„Odyssee“, Theater Titanick, Schlossplatz, Münster

Jürgen Lemke

Rauch steigt auf am „Poseidon Grill“: ein kleiner Imbiss-Anhänger, nebst freundlichem griechischen Verkäufer und freistehendem Grill. Drei Jugendliche essen Bratwurst und Pommes unterm Sonnenschirm. Ein Straßenreinigungsfahrzeug säubert den Platz und hinterlässt dabei eine glänzend nasse Spur auf dem Kopfsteinpflaster. Idyllisch beginnt Titanick’s Odyssee vor der Kulisse des Münsteraner Schlosses. Gegeben wird ein altes Stück nach Homer, neu gespiegelt in den Irrfahrten einer Theatertruppe, die seit nunmehr 17 Jahren national und international als kultureller Botschafter Münster’s auf großer Fahrt ist? Titanick auf Odyssee? Ist das Theater-Schiff nun selbst auf Irrfahrt? Ein Stück Selbstreflexion? Oft hat man ja selbst fast Schiffbruch erlitten…

Odysseus tritt auf als Chef einer Theater-Truppe, ein martialisch wirkender Antreiber mit Megafon. Er beginnt rigoros mit einer Platzbesetzung. Macht heftig diskutierend und gestikulierend dem Imbissbudenbesitzer seinen Standort streitig und will eigenhändig den Anhänger verschieben. Hupend fährt langsam ein riesiger Sattellaster mit Kran rückwärts auf den Platz. „Props Homer & Ilias“ kann man als Aufschrift lesen. Ein hemdsärmeliger Handwerker, Schweißer mit Schutzkleidung und baumelnden Werkzeugen, wie aus der Fernsehserie „Guck mal, wer da hämmert“, schüttet ruppig Wasser auf den Grill und zieht den Anhänger zur Seite. Verzweifelt versucht sich der griechische Imbissbudenbesitzer dazwischen zu werfen. Keine Chance. Die antike Leitkultur obsiegt gegen die banale griechische Alltagskultur? Der Monstertruck schiebt alles brutal vom Platz. Mit Gewalt wird die Trinkhallen-Idylle hinweggefegt. Eine Kurbel wird betätigt und mit akustisch verstärktem Getöse fährt die Laderampe des Trucks hinten langsam herunter. Ein skurriler Typ mit Schweineschnauze und Lederkäppi saust in einem steuerbaren Flightcase zur Erheiterung des Publikums über den Platz. Nach und nach werden weitere rollbare Kisten beschriftet mit Headlines aus der Odyssee: Hades I und II, Charybdis, Ithaka, Sirenen, etc entladen.

Ein vielversprechender spannungsgeladener Anfang. Titanicksche multiple Verwandlungskünste werden variabel und clever eingesetzt: Aus der Sirenenbox entsteht ein Musiker DJ Pult, das alsbald durch den Meister der Posaune in Besitz genommen wird, der nun ähnlich, wie in allen Titanick-Stücken, das weitere Geschehen in eher tiefen schaurigen Tönen untermalt. Die Flightcases Hades I+II bilden eine Schmiede mit Blasebalg betriebener Esse, Schleifstein und Wasser zum Ablöschen der Werkstücke. Hier werden nach und nach effektvoll unter Feuer, Blitz und Rauch dreizehn übergroße Äxte geschmiedet. Es sind die mit dem Loch, durch deren Reihung Odysseus später seine Spätheimkehrer-Erkennungsprobe vor den Freiern bestehen soll. Nur er selbst kann den starken Flitze-Bogen spannen und einen Pfeil dort hindurch schießen. Die Kiste „Ithaka“ enthüllt überraschend ein aufklappbares Ensemble mit Palmen – Heimat –  das Ziel der Irrfahrt. Am Lastwagen ist schließlich die ganze Längsseite heruntergefahren und eröffnet eine faszinierende räumliche Vielfalt: rechts ein Badezimmer mit Klo, Vorhang, Dusche und ein langes Fließband. Auf dem Dach entfaltet sich phallisch ein Gestänge zum Mast nachdem Odysseus dort symbolisch mit der Zauberin Circe geschlafen hat. Ein den Lastwagen füllendes streifiges Vorhang-Segel bläht sich an einer Lichtschiene.

