Echzeit-Theater spielt „Smartopia“ im Münsteraner Kreativhaus

von Jürgen Lemke

Zwei Frauen, zwei Männer. Ein Mini-Mischpult.  Ein Beamer. Drei Smartphones. Ein Handy. Ein wunderbar lebendiges selbstgemachtes Spiel beginnt. Mehrstimmig. Präzise. In einem fast schlafwandlerisch aufeinander eingespielten Kollektiv. Wie miteinander verwachsen. Wunderbar spielerisch, leicht miteinander eingestimmt. Erstaunlich präsent diese junge Gruppe. Auf dem Punkt. Unglaublich stimmig. Ohne Frage sehr begabt. Allesamt.

In Echtzeit spielen Nina Spinger, Luisa Hausmann, David Gruschka und David Kilinc „Smartopia“. Reihen virtuos eine Nummer an die nächste. Sie spielen Zukunftsmusik rund ums Handy. Nein, ums Smartphone. Das kann nun neben telefonieren inzwischen fast alles. Es kann SMS. Es kann Musik. Es kann Film und Foto. Es kann Mikro. Und die jungen Akteure zeigen, was man nun damit alles kann. Live auf der Bühne. Virtuos und präzise. Überzeugen bildhaft tänzerisch mit Symbolen, Smartphone Augen-Monitoren am Körper oder kritisch per Beamer-Trickfilmanimationen  über chinesische Smartphoneproduktion. Treffen sprachlich den Zeitgeist oder singend poetisch oder auch ganz banal. Mit Satzfragmenten wie: „Manchmal traue ich mich gar nicht mehr, auf Festnetz anzurufen. Festnetz ist irgendwie so privat…“ „Wenn das Licht im Display erlischt, gehe ich schlafen…“ „Weiß jemand wann das neue IPhone vorbestellt werden kann?“ Per Beamer an die Wand geworfene Sätze karikieren SMS oder Blog-Dialoge technikverrückter IPhone-Maniacs, wie aus dem Netz mitgeschnitten, die ihrem Fetisch huldigen. Es nicht abwarten können, wann das Iphone 6 in den Laden kommt. Immer auf dem neuesten Stand sein. Am Statussymbol einer Generation. Schwarz oder Weiß? Smartphone Sex mit oder ohne Bumper…?

Und… neben all meiner Begeisterung über wunderbar gesetzten mehrstimmigen Gesang, präsentes Sprechen und choreografisch klar aufeinander abgestimmte Bewegungen, über „Heiteres und Kritisches“ rund ums Smartphone. Irgendetwas fasst nicht gänzlich an. Gleitet ab, wie am Smartphone-Display. Vielleicht ist es thematisch gewollt, dass es letztlich nicht tief berührt? Eher an einer schillernden glitzernden Oberfläche bleibt? Sich trotz kritischer Töne dort hält? Muss es denn tiefer gehen? Es sind die entscheidenden Punkte rund um die schöne neue Kommunikationswelt angesprochen, angesungen, angespielt, angetanzt… Einiges vielleicht auch etwas naiv. Immer aber ehrlich. Ästhetisch. Virtuos. Seltsam. Es war doch richtig gut. Es war zudem sehr schön. Besonders der mehrstimmige Gesang und auch die einzeln gesungenen und per Smartphone-Musik live gespielten Stücke.

Ist es symptomatisch das goldbehemdete Outfit und die Sportler-Schnürschuhe, die die Gruppe schnell und fast akrobatisch machen? In Impro-Theater-Haltung über die Bühne fliegen lässt? Etwas zu schnell? Zu homogen? Zu unpersönlich trotz aller Nähe? Dem Thema zu angepasst, an einer Oberfläche bleibend? Könnte ein Business-Outfit mehr Brüche erzeugen? Etwas Raues, Sprödes, Schräges, Unpassendes, an dem man mehr hängen bleibt? Irgendetwas gleitet an dieser Variete-Atmo als scheinen die Nummern fast zu glänzend zu laufen? Zu passend an einer irgendwie ja auch glatten Thematik? Zu schön homogen, sportlich schnell drüber weggeglitten? Selten scheint Individualität auf, die das Stück zu seiner Vertiefung brauchen kann. Jenes berührende verwundete allein sein hinter all der wunderbar verbindenden modernen Kommunikations-Technik?

