tun dürfen – wenn es dort massiv brennt.
Hierzu braucht es allerdings das klare Plazet des Auftraggebers Landschaftsverband Westfalen-Lippe, verbunden mit einer sich selbst auferlegten umfassenden Reflexion zu den Themen:

  • Wie geht eigentlich noch ein verantwortliches museales Handeln gegenüber der Kunst angesichts zunehmender Digitalisierung und Ökonomisierung?
  • Wie wird der gut gemeinte aber hier wohl eher scheinheilige LWL-Werbe-Slogan »Offen« in die Wirklichkeit umgesetzt?

Das »LWL-Logo in der Piene-Kunst« ist eine Steilvorlage für die Themen der Skulptur Projekte »Digitalisierung, Ökonomisierung und Globalisierung«! Einige fordern nun, dass das LWL-Logo aus der Piene Arbeit entfernt werden müsste. Meiner Ansicht nach wäre das falsch angesichts der Brisanz und Wichtigkeit obiger Themen. Das »LWL-Piene-Werbe-Amalgam« gehört unbedingt in eine Kunst- und Öffentlichkeits-Debatte der Skulptur Projekte! Wer nun vor Beginn der Projekte den Rückbau des Logos fordert, um LWL-Fassade und Piene-Kunst quasi wieder schön sauber zu waschen, handelt fahrlässig gegenüber der Notwendigkeit einer gründlichen Aufarbeitung des Sachverhalts und der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit diesem Angriff auf die Kunst. Zudem würde dies als eine feige »Fassaden-Rein-Wasch-Aktion« vor der Weltöffentlichkeit angesehen werden, um ein zweifelhaftes Ansehen zu bewahren. Diese »Logo-Attacke auf die Kunst« am LWL-Museum ist geschehen – dazu muss dann auch verantwortlich gestanden werden! Das lässt sich nicht einfach wegwischen, wie ein Taubenschiss.

Die Skulptur Projekte zusammen mit dem LWL müssen nun selbst offensiv den Dialog mit der Öffentlichkeit am Standort vor der Fassade ihres musealen Basislagers eröffnen und ihn auch moderieren. Hierbei kann sicherlich auch eine Initiative aus der Bürgerschaft unterstützen. Es gibt viele Ideen, Anregungen und Fragen aus der fach- und sachkundigen Münsteraner Bürgerschaft, die bei den Skulptur Projekten gesammelt und dokumentiert werden müssten:

  • Wie ist nun weiterhin mit diesem »LWL-Markenzeichen« umzugehen?
  • Ist diese »Werbeanlage« überhaupt noch Kunst oder kann sie auch selbst künstlerisch thematisiert und darüber in etwas Neues gewandelt werden?
  • Gibt es hierzu einen öffentlichen Ideen-Wettbewerb?
  • Nun kann Direktor Dr. Arnhold auch endlich sein lang geplantes Symposium zum »LWL-Logo im Piene« durchführen!

In einem – im skulpturalen Sinn –  kritisch geführten Auseinandersetzungsprozess mit der LWL-Fassade liegt die Chance, dass es für die Kunstöffentlichkeit in Münster, angesichts solch aktuell brennender und brenzliger Themen, nun partizipativ weltoffen und engagiert nach vorne und nicht marketingtechnisch bedingt glatt und scheinheilig weiter nach hinten los geht.
Bevor es groß in die Welt geht, sollte erst mal das eigene Haus, die Basis im Lager, geklärt werden, wenn es dort lichterloh brennt! Es braucht beim LWL nun kluge Interessensabwägungen und mutige Entscheidungen. Und auch personelle Konsequenzen!
Die Skulptur Projekte Münster 2017 haben einen seriösen Auftrag zur Untersuchung von »Kunst und Öffentlichkeit« und bei diesem hausgemachten Problem geradezu eine »hoheitliche Aufgabe zur Bewahrung der Kunst vor solcher Art Zugriffe«, die sich hier ganz deutlich über die Eigeninteressen des LWL stellen müsste. Ansonsten droht auch für sie ein Image- und Glaubwürdigkeitsverlust. Die Möglichkeit einer weltweiten künstlerischen Diskreditierung ihres Vorzeigeprojekts wegen ungelöster Fassaden-Probleme sollten sich LWL und Kooperationspartner Stadt Münster gut überlegen.

Hier einige konkrete Handlungs-Ideen dazu:

  • Erteilung eines Prüfauftrags des »Auftraggebers LWL« an seinen »Auftragnehmer  Skulptur Projekte 2017« zur Untersuchung und Thematisierung der für »Kunst und Öffentlichkeit« relevanten Ereignisse an der  LWL-Museums-Fassade angesichts seiner Themen »Digitalisierung und Ökonomisierung«
  • die Skulptur Projekte geben den Standort vor der LWL-Museums-Fassade frei für notwendige partizipative Prozesse und Ideen aus der Öffentlichkeit
  • der LWL richtet  – neben den sicherlich wichtigen wissenschaftlichen Kommissionen für Altertum, Mundart, Literatur, Geografie und Volkskunde – endlich auch eine zeitgenössische Kunstkommission ein, zur Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf die eigene Kunst sowie zum Thema »Wandel musealer kuratorischer Aufgaben und Sorgfaltspflichten im Zeichen von Digitalisierung und Ökonomisierung« und auch für die fachliche Beratung des LWL-Kulturausschusses
  • der LWL überprüft personelle Konsequenzen im eigenen Haus: Wer für so einen Skandal an der Kunst im eigenen Museum verantwortlich ist, sollte eigentlich freiwillig seinen Hut nehmen
  • die offensiven öffentlichen Maßnahmen im Umgang mit der eigenen Fassade von Seiten LWL und  Skulptur Projekte sollten auch von der Stadt Münster unterstützt werden – es geht auch für sie um einen möglichen Imageverlust angesichts der Skulptur Projekte 2017.
  • Zu diesem wichtigen Thema könnte auch die Kunstkommission der Stadt Münster einberufen werden – zwecks Erarbeitung einer Empfehlung für den Kulturausschuss

Hier kann man eine Petition zur Untersuchung des LWL-Marketing-Übergriffs auf  die »Silberne Frequenz« von Otto Piene unterstützen: 

https://www.openpetition.de/petition/online/ortungen-2017logo-piene-untersuchung-des-lwl-marketing-uebergriffs-auf-die-piene-kunst-in-muenster

 

http://m.wn.de/Muenster/Kultur/2749623-Juergen-Lemke-organisiert-im-Jahr-der-Skulptur-Projekte-Widerstand-LWL-Logo-als-Mahnmal

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Theater Titanick: „Lost Campus“

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Theater Titanick: „Lost Campus“
Wie kommt ein verlorener „Unort“ und die mit ihm verbundenen Themen Kriegsgefangenenlager und Zwangsarbeiter wieder zurück ins öffentliche Bewusstsein Münsters? Wie wollen wir uns erinnern? 

von Jürgen Lemke

Die Empörung über den sang- und klanglosen Abriss einer ehemaligen Kriegsgefangenen-Baracke wegen des Neubaus von Immobilien im Jahre 2013 in Münster ist berechtigt. Aus diesem gedankenlosen Akt spricht ein mangelndes Geschichtsbewusstsein und auch eine Pietätlosigkeit gegenüber Toten, Überlebenden aus den Lagern und deren Angehörigen. Insbesondere dann, wenn es in und um Münster ungefähr 180 Orte gegeben hat, an denen offenbar tausende Zwangsarbeiter verhungert oder auf andere erschreckende Weise zu Tode gekommen sind und – dies nun der letzte Ort seiner Art war.
Ein Schock auch für „Theater Titanick“, dass mit diesem radikalen Akt nun innerhalb weniger Monate zudem noch der Grund für den Antrag „Unorte“ beim Fonds Darstellender Künste verschwunden war.
Umso mehr ist anzuerkennen, dass eine Kooperation aus „Theater Titanick“, „Filmwerkstatt Münster“ und „Geschichtsort Villa Ten Hompel“ diesen für Münster verlorenen Ort mit neuem Projekt-Konzept in ein öffentliches Bewusstsein zurückholen will. Auch zeitaktuell wichtig, angesichts eines sich immer weiter in Richtung (Bürger)Krieg zuspitzenden Ukraine Konflikts, eines drohenden Rückfalls der Großmächte in einen Zustand des „Kalten Krieges“ und den Spekulationen über eine sogar erneut möglich scheinende Auseinandersetzung in Europa.

Das Projekt „Lost Campus“ musste für einen neuen Ort gedacht und geplant werden. Nun sollte der verlorene „Unort“ an der Gasselstiege als Erinnerungsstätte, auch als Denkmal und Störfaktor, im Zentrum Münsters neu entstehen. Ein „Stolperstein“, nun nicht mehr am Rande sondern mitten drin. Das massive Lager aus Holz entsteht schließlich neu an den Kugeln im Freizeit- und Erholungsgebiet Aasee. Vom 1. bis zum 8. Mai arbeitet hier die Veranstaltergemeinschaft am historischen Bewusstsein Münsters mit einer ästhetisch partizipierenden und intervenierenden Erinnerungskultur zum Thema Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.
Im Mittelpunkt stehen dabei die bauliche Rekonstruktion der ehemaligen Baracke sowie temporäre „Installationen“ der jeweiligen Bauabschnitte, „Theater-Performances“ in den unterschiedlichen Bauzuständen der Baracke. Fortlaufende „Informationen“ an einem Info-Pavillon, sowie Vorträge und Lesungen zum geschichtlichen Kontext und filmische Dokumentationen der Filmwerkstatt Münster bilden hierzu den Rahmen.

