„Ein Volksfeind“ im Theater Münster

volksfeind

„Ein Volksfeind“ im Theater Münster
von Hendrik Ibsen in einer Bühnenfassung von Florian Borchmeyer

von Jürgen Lemke

„… nicht nur das Wasser ist vergiftet sondern die Grundlagen unserer Gesellschaft …“, so  Stockmann (Aurel Bereuter) in seinem fundamental gesellschaftskritischen und intensiven Monolog vor der Bürgerversammlung „Publikum“ – der von ihm selbst auf den Punkt geschrieben ist. Darin ist viel Wahrhaftiges. Eine glühend kämpferische und idealistische Überzeugung, dass eigentlich etwas fundamental in dieser Gesellschaft verändert werden muss, wenn es zum Schaden aller ist und auch Ohnmacht und Verzweiflung darüber, wie ein korruptes Lobby-System funktioniert. Wie ökonomische Sachzwänge Wahrheiten verdrehen und wie „Vergiftungen auf allen Ebenen“ schließlich als Fundament für diese Gesellschaft akzeptiert werden. Am Ende wirkt körperliche Gewalt gegen einen, der Wahrheit ausspricht und es wird von einer stillhaltenden Mehrheit hingenommen.
Stockmanns, bzw Bereuters Kampf, gegen ein virulentes Gesellschafts-Lügengespinst bis an den Rand des Wahnsinns ist so lebendig und überzeugend mitreißend spürbar, wie selten im Theater. Er trifft hochaktuell den Nerv dieser Zeit.

Im fiktiven Kur- und Aasee-Bad Münster, Heile-Welt-Stadt und lebenswertester Ort der Welt, entdeckt Kurarzt Stockmann (Aurel Bereuter), der gerade mit seiner Frau (Julia Stefanie Möller) ein Baby bekommen hat, dass die Grundlage aller für Leben und Wohlstand, das so wichtige heilsame Wasser vergiftet ist. Über diesen Skandal will er die Öffentlichkeit durch einen Artikel in der örtlichen Zeitung aufklären. Schließlich ist er verantwortlich für das Wohl seiner Patienten, die in ein Kurbad kommen, wo sie Heilwasser gegen ihre Leiden für die Gesundheit erwarten und stattdessen aber Giftwasser bekommen, das sie eher noch kränker macht.
Eigentlich doch unstrittig diese skandalöse Entdeckung per Test objektiv belegt. Eine Unmöglichkeit, ein unfassbar schädlicher Vorgang, wo jedem mündigen Bürger klar sein müsste, dass das sofort abgestellt gehört. Aber es ist eben nur „eine Wahrheit“, die andere wird von Interessen bestimmt.

Der Bruder des Arztes, Bürgermeister (Mark Oliver Bögel), hat diese „andere Wahrheit“. Er ist scheinbar bemüht um das Wohl der Stadt und will eine Veröffentlichung der Wassertests mit Macht verhindern. Die Zukunft der Stadt steht auf dem Spiel also versucht er die Giftigkeit des Wassers herunter spielen. Verleger und Journalisten zu überzeugen, den Artikel nicht zu veröffentlichen. Es brauche zu viel Geld, um das Wasser zu reinigen. Das sei nicht vorhanden. Er verordnet folglich als Dienstherr seinem brüderlichen Angestellten das Schweigen. Stockmanns „Freunde“ bei der Zeitung Hovstedt (Dennis Laubenthal) und Billing (Maximilian Scheidt ) reagieren zunächst unterstützend, dann aber unter Einfluss des Bürgermeisters ablehnend und schließlich korrupt.
Kurarzt Stockmann hält sich jedoch nicht an seine Schweigepflicht und dafür aber eine glühende Rede für die Wahrheit gegen ein vergiftetes Fundament unserer Gesellschaft vor der Bürgerversammlung und wird daraus gewaltsam entfernt und zusammengeschlagen.
Verursacher der Wasservergiftung ist ausgerechnet die Fabrik seines Schwiegervaters Morten Kiil (Gerhard Mohr), der mit dem Aufkauf, der nun gefallenen Kurbad-Aktien, die er nun ganz perfide an Stockmann „vererbt“ das Ganze schließlich auf die Spitze treibt und das Ausmaß an Ohnmacht und Verstrickung sichtbar macht. Am Ende steht Stockmann, der Verkünder unliebsamer Wahrheiten, als „ein Volksfeind“, allein und ohne Job. Selbst die Loyalität seiner Frau (Julia Stefanie Möller) steht auf dem Spiel. Ein Münstertypisches Bühnenbild (David Hohmann) mit sperrigem Fahrradchaos unterhalb einer Stadtkulisse im Scherenschnitt und der ewige Regen unterstreicht eine eher trostlose depressive Atmosphäre.