Münster, den 27.1.2013

http://www.kreativ-haus.de/index.php?id=449&tx_ttnews%5Btt_news%5D=792&cHash=1d78af8236f138a9dc2306372192e4f8 http://www.echtzeit-theater.de

http://www.medienkompetenzschule.wordpress.com

 

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„Pizza, Pasta, Kunst und BASTA!“, Premiere des Films zum Kunstprojekt „sozialpalast 2012“ im CINEMA, Münster

Eine kritische Nachbetrachtung von Jürgen Lemke 

Kunst in einer Pizzeria? Die Künstlerinnen und Künstler, Gertrud Neuhaus, Michael Göring, Ursula Achternkamp und Jae Pas, alle ehemalige Meisterschüler der Kunstakademie Münster, haben im Sommer 2012 auf Einladung von „sozialpalast“ in der Pizzeria des Peppino an der Kanalstraße raumbezogen künstlerische Projekte erarbeitet und ausgestellt. Darüber ist der Film „Pizza, Pasta, Kunst und BASTA!“ entstanden, der am 6.1.2013 im CINEMA Premiere hatte.

War Kunst für den Film eher Anlass, ein Portrait über den Pizzabäcker Peppino zu drehen? „Pizza, Pasta, Kunst und BASTA!“ ist für mich leider ein Beispiel dafür, wie eine unpräzise subjektive Darstellung durch das Medium Film den Blick auf Wirklichkeit verstellen kann. Als Künstler und Kurator für Kunst im Öffentlichen Raum bin ich verärgert darüber, wie unprofessionell Kunst hier in Szene gesetzt wird. Besonders die raumbezogene Arbeit von Michael Göring, die u.a. mit Fenstern und Durchblicken gearbeitet hat, wird nicht ein einziges Mal vollständig und als länger stehendes Bild in ihrem räumlichen Gesamtkontext gezeigt. Sie ist somit im Film für einen Betrachter nicht zu verstehen und wird aber dadurch regelrecht dem Vor-Urteil des Kunst-Laien ausgeliefert. Und es erscheint folglich logisch, dass sie dann auch vom Protagonisten Peppino als „nicht verständlich“ bewertet wird?

Bei aller Liebe für engagierte soziale Interventionen und deftige Charakterdarstellungen aber die hier praktizierte Banalisierung von Kunst geht mir zu weit. Auch wenn Peppinos nonchalante Art laienhafter Kunstbetrachtung sicherlich auch seinen Charme hat, hier geht es auf Kosten einer anspruchsvollen und ernsthaften künstlerischen Auseinandersetzung. Und gerade die schätze ich bei den Beteiligten.

Auch wenn die Arbeit von Gertrud Neuhaus insgesamt ausführlicher und verständlicher dargestellt ist, bei der Darstellung der Arbeiten von Ursula Achternkamp und auch bei Jae Pas überwiegt wieder der Eindruck, dass sie nur unzureichend ins Bild gesetzt sind, um sie nachvollziehen zu können. Da dieser Film aber, neben Peppino explizit auch die ausgestellte Kunst zum Thema hat, ist dies meiner Ansicht nach aus kuratorischer Sicht schwer zu verantworten. Kunst bekommt in diesem nicht wirklich wertgeschätzten Kontext eher den fahlen Beigeschmack, schnöder Dienstleister zu sein, der allerdings für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat, wie die zahlreichen Zeitungsartikel demonstrativ zeigen.

Sicherlich ist der Pizzabäcker Peppino eine spannende Persönlichkeit, deren filmische Charakterisierung hier auch durchaus gelungen ist. Wenn man also als Kinobesucher die Kunst als schönste Nebensache der Welt beiseite lassen kann und sich an einem italienischen Original erfreuen möchte – für den ist der Film sicherlich lohnenswert.

http://www.sozialpalast.de