Gelungen ist die installative Setzung des Bauprojekts und seine unmittelbare nicht zu übersehende Präsenz im Öffentlichen des gut besuchten Naherholungsgebiet Aasee mit Bauzaun und gestaltetem Bauschild mit der Aufschrift: „Hier entsteht ein Kriegsgefangenenlager zur Erinnerung an die 180 Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager in Münster und Umgebung.“
Durch den radikalen Impetus dieser Setzung insgesamt scheint wahrnehmungsseitig gesichert: jeder noch so in sich versunkene Münsteraner Aasee-Umrunder wird spätestens bei seiner zweiten Runde etwas merken, hoffentlich schnaufend innehalten und sich fragen: Was soll das denn hier an diesem Ort?
Das Ensemble schafft eine erwünschte Aufmerksamkeit und wer will, kann sich fundierte Hintergrund-Informationen zum Thema am Pavillon daneben und bei den täglichen Vorträgen beschaffen. Hier findet mit ästhetischen Mitteln ein verwirrendes aber dennoch achtsames Spiel gegenüber diesem ernsten Thema statt. Die unmittelbare Begegnung an jenem Ort Aasee mit diesem historisch monströsen Unglaublichen und Unvorstellbaren kann zum Nachdenken und Handeln auffordern. Angesichts eines schon auch im wahrsten Sinn des Wortes „verrückt“ scheinenden Akts, der unmittelbar Fragen bei jedem Vorbeilaufenden aufwerfen kann.

Die Idee der Rekonstruktion und fortlaufenden installativen Setzung der Baracke als Erinnerungs-Objekt und Mahnmal im Öffentlichen funktioniert im Sinne einer ästhetisch begründeten Erinnerungs-Kultur. Die Aktion hat nicht nur in seiner Materialität sondern durch die ernsthaft plausible und planerisch präzise durchgeführte Konsequenz seiner baulichen Umsetzung Größe. Sie erzeugt über die Intervention im Öffentlichen und auch als ästhetische Irritation erwünschte Aufmerksamkeit beim Publikum. In seiner Baustellen-Erscheinung mag dies zwar auch an das fiktive Projekt der „Skulptur.Projekte 2007“ von Annette Wehrmann erinnern: „AaSpa – Wellness am See, hier baut die AaFit+Well AG ein Wellness-Hotel.“ Doch hier geht es eben gerade nicht um ein Spiel mit dem Fiktiven sondern um bittere Realität. Die Ernsthaftigkeit im Umgang mit diesem hochbrisanten Thema ist angesagt und erforderlich.

Wäre es insofern für „Theater Titanick“ klüger gewesen, sich bei diesem Thema im Sinne einer Erinnerungs-Kultur mit der überzeugenden installativen baulichen Setzung in Verbindung mit den wichtigen und notwendigen historischen Informationen und Dokumentationen zu begnügen? Insbesondere unter den Gesichtspunkten Pietät und Achtsamkeit für einen besonderen geschichtlichen Ort und der Etablierung einer etwas anderen Erinnerungs-Kultur, die Holz-Baracke nun nicht als Bühne in einem spektakulären Sinne theatral oder performativ zu bespielen?
Warum reichten die mit titanickscher Wucht, Größe und handwerklicher Perfektion ausgeführten baulichen Aktionen und Installationen nicht aus? Zusammen mit historisch fundierten Vorträgen, Lesungen und den partizipativen Dokumentationen mit thematischen Statements von Bürgerinnen und Bürgern? In diesem sich fruchtbar ergänzenden Zusammenspiel scheint mir nämlich Erinnerungs-Kultur für diesen „Unort“ zu gelingen.

Im Bereich der sprach-künstlerischen Auseinandersetzungen der abendlichen Performance am ersten Abend geht es leider oftmals peinlich an Grenzen. Ein Theater, dass sich sonst eher ohne verständliche Sprache, per Grommolo und bildhaft ausdrückt, arbeitet nun ausgerechnet hier mit solchen Texten? Bei einem derart sensiblen Thema?
„Theater Titanick“ hat sich mit seinem Regisseur Christian Fries leider nicht wie angekündigt zurückgehalten. Reicht es aus, auf Kostüme und Effekte zu verzichten und Alltagskleidung anzuziehen, wenn dann die Texte selbst eher „spektakulär“ ausgewählt und inszeniert scheinen? Wenn sich erschreckende Grausamkeiten und extreme Scheußlichkeiten aus Kriegsgefangenenlagern am Abgrund des Menschlichen, durch immer weitere Schrecklichkeiten noch zu überbieten versuchen? So wird Erinnerungskultur nicht lebendig und auch nicht anrührend.

Es stellen sich vielmehr Fragen nach Pietät und Achtsamkeit: Ist es angesichts dieser brisanten Thematik legitim, sich biografische Erinnerungs-Texte aus den sogenannten „Freitagsbriefen“ für künstlerische Zwecke zu entleihen, um sie eher spektakulär für die Bühne zuzubereiten? Sie nun ähnlich, wie andere Texte als Material frei improvisierend zu nutzen? Ist es nicht eher schon fast auch entmündigend, einen biografisch zugeschriebenen Text eines erinnernden Individuums nun beliebig auseinander zu nehmen und unter dramaturgischen Gesichtspunkten fragmentarisch neu zusammenzustellen. Ihn teilweise gleichsam wie nach dem Kriterium „Erschrecken“ auszuwählen und danach immer noch weiter steigernd aneinanderzureihen und grausam schrecklich aufzuhäufen? Um schließlich was zu bewirken? Ein noch größeres Befremden und Erschrecken?

Kann man mit solchen Texten überhaupt szenisch umgehen? Kann nur jemand sie „performativ“ füllen, der sich dabei selbst auch in einen Ausnahmezustand seiner Existenz begibt, seine eigenen Grenzen erforscht und ansatzweise versucht, solches Leid nachzuempfinden? Indem er selbst hungert und unter ähnlichen Bedingungen lebt? Was bräuchte es also, um „künstlerisch“ angemessen im Sinne von existenzieller Performance mit solchen Texten umzugehen anstatt zu „Schau-spielen“? Wie würde eine „Performance-Künstlerin“ mit „Performance am verlorenen Ort der Kriegsgefangenen“ umgehen? Beispielsweise Marina Abramović, die dafür bekannt ist, dass sie stets radikal an ihre eigenen existenziellen Grenzen geht?
Mich jedenfalls hat als Zuschauer an vielen Stellen des ersten Aufführungs-Abends eher die Form des Umgangs mit den Texten peinlich betroffen gemacht.

Insbesondere dann, wenn bekannt ist, dass diese teilweise hoch traumatischen Erinnerungen in den „Freitagsbriefen“ russischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener wiederum aus großer Not und unter materiellen Zwängen erinnernd hervorgeholt und größtenteils auch nur deshalb aufgeschrieben wurden, um endlich als Kriegsopfer anerkannt und entschädigt zu werden – eine deutsche Regierung dies dann aber per Gesetz abgelehnt hat. Wie erbärmlich.
Es erscheint insofern fragwürdig, die biografischen Erinnerungen Überlebender aus den Lagern für „Show-Zwecke“ einzusetzen. Sie mit von „Theater Titanick“ bekannten ästhetischen Mitteln aus spektakulären Aufführungen, etwa durch geräuschvolles banales Alltagshandeln, wie Putzen, Wischen, Waschen sowie mit schrägen Posaunenklängen zu übertönen, zu verfremden und sie somit zu konterkarieren? Klingt es nicht eher schon zynisch, wenn laut Regie nun „durch ein Brechen des Textes die Grausamkeit für den Zuschauer erträglich gemacht werden soll“? Und „immer schon auch Menschen grausam behandelt wurden und gestorben sind während ringsum jeder seinem Alltag nachging“?
Wie also wollen wir uns erinnern?

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Nachtrag

Wer in Münster vom 1. bis zum 8. Mai 2014 nicht täglich Zeit hatte, die neu rekonstruierte Erinnerungs-Stätte „Lost Campus“ zu besuchen und den installativen Bau-Prozess zu verfolgen, wird sich vielleicht auch fragen, wo die Holz-Baracke verblieben ist. Am Aasee ist sie jedenfalls verschwunden und aus der lokalen Presse war auch nichts zu entnehmen. Keine Berichte, keine Nachbesprechung, keine Fotos…? Was ist geschehen?

Wenn dieser spektakulär rekonstruierte Geschichts-Ort offenbar nun erneut aus dem Wirklichen verschwunden ist, findet sich dann zumindest noch eine Erinnerungsspur im virtuellen Raum? Meine Internet-Recherche nach „Lost Campus“ befördert Ernüchterndes: Auf der Seite von „Theater Titanick“ ist nur noch im Tourplan der Ankündigungs-Flyer zum Projekt ansonsten keine weitere Dokumentation. Nicht einmal ein eigener Bereich, ein virtuell gestalteter Erinnerungs-Ort? Nur unter https://www.facebook.com/pages/Theater-Titanick/195951477204452 sind noch einige Fotos.
Zu meiner Enttäuschung entdecke ich auch bei den Kooperationspartnern des Projekts „Geschichtsort Villa Ten Hompel“ und „Filmwerkstatt Münster“ keinerlei Hinweis. Nicht die Spur einer Erinnerungs-Kultur?