„Ein Volksfeind“ zeigt in einer überragenden schauspielerischen und inszenatorischen Leistung, symptomatisch und treffend, wie sich Protagonisten aus Medienwelt, Ökonomie und Verwaltung angesichts einer Katastrophe zwischen privat und öffentlich verhalten. Die zeitaktuelle Brisanz einer Verflechtung zwischen wirtschaftlichen Finanz- und Lobby-Interessen und der Ohnmacht eines diese Verbindungen sehenden aufgeklärten idealistischen Individuums ist auf den Punkt gebracht. Theater wird hier als ein Ort unmittelbaren Empfindens, Denkens und Handelns in mitreißender Weise lebendig.

Stockmann greift zurecht in seiner Rede eine „scheißliberale schweigende Masse“ an, die sich einen ständigen Verrat am wirklichen Leben gefallen lässt und dies dennoch nicht abwählt: Bankenbetrug, Fleischvergiftung durch Massentierhaltung, Wasservergiftung, etc.
Selten ist eine „innere Aufforderung“ im Theater als Zuschauer zu handeln und in die Inszenierung aktiv einzugreifen so unmittelbar spürbar. Es ist unerträglich zu erleben, wie gewaltsam körperlich eine Medien- und Lobbymacht schließlich unmittelbar auf den Einzelnen einwirkt. Wie aufgrund, eines verlogenen, nur scheinbar für die Allgemeinheit notwendigen öffentlichen Wohls, selbst vergiftetes Wasser in Kauf genommen wird und Leben aufs Spiel gesetzt wird. Es geht in Wirklichkeit um riesige Gewinne und die Bereicherung weniger Profiteure auf Kosten der Allgemeinheit.

„Volksfeind“, eigentlich ein Volks-Held… aber eben schädlich weil er leider die falsche Wahrheit hat und damit auch noch provoziert und angreift. Daraufhin muss er von gewalttätigen „Zuschauern“ vor einem tatenlosen Publikum aus dem Theater geschleppt werden. Seltsam direkt und doch distanziert, wie in den Medien, wie ein Bericht in den Nachrichten, läuft diese unmittelbare Gewaltaktion an Stockmann aus dem Theatersaal, groß projiziert auf die Kulisse als ein Action-Film hinaus in die Wirklichkeit des nächtlichen Münsters. Die Unmittelbarkeit eines „Live-Erlebens“, des dicht dran seins im Theater-Raum wird im Moment noch dokumentarisch. Ihrer brisanten Spitze enthoben. Jetzt scheint es „nur noch Nachricht“. Da kann ich ja nichts mehr tun. Jetzt brauche ich nicht mehr einzugreifen. Das ist wie Fern-Sehen. Ich bin als Zuschauer entlastet von meinem Handeln. Gut so. Ach, nun ist es erstmal weit weg…
Das Wirkliche, „echte Reale“, scheint immer weiter von uns weg zu rücken. Ein künstlich  Gemachtes wird immer größer und lauter. Inszenierte Realität „privater Sender“ ist eben besser geeignet, um an den Bildschirm zu fesseln. Höhere Quote zu machen. Mehr Werbe-Geld einzuspielen. Ein manipuliertes gehyptes „Leben“ ist spektakulärer und lässt sich besser verkaufen. Mediale Inszenierungswut in den Medien. Die Sucht nach dem spektakulären Hype. Nach dem täglichen Horror. Der Freak-Show. Entfremdet, hilflos… ausgeliefert… allein?

Erschreckend, wie dicht dieses Theater aktuell an unser aller Wirklichkeit ist. Wie ohnmächtig ökonomiegesteuerte Verflechtungen zwischen Politik, Wirtschaft, Medien wirken. Wie kurzsichtig „lebensgefährlich“ eine Lobby-gesteuerte „Real-Politik“ agiert, die wirtschaftliche Interessen vor den gesundheitlichen Schutz der eigenen Bevölkerung stellt. Dennoch wird dieses scheinbar so notwendige Wirtschafts-Handeln aus Sachzwängen offenbar von der großen Mehrheit als gleichsam unveränderlich gegeben hingenommen. Von einer scheinbar vernünftig und sachlich rational handelnden Gesellschaft, die aber primär davon bestimmt zu sein scheint, weltweit auf Kosten vieler zum Benefit weniger, möglichst alle verfügbaren Ressourcen auszubeuten, um immer mehr Profite zu erzielen. Wenige bereichern sich auf Kosten der Gemeinschaft. Alles, selbst die „Wahrheit“ ordnet sich immer mehr einem ausbeutenden Gewinnstreben unter.
Das alles ist eigentlich völlig irre und wahnsinnig. Nicht der Einzelne, der dagegen rebelliert und als „Volksfeind“ geoutet wird.