Das Verschwinden des rekonstruierten Ortes am 8. Mai lässt sich dankenswerter Weise immerhin noch im „Attac Netzwerk“ der Gruppe Münster/Hamm nachvollziehen. Dort dokumentieren Fotos von Sylvia Dams das Titanick Finale: http://www.attac-netzwerk.de/fileadmin/user_upload/Gruppen/Muenster/Attac_Website/Termine/080514_Theater_Titanick_Lost_Campus.jpg

Internetrecherche Lost Campus Rekostruktion Abriss über Attac

Auf der öffentlich sichtbaren Facebook-Seite einer der Schauspielerinnen des Projekts, Ludmilla Euler, finde ich in ihrer Chronik Informationen zum Ende der Erinnerungs-Stätte „Lost Campus“: 

Internetrecherche Lost Campus Rekonstruktion Abriss über Akteurin bei Facebook3

https://www.facebook.com/ludmilla.euler?fref=ts

Das endgültige Verschwinden des Erinnerungsortes mit dem spektakulären Abriss der Baracke „Lost Campus“ im Rahmen der Show und seine nachlässige Behandlung werfen Fragen auf:
Warum hat „Theater Titanick“ die rekonstruierte Erinnerungsstätte am Aasee nicht erst einmal stehen lassen? Zumindest für eine kurze Zeit? Dann hätte sich eine öffentliche Diskussion über den weiteren Umgang mit diesem Geschichtsort in Münster entwickeln können? Hätte sich nicht ein sinnvollerer Lager-Ort finden lassen als das Kulissenlager von „Theater Titanick“? Vielleicht wäre gar ein Schulhof gefunden worden, wo angesichts großer Raumnot dankbar ein neuer Ort für Geschichts- und Theater-AGs angenommen worden wäre? Oder wäre das zu unspektakulär gewesen?
Wie wollen wir uns nun erinnern?

 

„Lost Campus“

Das Ensemble

Konzept Theater Titanick, Christian Fries
Künstlerische Leitung Uwe Köhler
Regie Christian Fries
Spieler Ludmilla Euler, Clair Howells, Georg Lennarz, Matthias Stein, Rahel Valdivieso
Bühnenbild André Böhme
Bauleitung Justus Weber
Bauten Hubert Hogrebe, Elias Macke, Jan Rieve, Robert Schiller
Musik Helmut Buntjer
Kostüm Tanja Schulte
Licht Johannes Sundrup
Ton Ingo Koch
Regie-Assistenz / Recherche Isabelle Bettmer
Produktion Denise Rietig
Projektleitung Clair Howells
Tourmanagement Sarah-Jane Reed
Film/Projektion Filmwerkstatt Münster Winfried Bettmer, Daniel Huhn, Julian Isfort
Info Point Isabelle Bettmer, Sarah-Jane Reed
Betreuung Joscha Gingold, Johannes Schlüter, Johanna Schäpermeier, Teresa Brugues, Freundeskreis Theater Titanick Münster
Historische Recherche Christoph Spieker, Villa ten Hompel, Dr. Gaby Flemnitz (Historikerin), Anja Gussek (Stadtarchiv Münster), KONTAKTE-KOHTAKTbI e. V. Berlin, Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Dr. Pavel Polian (Historiker), Dokumentationsstätte STALAG Senne

http://www.titanick.de/htcms/de/aktuelles.html

FREITAGSBRIEFE
http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch//ns-opfer/kriegsgefangene/oeffentliche-petition-an-den-bundestag.php

http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/index.php

KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion

 

„Frühlingsstürme“ unter Hollywoodschaukeln im Theater Münster – eine deutsche Erstaufführung

hollywoodschaukel

von Jürgen Lemke

Münster goes Hollywood? Südstaaten-Feeling im Herzen Westfalens? Mississippi-Delta-Blues? Im „Theater Münster“ hat sich seit dem Intendantenwechsel im letzten Jahr nicht nur der Name geändert. Ein frischer Wind weht von neuer Bühne in die Stadt. Jetzt wird er zum Sturm. Ein hochmotiviertes Ensemble mit toller Spielfreude begeistert das Münsteraner Publikum. Der hierfür verantwortliche Schauspieldirektor dreht unverdrossen weiter am Rad, selbst wenn es ihn kurzzeitig abgeworfen hat. Frank Behnke, der „Jürgen Klopp“ des Theater Münster, hat es mit seinem jungen Ensemble geschafft, in kürzester Zeit eine oft eher angestaubte Schauspiel-Vergangenheit der Städtischen Bühnen vergessen zu machen.

Mit Pioniergeist, Weitblick und Mut wagt er sich nun an ein eher nicht ganz so vollkommenes Stück eines ganz Großen weil er darin die Trüffel wittert. Im „Royal National Theatre“ in London bei der britischen Erstaufführung 2010 ist er fündig geworden: „Frühlingsstürme“. Die haben ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Engagiert, ehrgeizig und profund bearbeitet er daraufhin dieses verschollene Frühwerk des weltberühmten Autors Tennessee Williams für eine deutsche Erstaufführung. Das Stück ist nie zu Lebzeiten des Autors zur Aufführung gekommen und deshalb auch noch nicht ganz „bühnenreif“. Behnke muss mit den Rechteinhabern um die Streichung von Textpassagen und Nebenrollen kämpfen, damit es spielbar wird. Er weiß, dass in diesem „Jugendwerk“ gleichsam die wertvolle Grundmatrix vieler berühmter Stücke von Tennesse Williams angelegt ist. Diesen ungeschliffenen Edelstein galt es für’s Theater zu bergen und in deutscher Erstaufführung zu präsentieren.

Williams hatte „Spring Storm“ im Jahre 1937 während seines Studiums geschrieben. Als er das Stück in seiner Ausbildungs-Klasse für Bühnenautoren vorstellte, bekam er keine guten Rückmeldungen. Er schrieb dazu damals: „Habe die letzte Version meines zweiten Aktes vorgelesen, und es wurde letztlich ganz, ganz am Ende von der Klasse wegen der Schwäche des Charakters „Heavenly“ abgelehnt. Sicherlich ist es sehr ärgerlich und entmutigend an einer Sache zu arbeiten und sie dann fallen zu lassen. Aber es gibt noch eine Chance, dass sie falsch liegen – alle – ich muss mich an diese Chance klammern… “ (s. engl. Wikipedia  – freie Übersetzung des Autors) Es gab wohl auch die Idee dieses Stück „April is the cruellest month…“ nach der ersten Zeile von T. S. Eliots Epochenwerk „The Waste Land“ zu benennen. Dies deutet die Dimensionen an, in denen Williams sich damals schon mit diesem Stück bewegt.

„Frühlingsstürme“ spielt an auf  jene üble Jahreszeit mit Gewitter, Donner und Stürmen, die zugleich Sinnbild sein kann für eine Gesellschaft während der „Großen Depression“. In den hier gezeichneten Charakteren spiegeln sich grundlegende Haltungen von gut situierten weißen Einwohnern der Südstaaten-Kleinstadt Port Tyler am Mississippi Delta im krisengeschüttelten Amerika der 30er Jahre.

Über der Bühne des Kleinen Hauses schweben große Hollywoodschaukeln (David Hohmann), bespannt mit dreissiger Jahre Stoffen, in denen maskierte Frauen in Kleidern marionettenhaft posen. Männer und Frauen wirken wie ausgestellt mit ihren Masken, ohne erkennbare Persönlichkeit. Alle scheinen eher äußerlich bewegt durch den Wind eines großen Ventilators. Das gibt die Anmutung einer gemachten Lebendigkeit, wie auf einem gestellten Gruppenfoto. Ein seltsam erstarrtes Bild baut sich am Bühnenrand auf. Stereotypen, Klischees von Mann und Frau künstlich aufgebläht, ja angeblasen, wie das bekannte Liebespaar am Bug der als unsinkbar geltenden Titanic kurz vor der Katastrophe? Hier wird von hinten ventiliert. Untergründig befördert ein allmählich an- und abschwellender Sound (Kai Niggemann), wie ein Störsender eine unwirklich bedrohliche Stimmung, die später immer wieder von Blitz und Donner begleitet wird. Charaktere gleiten vorbei, bleiben noch nicht haften. Berühren am Anfang nicht wirklich.

Allmählich werden die unterschiedlichen Typen deutlicher: Dick Miles (Maximilian Scheidt), ein hemdsärmelig zupackender, jugendlich romantischer und zugleich erdiger Pioniertyp geht nach vorn, will aufbrechen aus erstarrten Strukturen und zu neuen Ufern vorstoßen. Arthur Shannon (Florian Steffens) im weißen Anzug, wirkt steif, linkisch verklemmt, schüchtern und weltfern aber führt intellektuell belesen ein großes Wort… und er hat als Plantagenerbe Geld. Heavenly Critchfield (Maike Jüttendonk), die nicht nur „himmlische“, lebenshungrig quirlige, unberechenbar launische Kindfrau, tanzt hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Männern. Hertha Nielson (Lilly Gropper) lebt wie Arthur eher in ihren Büchern und träumt von ihrer unerfüllten Liebe zu ihm.

Mutter Esmeralda Critchfield (Carola von Seckendorff) und Tante Lila (Regine Andratschke) erscheinen wie Prototypen jener schrill hysterischen und gleichzeitig hochmoralischen amerikanischen Mütter mit ewig eingemeißeltem Grinsen und betonierter Dauerwelle. Immer bereit an ihren Kindern solange zu drehen und zu schrauben bis es für sie passt. Sie versuchen ständig moralisch oder erziehend helfend einzuwirken und in ihrem Sinn zu kuppeln. Mutter will natürlich den smarten Arthur, ein Mann mit Geld, als ihren Schwiegersohn und treibt damit die opponierende Heavenly in die Arme von Dick. Ein richtiger Kerl, an den Frau sich anlehnen kann. Und zudem kann er gut küssen. Es scheint, als habe Dick mit seiner Männlichkeit Heavenly so gut wie sicher. Oder etwa nicht? Nein – die Beziehung ist wohl doch nicht so fest. Denn dieser Typ Mann mit seinen romantischen Traumvorstellungen vom Leben auf schwankendem Hausboot im Fluss nur mit den Sternen über sich ist für Heavenly doch schließlich zu unsicher. Es schaukelt mächtig auf dem Beziehungsboot.

„Frühlingsstürme“ wirkt in der Inszenierung zweigeteilt: Eine eher nüchterne Phase vor der Pause und eine betrunkene Phase danach. So, als begänne der Beziehungs-Showdown schließlich mit einer schrillen „Partytime“. SpringBreak, Komasaufen und hemmungsloser Sex, wie heutzutage von Amerikas Jugend praktiziert, wäre übertrieben für die 30er? Dennoch – die Darsteller erscheinen nach der Pause aufgehübscht, schräg und grell angezogen. Nur Arthur trägt schwarz. Alle bereit für einen Exzess unter glitzernder Diskokugel? Alkohol als Bowle wird eifrig ausgeschenkt. Akzeptiertes Triebmittel für ein Handeln ohne Moral zwischen verwirrten Geschlechtern. Ein gesellschaftliches Ritual in Gemeinschaft beginnt. Maitanz? Beltane? Es ist doch kulturübergreifend seit ewigen Zeiten immer schon so. Ende April. Man trinkt und tanzt. Enthemmt sich. Überschreitet Grenzen. Und dann geht’s ab in die Büsche…?

Arthur betrinkt sich zum ersten Mal in seinem Leben. Als wäre nun auch als Spätpubertierender seine Initiation, seine Mannwerdung, gekommen. Er genießt es, dass seine Hemmungen endlich fallen, seine Männlichkeit anschwillt. Sein „Dick“ steigt ihm mächtig zu Kopf. Er bekommt dann auch noch einmal, wie immer schon seit Kindertagen vom leibhaftigen Dick ganz jungmännchenmäßig etwas aufs Maul. Same as it ever was. Und wird gegenüber beiden Frauen übergriffig. Beide Male scheitern. Heavenly weist ihn zurück wegen dem leibhaftigen Dick. Und… dann ist eben Hertha dran, einfach weil sie Frau ist und deshalb ja auch zur Liebe taugt für seine männlich triebhaften Angriffe. Aber die ist leider in ihn verliebt. Als sie ihn schließlich trotz seiner massiven Übergriffe will, widert es ihn geradezu an. Vielleicht so extrem weil sein „Dick“ eigentlich doch nicht in Frau will? Er weist sie jedenfalls überhart zurück und beleidigt sie dabei so tief, dass diese massive Verletzung ihrer Gefühle eine unbeabsichtigte finale Wirkung zeigt: Hertha wirft sich vor den Zug. Dieses „erdige Frühlingsopfer“ bringt Moral zurück? Wieder in Kontakt mit Heavenly erfolgt nach der Todesnachricht abrupt Arthurs ernüchtertes Erwachen aus alkoholisierten Männlichkeitsträumen. Arthur fühlt sich schuldig an Herthas Selbstmord. Seine Moral verhindert schließlich ein himmlisches „Happy End“ als Heavenly doch wieder mit ihm will.

„Frühlingstürme“ zeigt höchst instabile, unreife zu ihrem Handeln getriebene identitätssuchende Menschen in stetem „Hin- und Her“ und „Auf und Ab“. Leben nach dem Prinzip Hollywood-Schaukel? Immer in der Hoffnung eines synchronen Schaukelns zu zweit. Mit Mann oder mit Frau? Für Frau der Traum vom abgesicherten Dasein in den Armen des Mannes? Für Arthur vielleicht doch eher mit Mann? Für Dick bedeutet Traum, auf einem schaukelnden Schiff mitten auf dem großen Fluss unter den Sternen zu leben zusammen mit einer geliebten Frau. Doch die will leider nicht. Es ist schier zum Verzweifeln. Alle scheinen naiv zur Schaukel zu streben. Zum Ausgleich, zu einer scheinbaren Harmonie. Und alle fühlen sich irgendwie verschaukelt. Nichts ist wirklich sicher. Immer wieder gibt einer vor, das Beste für den anderen und sich selbst zu wollen. Besonders natürlich selbstlose Mütter und Tanten. Die alles nur für die Kinder tun. Eigentlich sind sie die Schlimmsten weil sie aufgehört haben, selbst zu leben. Aber alles tun, um andere in ihrem Sinne zu manipulieren. Hey Mann greif zu! Frauen wollen das! Hollywood-Schaukel, ein Himmel auf Erden? Wo die Fallhöhe beim Absturz nicht wirklich gefährlich werden kann? Hertha ist abgestürzt… Und… der schlimmste Alptraum für eine Heavenly ist es, als alte Jungfrau allein in einer Schaukel auf der Terrasse am Fluss sitzen zu bleiben? Und so denken wahrscheinlich die meisten Frauen? Und die Männer? Mississippi Delta Blues!

http://www.theater-muenster.com/produktionen/fruehlingsstuerme.html/ID_Vorstellung=263&m=64

„Frühlingsstürme“ von Tennessee Williams, Theater Münster
Deutsche Erstaufführung am 22.02.2013

Inszenierung:Frank Behnke
Bühne & Kostüme: David Hohmann
Musik: Kai Niggemann
Dramaturgie: Friederike Engel
Besetzung
Heavenly Critchfield: Maike Jüttendonk
Dick Miles: Maximilian Scheidt
Hertha Nielson: Lilly Gropper
Arthur Shannon: Florian Steffens
Esmeralda Critchfield: Carola von Seckendorff
Lila Critchfield: Regine Andratschke
Oliver Critchfield / Reverend Hooker / Kellner: Hartmut Lange
Agnes Peabody / Berdie Slagman: Claudia Hübschmann

„Treibgut“, Theater Titanick, Stadthafen Münster

Jürgen Lemke

Wie von Titanick gewohnt, beginnt es mit einem spektakulären Bild. Wasser ergießt sich zu einem wirkungsvoll dichten Regenvorhang zwischen Zuschauertribüne und Hafen. In diesem laut plätschernden Wasserteppich agieren eine Reihe durchnässter dunkler Gestalten, die rhythmisch Gegenstände von Hand zu Hand weiterreichen. So geht ein gemeinschaftliches menschliches Helfen, Retten und Bergen in einer Katastrophe. Es scheint vorbildhaft vor den Wasser-Vorhang gestellt zu sein. Ein beeindruckend klar gesetztes Bild performativen Handelns ohne mystisches Fantasy-Beiwerk. Das braucht es nicht. Es wirkt. Über dem Wasser des Kanals, erhebt sich dann aber der eigentliche Fokus des Stücks, eine Art Orchestermuschel in Eiform auf Stelzen mitten im Hafenbecken. Erleuchtet thronen hier göttergleich zwei silbrig glitzernde Musikerhelden mit spitzig befederten Narrenkappen, die an Prinzengarde beim Rosenmontagszug erinnern. Mit überwiegend düsteren schweren Klängen kommentieren und untermalen sie fortan die irdischen Aktionen im Wasser. Langsam driften wrackähnliche Inselfragmente durch das Hafenbecken aufeinander zu und wie mit überspringender elektrischer Restenergie werden ihre skurrilen Bewohner zündelnd illuminiert. Die Barden beherrschen, wie neptunische Herrscher, optisch und akustisch die Szenerie. Ihr Spiel scheint nun auch darin zu bestehen, mit allerlei Schabernack, die in den Ruinen zivilisatorischer Überlebens-Schollen Gestrandeten, die göttliche Überpräsenz hören und spüren zu lassen.

Wie hinein geworfen in ihr Schicksal, agieren skurril kostümierte Flutopfer voneinander isoliert auf schwimmenden kleinen Inseln in zeitkritischen Kulissen: Ein halber heruntergekommener Wohnwagen mit dickem Maikäfer-Mann und dünner blonder Frau. Ein Stück Arbeitsamtflur „Der nächste Bitte“ mit hagerem Arbeitslosen, ein schwimmender Beichtstuhl-Sarg mitsamt existentialistischem Pfaffen und spritzendem Riesenkreuz. Ein Stück Badezimmer mit Brause-Wanne und dicker roter hysterischer Matrone. Sowie eine Kleingartenidylle mit Jägerzaun und übereifrigem Gärtner. Was passiert auf diesem insular eingeschränkten Raum? Ein von Theater Titanick bekanntes, buffonisch clownesk absurdes nicht-alltägliches Handeln: Man putzt und scheuert, wienert und wäscht, hängt Wäsche über Leinen, duscht sich oder andere, spritzt sich selbst oder andere nass, schrubbt den Boden, wirft sich Gegenstände zu, trinkt aus Dosen, winkt und ruft sich zu, versucht zueinander zu kommen, schafft es oder auch nicht, fällt ins Wasser und, und, und. Diese mal mehr, mal weniger spannenden komischen Aktionen ziehen sich etwas hin. Man blendet dann öfters spöttisch irritierend, wie bei amerikanischen Sitcoms, dramaturgisch ein Lachen ein, damit der Zuschauer weiß, wann es lustig sein soll in dieser Endzeit-Szenerie, die nach Überleben in einer Flutkatastrophe aussieht.