Können wir da nicht raus? Müssen wir alle mit? Ob wir wollen oder nicht? Sind wir alle Teil einer „Wachse-Oder-Weiche“ Gesellschaftsstruktur, die auf Werbe-Lügen aufgebaut ist? Müssen wir mitmachen oder stehen wir sonst am Ende allein? Ohne Familie, ohne Bruder, ohne Frau und Kind, ohne Job und eigene Wohnung, auf der Straße…? Wenn wir nicht mitspielen…?
Ist dieses Stück nicht vielmehr eine Aufforderung, sich angesichts all dieser unfassbaren realpolitischen Zweck-Lügen, gerade deshalb umso mehr zu engagieren. Auch als Einzelner für Werte und Wahrheit einzustehen und sich nicht anzupassen, auch wenn es schier aussichtslos erscheint.
Es ist in diesem Theater eine Lebendigkeit zu spüren, die vor allem durch ein authentisches überzeugendes Spiel des Hauptdarstellers wirkt. Es geht um diese besondere mitreißende bewegende Energie, die spürbar wird, wenn der Kern existenziell vielleicht dort getroffen ist, wo Seele ist. Die Bereitschaft für die eigene Überzeugung zu kämpfen derart unmittelbar präsent aufscheint. Auch wenn es irgendwie auch sinnlos, ja verrückt ist. 
Es beschreibt den Weg des Künstlers, Schauspielers, Sehers, Utopisten oder auch Schamanen. Ein Weg der steinig ist aber Sinn macht. Etwas von diesem besonderen Leuchten ist auf das Publikum übergesprungen.
Danke dafür. 

 Inszenierung: Frank Behnke

Bühnenbild: David Hohmann
Kostüme: Kristopher Kempf
Video: Matthias Greving
Dramaturgie: Friederike Engel

Stockmann, Badearzt: Aurel Bereuter
Frau Stockmann, seine Frau: Julia Stefanie Möller
Peter Stockmann, Stadtrat – hier Bürgermeister: Mark Oliver Bögel
Aslaksen, Buchdrucker: Frank-Peter Dettmann
Hovstedt, Redakteur: Dennis Laubenthal
Billing, Mitarbeiter der Zeitung: Maximilian Scheidt
Morten Kiil, Stockmanns Schwiegervater: Gerhard Mohr

http://www.theater-muenster.com/produktionen/ein-volksfeind.html/m=117

PS: Fiktion und Wirklichkeit
Das Thema „Gift im Wasser“ ist brandaktuell. Nicht nur hier im Theater auch in der Wirklichkeit.
Hat doch gerade eine Lobby-Politik, forciert durch Kommissar Oettinger, die vom EU-Parlament schon beschlossene Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) beim sogenannten „Fracking“ wieder aufgehoben, so dass bei den geplanten unkonventionellen Gasförderungen vergiftetes Wasser in großen Mengen unkontrolliert in den Boden gepumpt werden darf.
Die Förderrechte für die Gas-Claims rund um die Stadt Münster hat sich der amerikanische Weltkonzern EXXON gesichert. Mit einem EU-Persilschein wegen des Freihandelsabkommens im Rücken kann es nun schon bald trotz momentanen NRW Vetos auch hier mit dem Gasbohren losgehen. Denn das Bundes-Berg-Recht gibt den Konzernen alle Rechte dazu.
Dann entsteht auch hier, in der schönen Münsterländischen Parklandschaft, wo man es noch überhaupt nicht vermutet, ein verrohrtes, betoniertes und abgefackeltes Erdgas-Fördergebiet nach US-Vorbild (brennendes Gas mit Wasser zusammen aus einer Leitung)
Dann wäre auch in Wirklichkeit Schluss mit der lebenswertesten Heile-Welt-Stadt Münster. Sie läge mitten in einer Industrielandschaft…