Die miniaturisierte „Waterworld“ wird von sciencefiktionmäßig abgewrackten Figuren, von ihren Kostümen her irgendwo angesiedelt zwischen Borgs aus Raumschiff Enterprise und Zauberflöte, in eindrucksvollen Bildern grotesk bespielt. Hierzu brummt es ständig gewaltig in der titanickschen Feuer- und Wassereffekte-Kiste: Schläuche spritzen Wasserfontänen, drehen sich, bilden Muster, halb versunkene Straßenlaternen werden elektroblitzartig illuminiert, wandeln sich zu Leuchtduschen. Es zischt, faucht und knallt, ganz so wie die Zuschauer es lieben. Ab und an brodeln geheimnisvoll Wasserblasen aus dem Untergrund und man spekuliert schon recht früh darüber, wie bombastisch das Finale wohl diesmal inszeniert wird und ob es vielleicht das letzte an Effekten noch übertrifft. Allerlei schelmische faunartige Geschöpfe, manche erinnern an Zauberflöteninszenierungen aus den Sechzigern, tummeln sich im und überm Wasser, fahren im mystisch vernebelten Kahn durch die Kulisse oder veranlassen, wie aus Schabernack, auch böse Wasserexplosionen zum Erschrecken der Insulaner. Außerdem gibt es auch noch eine borgsche Tauchergarde, die für die Transportdienste von Kulissen zuständig ist, aber am Ende auch wie ein Wasserballett rhythmisch im kühlen Nass planscht.

Es wird, wie von Titanick gewohnt, höchst effektvoll gezündelt und auf alle nur erdenklichen Arten mit Wasser gespritzt und wie immer endet es in einem großen vielfach gespritzten und wassergebombten Finale mit viel Licht, Feuerwerk, Rauch und Fontänen. Diesmal kulminiert es leider auch in einem an Kitsch bis an die Schmerzgrenze kaum zu überbietenden Bild, bei dem der mit Ton und Effekten neptunisch alles beherrschende strahlende Musiker-Götterheld nun fast Jesusgleich über das endlich beruhigte Dortmund-Emskanal-Wasser schreitet, sich auf einen „Fantasybaum“ setzt und so elegisch vor sich hin trötet, dass einem ganz schummrig werden kann. Andere Figuren werden effektvoll unter Wasserglocken gesetzt. Dort hört man weniger von der zum „heldischen Finale“ anblasenden Musik. In einer großen Wasserschlacht werden metaphorisch die insularen Relikte und Ruinen menschlicher Zivilisation (Wohnwagen, Arbeitsamt, Badezimmer, Sarg und Kleingarten) im Wasser gedreht, symbolisch ertränkt und es offenbaren sich auf der Unterseite amorphe naturnahe und auch wasserspeiende Formen. Natur siegt also am Ende über Zivilisation und Technik?

Auch bei diesem Stück überwiegt der Eindruck, dass trotz vieler spektakulärer Bilder menschlicher Extreme, Technik und Spezialeffekte dominieren, hier ja sogar im Dienste der Götter. Während der kleine verlorene Mensch als ihr Bediener und Sklave buffonisch grommulierend in unwirtlichen Bühnenkulissen agiert oder sich naiv an bombastisch inszenierten Materialschlachten erfreut. Bleibt nicht zugleich auch der Eindruck eines großen Abenteuer-Spielplatzes mit überdreht und exaltiert handelnden Akteuren, die einem geradezu darwinistisch anmutenden existenziellen Kampf im und Bühnen- und Arbeitsgeschehen unterworfen sind? Welch opulente Verschwendung. Werden hier kraftvolle Bild-Material-Performance-Potenziale, die dieses Theater sichtbar hat, auf dem Altar eines zweifelhaften Publikumgeschmacks nach Romantik und Fantasy geopfert? Was wäre das für ein Theater, auf wesentliches fokussiert, ohne mystifizierenden Schnick-Schnack?

Das Lied vom Ende oder die fatalistische Moral von der Geschicht: Natur-Geister, Götter und Elemente siegen über vereinzelte schwache Menschen in einer Endzeit-Zivilisations-Kulisse? Katastrophen sind bei Titanick nicht von Menschen sondern Gottgemacht? Also eher Schicksal? Fragwürdig ist, sowohl ästhetisch als auch inhaltlich, die süßlich narzistische und kitschig romantisch verklärte Darstellung der göttlichen „Helden-Musiker“. Die Inszenierung bleibt trotz existenzieller Dramatik oft auf der Ebene eines auf Fantasy abzielenden, nicht tiefgründig genug angelegten Spektakels, das trotz faszinierender und beeindruckender Bilder auch immer wieder an einer glitzernden Effekt-Oberfläche entlang schippert.

Münster.25.05.2005

http://www.titanick.de/htcms/de/galerie/treibgut-1.html

„Odyssee“, Theater Titanick, Schlossplatz, Münster

Jürgen Lemke

Rauch steigt auf am „Poseidon Grill“: ein kleiner Imbiss-Anhänger, nebst freundlichem griechischen Verkäufer und freistehendem Grill. Drei Jugendliche essen Bratwurst und Pommes unterm Sonnenschirm. Ein Straßenreinigungsfahrzeug säubert den Platz und hinterlässt dabei eine glänzend nasse Spur auf dem Kopfsteinpflaster. Idyllisch beginnt Titanick’s Odyssee vor der Kulisse des Münsteraner Schlosses. Gegeben wird ein altes Stück nach Homer, neu gespiegelt in den Irrfahrten einer Theatertruppe, die seit nunmehr 17 Jahren national und international als kultureller Botschafter Münster’s auf großer Fahrt ist? Titanick auf Odyssee? Ist das Theater-Schiff nun selbst auf Irrfahrt? Ein Stück Selbstreflexion? Oft hat man ja selbst fast Schiffbruch erlitten…

Odysseus tritt auf als Chef einer Theater-Truppe, ein martialisch wirkender Antreiber mit Megafon. Er beginnt rigoros mit einer Platzbesetzung. Macht heftig diskutierend und gestikulierend dem Imbissbudenbesitzer seinen Standort streitig und will eigenhändig den Anhänger verschieben. Hupend fährt langsam ein riesiger Sattellaster mit Kran rückwärts auf den Platz. „Props Homer & Ilias“ kann man als Aufschrift lesen. Ein hemdsärmeliger Handwerker, Schweißer mit Schutzkleidung und baumelnden Werkzeugen, wie aus der Fernsehserie „Guck mal, wer da hämmert“, schüttet ruppig Wasser auf den Grill und zieht den Anhänger zur Seite. Verzweifelt versucht sich der griechische Imbissbudenbesitzer dazwischen zu werfen. Keine Chance. Die antike Leitkultur obsiegt gegen die banale griechische Alltagskultur? Der Monstertruck schiebt alles brutal vom Platz. Mit Gewalt wird die Trinkhallen-Idylle hinweggefegt. Eine Kurbel wird betätigt und mit akustisch verstärktem Getöse fährt die Laderampe des Trucks hinten langsam herunter. Ein skurriler Typ mit Schweineschnauze und Lederkäppi saust in einem steuerbaren Flightcase zur Erheiterung des Publikums über den Platz. Nach und nach werden weitere rollbare Kisten beschriftet mit Headlines aus der Odyssee: Hades I und II, Charybdis, Ithaka, Sirenen, etc entladen.

Ein vielversprechender spannungsgeladener Anfang. Titanicksche multiple Verwandlungskünste werden variabel und clever eingesetzt: Aus der Sirenenbox entsteht ein Musiker DJ Pult, das alsbald durch den Meister der Posaune in Besitz genommen wird, der nun ähnlich, wie in allen Titanick-Stücken, das weitere Geschehen in eher tiefen schaurigen Tönen untermalt. Die Flightcases Hades I+II bilden eine Schmiede mit Blasebalg betriebener Esse, Schleifstein und Wasser zum Ablöschen der Werkstücke. Hier werden nach und nach effektvoll unter Feuer, Blitz und Rauch dreizehn übergroße Äxte geschmiedet. Es sind die mit dem Loch, durch deren Reihung Odysseus später seine Spätheimkehrer-Erkennungsprobe vor den Freiern bestehen soll. Nur er selbst kann den starken Flitze-Bogen spannen und einen Pfeil dort hindurch schießen. Die Kiste „Ithaka“ enthüllt überraschend ein aufklappbares Ensemble mit Palmen – Heimat –  das Ziel der Irrfahrt. Am Lastwagen ist schließlich die ganze Längsseite heruntergefahren und eröffnet eine faszinierende räumliche Vielfalt: rechts ein Badezimmer mit Klo, Vorhang, Dusche und ein langes Fließband. Auf dem Dach entfaltet sich phallisch ein Gestänge zum Mast nachdem Odysseus dort symbolisch mit der Zauberin Circe geschlafen hat. Ein den Lastwagen füllendes streifiges Vorhang-Segel bläht sich an einer Lichtschiene.

Hier zeigen sich auch Titanicksche Schwächen: Neben einer Dominanz des vielfältig eingesetzten Materials wirken schauspielerische Aktionen oft übertrieben oder gewollt spektakulär. Szenische Handlungen werden assoziativ aneinander gereiht ohne das sich dabei eine Sinnhaftigkeit ergibt, als ginge es primär um eine möglichst effektvolle und groteske Darstellung grenzwertig agierender Menschen. Ein spektakuläres Bild mit großen ausgestellten Gesten reiht sich an das nächste. Der „blinde Seher“ in weißem Anzug hängt im Seil, sitzt auf dem Klo oder versucht mit seinem Hut vergeblich einen Wasserstrahl zu bannen nachdem eines von mehreren Klobecken zerschlagen worden ist. Eine hysterisch schreiende Frau mit rotem Gummibein, umgibt sich mit Blutfontainen. Nur wenig später stirbt sie exaltiert den Heldinnentod mit abgerissenem Bein in einer finalen Blutorgie. Odysseus begegnet Medusa, um den Kopf der Frau herum spritzt schlangenartig Blut in alle Richtungen. Was Titanick uns hier vorführt, ist sicherlich hoch spektakulär aber bleibt zugleich auch vordergründig an einer Oberfläche des Ausgestellten. Auf der technischen Ebene serviert man Ausgeklügeltes, eine raffinierte vielfältige Klapp-Kulissen-Kunst hinter deren effektvoller Dominanz Schauspieler immer wieder auch zurückstehen und eher als Diener einer faszinierenden Mechanik fungieren. Auf der inhaltlichen, primär bildhaft geprägten Ebene – verständliche Sprache kommt nicht zum Einsatz – fährt man allerdings schwer im Fahrwasser einer durch Schicksalsgläubigkeit und Göttertum geprägten Heldenmythologie, in der der Mensch, wie ein Spielball hilflos unbezwingbaren Kräften ausgeliefert scheint. Archaisch anmutende Blut-Opfer-Akte werden zelebriert, die an Hermann Nitsch’s „Orgien Mysterien Spiel“ erinnern mögen aber nichts mit einer inhaltlich begründeten tieferen mythologischen Auseinandersetzung zu tun haben. Man führt wiederholt effektvoll vor, ohne den Anspruch, die Zuschauer inhaltlich mitnehmen zu wollen. Und muss aufpassen, dass eine heroisch übertriebene Bildästhetik nicht in Richtung einer zweifelhaften Symbolik driftet: Es gibt große leere heldische Gesten und Posen von Kampf, ertränkt in viel Blut. Man reckt die Arme mit brennender Siegesfackel in den Himmel? Blutrote Fahnen wehen vor in den Himmel gezogenen aufgebahrten Toten. Diese Form von Pathos bewegt sich sehr an einer Grenze.

Die „Irrfahrten“, dirigiert von den Befehlstönen eines „Odysseus“, als autoritärem Theaterleiter, beschreiben den Weg einer oft wie getrieben wirkenden, seltsam skurrilen sprachlos agierenden Truppe, durch eine menschenfeindliche Technikwelt, deren Bedrohlichkeit, Faszination und Beherrschbarkeit ständige Herausforderung zu sein scheint. Technisch effektvolle Kabinettstückchen mit bombastisch gefeuerwerktem Finale stehen im Mittelpunkt. Braucht man eine „klassische Veredelung“ für die eigene Geschichte und die schöne Kulisse des Münsteraner Schlosses? Da reist man fast zwei Jahrzehnte durch die Welt, von einem Erfolg zum nächsten und klopft nun an die Tür des heimischen Schlosses? Auf der Spur von Helden, wie Odysseus, die auch zuhause kämpfen müssen, um erkannt zu werden? Passt als klassisches Symbol, besser gar das des Titanen Sisyphos, der Vater des Odysseus? Titanen sind per Schicksal in der Unterwelt gefangen, um Qualen zu erleiden? Könnte es sinnvoll sein, die Inszenierung des Tartaros zu wagen, des tiefsten und schrecklichsten Teil des Hades?

Münster.14.05.2007

http://www.titanick.de/htcms/de/produktionen/odyssee.html

„Ein Sommernachtstraum“ nach W. Shakespeare, Wolfgang Borchert Theater, Gasometer, Münster

Jürgen Lemke

Wenn ein, nach eigenen Angaben „renommiertes Kammertheater“, auch Zimmertheater genannt, derart massiv mit Pauken und Trompeten ins Öffentliche drängt, sollte das Getrommel schon auch theatral den Raum gut füllen können. War der Münsteraner Gasometer vielleicht eine Nummer zu groß für das kleine Wolfgang Borchert Theater?

Die Presse überschlägt sich vor Lob, seltsam unkritisch einseitig. So auch die Münstersche Zeitung: „Er kann auch anders. (…) Alles passt. Zanger geht sogar in die Höhe. (…) Das ist Zirkus. Ein zirzensisches Spektakel.“ Was für ein Zirkus. Man konnte angesichts des Jubels, nach der Premiere vermuten, Regisseur Zanger hätte einer euphorisierten Hochzeits-Gesellschaft Oberons Zaubersaft ins Getränk gemischt. Die Jubeltirade wirkte völlig überzogen. Passte wirklich alles so wunderbar an diesem Abend? Alle schienen jedenfalls gut bei diesem Theater mitzuspielen. Die Geldgeber. Die Presse. Viele Zuschauer. Als müssten sie Sorge dafür tragen, dass bloß nichts schief ging bei diesem öffentlich groß geförderten Spektakel? Was konnte derart euphorisieren? Ein überragend tolles Theater? Ein übersinnliches Vergnügen? Gar dieser unbeschreibliche pure Sex, der den Gasometer nun phallisch steil nach oben trieb?

Man hatte sich als Zimmertheater schon einen außergewöhnlichen Ort gesucht, um groß herauszukommen. Und musste auch sichtlich einen großen Aufwand betreiben, um diesen wunderbar spröden Ort, der seltenen Münsteraner Industriekultur schön in den Griff zu kriegen. Mit allen Mitteln wurde versucht, ihn dafür umzustyen, damit er als Kulisse gut zum Hochzeits-Event passte. Dafür wählte man eine Ästhetik, bei der sich Münsterländer Bürger offenbar trefflichst an so einem doch eher unheimeligen Ort abgeholt fühlten. Eine schöne bunte dampfende Zauberwelt mit Knüppelwegen aus massivem Saunaholz, weißen Tunneln und viel farbigem Licht auf vertülltem Baum sowie zur Aufpolierung der Fassade. Das Zimmertheater hat sich jedoch dieses großartigen Raumes eher unsensibel bemächtigt. Seine Größe musste offenbar klein gemacht werden, weil er von diesem eher kleinen Theater nicht bewältigt werden konnte, sowohl gestalterisch als auch schauspielerisch. Es wurde versucht, diesen wilden Industrie-Raum für eine Event-Kultur beherrschbar zu machen. Auf Borchertsche Weise in Münsterschem Stil glatt zu kultivieren, einzupassen und für sich selbst zu vereinnahmen. Die Münsteraner Presse beschrieb für Kunstkenner sichtbare Mängel allerdings eher positiv: „Das Ensemble bemächtigt sich des Gasometers, als gehöre es hier immer schon hin. Sein diszipliniertes, voluminöses Sprechen, das wunderbar trägt, Licht, Bilder, Kostüme: Alles passt.“ (MZ)

Wieviel Respekt und Achtung hatte man eigentlich für diesen besonderen Ort Gasometer und seine bizarre Ästhetik, einen faszinierenden Grenzort zwischen Wildnis und Zivilisation? Seine Stilllegung hat über Jahre hinweg zu einer speziellen Kultur der Brache geführt. Geprägt von einer abgeschirmten und auch abschreckenden Ästhetik zwischen Zäunen, Stacheldraht, Graffiti und einer dornröschenhaften Eroberung durch Pionierpflanzen. Es wirkte hier durch die Besonderheit des Ortes selbst schon eine zauberhafte Atmosphäre. Hier erwartet man von „künstlerisch gestaltenden Menschen“ eine besondere Achtsamkeit und einen respektvollen Umgang, der diese spezielle Ästhetik des Ortes im „leeren ungestalteten Zustand“ ernst nimmt und sie organischer als Träger für eine Inszenierung im Sinne des Ortes einsetzt. Dafür muss man Augen und auch Seele haben. Wer von der besonderen Schönheit und Aura berührt war, konnte eigentlich nicht mehr mit einem dickem Pinsel drüberwegstreichen.

In der Borchertschen Raum-Vorstellung aber schien dieser Ort, der sich selbst überlassen war, unter ästhetischen Gesichtspunkten eher unter „ungestaltete Verwahrlosung“ zu fallen. Deshalb brauchte man gestalterisch auch wenig Rücksicht darauf nehmen? Hier setzte sich ein Event-Marketing durch, das diesen Ort für eigene Werbe-Strategien zielsicher plakativ vereinnahmt hat. Dazu wurde selbst der Mond werbend übergroß ins Gestänge des Gasometers gesetzt, weil er sich als Bild so romantisch schön machte. In einem fortlaufenden Prozess von Bemächtigung wurde so wunderbar Unangepasstes in einen, von inflationär eingesetzten bunten Stadt-Licht-Inszenierungen her bekannten, banalen Schauplatz von Event-Kultur verwandelt. Der Raum für Münsteraner Bürger im Sinne Borchertscher Interessen ästhetisiert, seiner Wildheit entrissen und gezähmt? Es ging hier wohl eher darum, ihn für sich selbst möglichst spektakulär auszubeuten für eine Oberflächen-Kultur des schönen Scheins, die auf Selbstdarstellung und Repräsentation aus ist und dazu immer wieder neue Kulissen für die eigene großartige Selbstinszenierung braucht. Die dafür „passende“ Ästhetik, ließ sich als ein Amalgam zwischen Weddingplaner und Saunaanlage verorten. Der Umgang mit diesem imposanten Ort wirkte eher naiv, als glaubte man ernsthaft daran, sich den eisernen Raum mit Tüll, Holz, Nebel und viel buntem Licht gefügig machen zu können. Den Besuchern wurde schon beim Einlass die Möglichkeit einer ganzheitlichen  Sicht auf den Raum nach oben durch weiße Tunnel verwehrt. Die gewohnte Enge einer Borchertschen Theater- und Raumerfahrung mag zu diesem Handling geführt haben. Schließlich ging es ja um Hochzeit. Da musste alles schön passen. Was nicht passte, wurde passend gemacht. Verschönerungen und Verkleinerungen nahmen den Blick auf den spröden rostigen Raum, der von sich aus eigentlich eine wunderbare Arenabühne bildet: Ein traumhaft gegebenes Theaterrund. Bereit für seine Würdigung durch eine „unangepasste“ raumbezogene Inszenierung, die ihn in seiner faszinierenden Ausstrahlung wahrgenommen und anerkannt hätte. Eine Arenabühne hätte aber wohl erst recht zu hohe Ansprüche an Schauspiel und auch Inszenierungskunst gestellt, um dieses weite offene Rund qualitativ zu füllen. Die erforderliche Präsenz und darstellerische Qualität war mit teilweise eingeschränkten personellen Möglichkeiten wohl nicht zu leisten. Es fehlte insgesamt am räumlichen Einfühlungs- und Vorstellungsvermögen, die Qualitäten dieses außergewöhnlichen Ortes auch künstlerisch zu füllen. Dieses Vermögen sollte man aber schon haben, wenn man sich einen solch anspruchsvollen Ort für sein Spiel aussucht. So wurde ein eigentlich von sich selbst aus grandioser Spiel-Raum optisch und auch darstellerisch durch so manchen Hochzeits-Firlefanz eher gestört.

Den Bühnenraum vor der exklusiven – auch leider teilweise übertünchten – Eisenwand dominierte die Anmutung einer bunt erleuchteten Saunalandschaft mit Pool, in einer mit Büschen in schwarzen Plastiktrögen ausgestalteten Gartencenter Außenanlage unter Wasser. Und mitten drin erhob sich, ein in weißes Flies gehüllter Baum, der farbig erleuchtet war. Drumherum dampfte dauerhaft röchelnd die Nebelmaschine wegen der ständig bemühten Zauberwald-Romantik. Die sich schon wegen der Kälte nicht einstellen wollte. Und … Entschuldigung, wenn dann eher unbeholfene Elfen in fürchterlichen weißen Shorts und amerikanischen Werbeverkäufer-Kappen über die Saunadielen trampelten, verging auf einen Schlag jede Illusion. Immer wieder taperten sie, wie bei einem schlechtgemachten Schülertheater, jeden Hauch einer zauberischen Vorstellung desillusionierend, über endlose palettenartig zusammengefügten Laufstege. Wenn dann auch noch viele der Schauspieler mit ihrer Stimme den Raum nicht füllen konnten und trotzdem keinerlei technische Verstärkung eigesetzt wurde, um die großen stimmlichen  Unterschiede zwischen einzelnen Schauspielern auszugleichen, musste man an der Kompetenz der Regie zweifeln. Trotz immer wieder auch gelungener Zwischenspiele der Zettelschen Schauspieltruppe, die noch am ehesten Shakespeare auf die Bühne brachte, besonders am Ende beim Hochzeitsbankett, ging dieser kalte Sommerabend insgesamt künstlerisch baden. Vieles blieb schauspielerisch an der Grenze einer Münsterländisch entzauberten Hochzeits-Feier mit partiellen Mummenschanz Ambitionen. Seltsam aufpoliert, überdreht und deplatziert unter weißen Event-Zelten vor rostig eisener Fassade. Klein und bürgerlich. Piefig. Harmlos. Aufgesetzt. Hölzern in einem dafür unpassenden Raum, den man versucht hatte, sich durch Hochzeitklischees gefügig zu machen. Den man zwar damit für das eigene Spiel kleiner und verfügbarer gemacht hat aber dennoch nicht in der Lage war, ihn auch großartig zu bespielen. In die schwindelnde Höhe des Raumes ist alibimäßig auch nur ein kleiner Schauspieler gelaufen. Verschenkt. Was hätte inszenatorisch allein schon hier oben, im Gestänge des Gasometers alles stattfinden können!

Der Raum war wohl einfach zu groß für ein kleines Theater. Das ist vielleicht kennzeichnend für diese Inszenierung: Vieles sollte groß wirken und wurde eher klein gespielt! Manche Szenen wirkten, wie aus einem eher kleinbürgerlichen Bewusstsein für Münster heraus irgendwie gewollt spektakulär und provokativ gemacht: Besonders die Schlamm-Catch-Szenen der miteinander um Liebe ringenden Frauen, Helena und Hermia, sowie auch Titania im Pool, die vom angezettelten Esel oder angeeselten Zettel gevögelt wurde. Nach dem Motto: Ficken im Pool kommt richtig cool? Irgendwie auch eher selbstentlarvend: Bei schmutzigen Spritz-Szenen sollten Zuschauer gegen mögliche Schlamm-Flecken mit einer Folie geschützt werden. Die Hochzeitsgäste sollten nicht versaut werden. Wagemutig und grenzwertig dann aber, wie lange durchnässte Darsteller bei dieser Kälte weiter gespielt haben. Insgesamt wurde eher ein biederes neckisch naives Verwirrspiel gegeben, im verklemmten Charme der 70er für verdrehte Liebes-Paare unter Oberons verzaubertem Einfluss, der allerdings erotisch mit blanker Brust und auch mit präsenter Stimme zu überzeugen wusste.

„Nicht kleckern sondern klotzen.“ Nach diesem Motto hat sich das Wolfgang Borchert Theater dieses Industrieraums für seinen Traum vom großen Theaterzirkus bemächtigt. Als wollte man aus dem engen Zimmer mit aller Macht herauskommen. Bewegt hat man in der Tat viel. Auch an Mitteln, um etwas Großes zu machen. In Stadt und Land. Man hat auch gut getrommelt. Und viel Resonanz bekommen. Man hat, draußen vor der Tür,  richtig gut Theater gemacht. Jedoch eher außerhalb der Bühne. Drinnen, wo es drauf ankommt, auf den Sauna-Brettern, die eben leider nicht die Welt bedeuten, leider kein richtig gutes. Darüber können auch am Ende tausende von Zuschauern nicht hinwegtäuschen. Es war eher ein kleines Spektakel in einem viel zu großen Raum. Aber groß angelegt und geschickt beworben. Es ist sicherlich ein cleverer Marketing-Coup gewesen, der vorab bildhaft groß mit Ort und Shakespeare spekuliert hat und mit immenser Werbung ein zu diesem Spektakel passendes eher theaterfernes Event-Publikum angelockt hat. Es war aber kein hochrangiges Theaterereignis, wie es die hohen Zuschauerzahlen vermuten lassen.

Dieser einzigartige Ort einer seltenen Münsteraner Industriekultur wurde in seiner großartigen Arena-Struktur durch eine Inszenierung in Wedding-Planer Ästhetik eher kleingespielt. Angelegte Offenheit und Größe eines wunderbaren Raumes trafen auf theatrales und gestalterisches Klein-Klein. Das konnte nicht richtig gut zusammen gehen. So wartete man fröstelnd, den viel zu langen, zweieinhalb Stunden dauernden Premieren-Abend vergeblich auf einen richtig heißen Aufguss. Der kam aber nicht. Es blieb eher lauwarm bis kalt. Auch ein spektakuläres, für Anwohner offenbar eher belästigendes, Feuerwerk riss es am Ende nicht raus. Da gibt es bessere in Münster. Hinter den Kulissen hörte man dann auch den Kommentar: „Das war Titanick für Arme“.

Münster.10.7.2012

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„Fundament“ von Jan Neumann, Städtische Bühnen, Münster

Jürgen Lemke

„Huppsala“, das bürgerliche theatrale „Fundament“ in Münster droht zu wackeln. Aber nur ganz leicht. Angesichts einer Katastrophe. Keine Angst. Eines bleibt sicher in dieser Stadt. Bei den Städtischen Bühnen Münster wird auch weiterhin mit aller Kraft am Fundament festgehalten: Ein Schauspieler darf nicht aus der Rolle fallen.

Grundsätzlich fragt das zeit- und gesellschaftskritische Theaterstück „Fundament“: Was macht heute eigentlich noch Sinn? Woran können wir glauben, angesichts all dieser unfassbaren Katastrophen in der Welt? Was können wir selbst tun? Ist unsere Einstellung zur Welt in Ordnung? Können wir Haltung verändern? Welche Rolle spielen wir im Leben?

Wir schauen an diesem Abend in eine blaue Bühnenkulisse, die aussieht wie ein Münsterländisches Wolkenkuckucksheim, das gerade renoviert wird. Oben schön, am Boden chaotisch. Malen wir uns eine schöne Kulisse? Aus Himmelblau mit weißen Schäfchenwolken? Wir malen uns in Münster die Welt so richtig schön. So sieht es aus. Für die Schauspieler sind als Malort für das Eigene weiße Flecken im Blau ausgespart. Hier und bitte nur hier dürfen sie blau malen. Aber bitte nicht kleckern. Das Fundament ist mit Folie geschützt. Trotzdem. Viele Eimer mit blauer Farbe. Dicke Pinsel. Alles auf der Bühne scheint einzuladen zur einem großen impulsiven Action-Painting. Doch es bleibt verhalten. Vorsichtig. Zaghaft. Niemand schwingt den großen Pinsel. Klatscht Farbe an die Wand. Es dominiert überwiegend der Eindruck von, wie ausgestellt agierenden Schauspielern, die zumeist zaghaft Pinselstriche oder Verklebungen am Bühnenbild versuchen und prosaisch ihren umfangreichen Text aufsagen. Dieses etwas langatmige zäh dahin erzählte Bild beherrscht das Episoden-Stück, darüber können auch keine witzig provokativen Anal-Druck-Körperanimations-Übungen, eine esoterische Therapie-Beichte oder einige weitere intensiv vorgetragenen Monologe hinwegtäuschen.

Wir erleben fünf Darsteller angesichts einer Katastrophe, einem Sprengstoffanschlag im Stuttgarter Hauptbahnhof, miteinander episodenhaft im Rückblick verknüpft. Einen Frührentner, der in einem Zugabteil über seine erfolglose Sinnsuche monologisiert. Eine junge Frau, die an einem esoterischen Malkurs per Beichte ihre Eheproblem-Blockaden lösen will, einen Werbemanger, ein etwas hohler Gutmensch, der schließlich von einer Explosion zerfetzt wird. Eine weitere Frau, die bei ihrem eigenen Tod genauso wenig in der Lage ist zu empfinden, wie bei dem Tod ihres Vaters und einen Studenten, der nicht weiß, wofür oder wogegen er demonstrieren soll. Nach etwas mehr als zwei Stunden – 40 Minuten länger als die Inszenierung des Stückautors Neumann – meist zäh erzählter Aufführung, rebelliert dann allmählich der eigene Hintern, der weg will vom harten Stuhl. Auch wenn ich kurzeitig aufgerüttelt werde, vom wortreichen Ausbruch des Studenten Benjamin Ullrich: „Die größte Scheiße ist, dass ich nicht weiß, gegen welche Scheiße ich jetzt was machen kann…! Nachdem er seinen WG-GenossInnen gleichsam minutenlang die Büchse der Pandorra, gefüllt mit allen Übeln dieser Welt, vom Verschwinden der Arten über die Atombombe bis hin zur Todesstrafe um die Ohren gehauen hat. Unterhaltsam und witzig ist sicherlich auch die Beichte einer jungen Frau über ihre gescheiterte Ehe bei einer Maltherapie: „Blockaden lösen durch Malen auf Stoff“. Die allerdings mit sämtlichen Klischees einer unseriösen esotherisch angehauchten Therapie untermalt wird.

Was bleibt als Resümee? Glaube, Sinn und Hoffnung im Kapitalismus, alles verloren? Was kann uns heute noch erschüttern und wachrütteln? Nur ein zerstörendes Sprengstoff-Attentat? Abhalten von einer ständigen Suche nach der Blauen Blume? Ohne Romantik? Alles hohle Phrasendrescherei? Das Transparent für die Demo gegen Alles bleibt jedenfalls am Ende leer. Der passende Spruch gegen das Elend dieser Welt will sich einfach nicht finden lassen. So schütten wir uns dann am Ende blaue Farbe über den Kopf und warten auf ein exzessives Trommeln der Blue Man Group…?

Fundamentale Erkenntnisse aus diesem Theater ergeben sich an diesem Abend – eher unbeabsichtigt – zwischen den Zeilen. Durch „reale“ Ausrutscher, geschuldet den Unbillen einer widerspenstigen Materie. Dem wirklichen Blau. Dann nämlich, wenn die Schauspieler drohen, auf der Farbe rutschend aus ihrer Rolle zu gleiten. „Huppsala“ sagen einige Schauspieler peinlich berührt vor lauter Schreck, wenn sie in der verkleckerten blauen Farbe schlittern und ganz unverhofft aus dem Tritt geraten. Als wirke jetzt unmittelbar ein reales Schreckgefühl. Plötzlich und unkalkuliert passiert etwas Unerwartetes. Endlich Irritation? Lebendigkeit. An diesen Stolper- Stellen könnte hier und jetzt wirklich eine Katastrophe geschehen. Eine winzige Grenzerfahrung. Spannend und erkenntnisreich für alle. Nicht erkannt. Darf nicht sein! Himmel hilf! Ein Schauspieler droht zu stürzen und schlägt einfach lang hin! Fällt damit aus der Rolle. Liegt möglicherweise am Boden. Bleibt vielleicht sogar liegen. Von einem Gefühl, einer wirklichen Erfahrung, überwältigt. In Schreckstarre. Oder weil er vielleicht sogar auf den Kopf gefallen ist. Sich nun den Schädel am Fundament gestoßen hat. Ganz unabsichtlich. Wie peinlich! Soetwas darf nicht passieren! In Münster bei den Städtischen Bühnen. Beim Zuschauer kommt an: „Huppsala, das wäre jetzt schrecklich peinlich!“ Dieses bürgerschrecklich irgendwie verklemmte Unwort „Huppsala“, entschuldigt schon im Vorfeld den möglichen Ausrutscher. „Huppsala, dann wäre es doch nicht ganz so schlimm…! „Huppsala“, jetzt kennen wir dich, du blauer Feind. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Nein. Die bürgerliche Sturz- und Schlittergefahr bleibt. Da kann passieren was will. „Huppsala“! Liegt hier eigentlich immer noch ein fundamentaler Unterschied in der Theaterauffassung einer „Freien Theaterszene“ und den Städtischen Bühnen? Oder hören wir dieses Wort demnächst auch im Theater im Pumpenhaus oder bei Theater Titanick?

„Ich habe keine Angst!… Nein, ich habe keine Angst…“, beteuert die junge Frau vehement bei ihrer Therapiebeichte. „Doch, alle Menschen haben Angst…“, sagt der Mal-Therapeut.  Da ist es ja endlich, ein „Huppsala“ als wirklicher Gefühlsausdruck eines Schauspielers, der Angst hat zu fallen. Kennzeichen für einen möglichen peinlichen Vorfall auf der Bühne. Der Schauspieler verliert seine Haltung. Die Rolle, als Schutz-Larve, der wirklichen Persona löst sich auf. Na endlich…? Im Grunde zeigt sich im Umgang mit „Fundament“, unter der Regie von Eva Lange, eine eher bürgerliche Auffassung von Theater. Eine irgendwie verklemmt piefige Haltung, die mich oft schon in der Pause aus vielen Theaterstücken des Münsteraner Schauspiels aus den Bühnen getrieben hat. Sie zeigt sich in dem Vorab-Entschuldigen eines möglichen Ausrutschers oder Fehltritts. In der Auffassung, man dürfe auf der Bühne nicht ausrutschen! Den Boden, das Fundament, die Fassung verlieren, geschweige denn aus der Rolle fallen. Gerade ein „bewusster“ existenzieller Grenzgang, der das Risiko eines Scheiterns eingeht, könnte wirklich zu neuen, vielleicht auch fundamentalen Erkenntnissen führen. Den ist der Autor und Regisseur Jan Neumann damals bei der Entwicklung dieses Stücks in Stuttgart mit seinen Schauspielern gegangen. In Münster scheint man nicht verstanden zu haben, was Schauspielertheater bedeutet? Als gelte fundamental ein Gebot von Zurück-Haltung und Zwanghaftigkeit? Mit großem Pinsel wird klein gemalt? Nicht der großzügige exzessive Schwung des Pinsels, die sich befreiende Geste und eine explodierende Farbe sind zu sehen. Als gäbe es hinter dem Bühnenbild ein rotes Warnschild: „Achtung, liebe Schauspieler! Bitte Vorsicht beim Malen mit blauer Farbe. Unser Bühnenbild soll auch noch bei einer Wiederaufnahme möglichst ohne Flecken bleiben! Passt bitte auf. Das wirkliche Blau ist rutschig. Ihr geht auf dem Fundament eigenes Risiko. Wir haben dafür keine Versicherung. Bewahre stets Haltung auf der Bühne. Das ist hier erste Bürgerpflicht. „Der Bühnenschutz“  Wir selbst sind Katastrophe?

Münster. 25.06.2011

http://www5.stadt-muenster.de/theater/detail.cfm?id=Fundament&v_link=spielzeit