Hier zeigen sich auch Titanicksche Schwächen: Neben einer Dominanz des vielfältig eingesetzten Materials wirken schauspielerische Aktionen oft übertrieben oder gewollt spektakulär. Szenische Handlungen werden assoziativ aneinander gereiht ohne das sich dabei eine Sinnhaftigkeit ergibt, als ginge es primär um eine möglichst effektvolle und groteske Darstellung grenzwertig agierender Menschen. Ein spektakuläres Bild mit großen ausgestellten Gesten reiht sich an das nächste. Der „blinde Seher“ in weißem Anzug hängt im Seil, sitzt auf dem Klo oder versucht mit seinem Hut vergeblich einen Wasserstrahl zu bannen nachdem eines von mehreren Klobecken zerschlagen worden ist. Eine hysterisch schreiende Frau mit rotem Gummibein, umgibt sich mit Blutfontainen. Nur wenig später stirbt sie exaltiert den Heldinnentod mit abgerissenem Bein in einer finalen Blutorgie. Odysseus begegnet Medusa, um den Kopf der Frau herum spritzt schlangenartig Blut in alle Richtungen. Was Titanick uns hier vorführt, ist sicherlich hoch spektakulär aber bleibt zugleich auch vordergründig an einer Oberfläche des Ausgestellten. Auf der technischen Ebene serviert man Ausgeklügeltes, eine raffinierte vielfältige Klapp-Kulissen-Kunst hinter deren effektvoller Dominanz Schauspieler immer wieder auch zurückstehen und eher als Diener einer faszinierenden Mechanik fungieren. Auf der inhaltlichen, primär bildhaft geprägten Ebene – verständliche Sprache kommt nicht zum Einsatz – fährt man allerdings schwer im Fahrwasser einer durch Schicksalsgläubigkeit und Göttertum geprägten Heldenmythologie, in der der Mensch, wie ein Spielball hilflos unbezwingbaren Kräften ausgeliefert scheint. Archaisch anmutende Blut-Opfer-Akte werden zelebriert, die an Hermann Nitsch’s „Orgien Mysterien Spiel“ erinnern mögen aber nichts mit einer inhaltlich begründeten tieferen mythologischen Auseinandersetzung zu tun haben. Man führt wiederholt effektvoll vor, ohne den Anspruch, die Zuschauer inhaltlich mitnehmen zu wollen. Und muss aufpassen, dass eine heroisch übertriebene Bildästhetik nicht in Richtung einer zweifelhaften Symbolik driftet: Es gibt große leere heldische Gesten und Posen von Kampf, ertränkt in viel Blut. Man reckt die Arme mit brennender Siegesfackel in den Himmel? Blutrote Fahnen wehen vor in den Himmel gezogenen aufgebahrten Toten. Diese Form von Pathos bewegt sich sehr an einer Grenze.

Die „Irrfahrten“, dirigiert von den Befehlstönen eines „Odysseus“, als autoritärem Theaterleiter, beschreiben den Weg einer oft wie getrieben wirkenden, seltsam skurrilen sprachlos agierenden Truppe, durch eine menschenfeindliche Technikwelt, deren Bedrohlichkeit, Faszination und Beherrschbarkeit ständige Herausforderung zu sein scheint. Technisch effektvolle Kabinettstückchen mit bombastisch gefeuerwerktem Finale stehen im Mittelpunkt. Braucht man eine „klassische Veredelung“ für die eigene Geschichte und die schöne Kulisse des Münsteraner Schlosses? Da reist man fast zwei Jahrzehnte durch die Welt, von einem Erfolg zum nächsten und klopft nun an die Tür des heimischen Schlosses? Auf der Spur von Helden, wie Odysseus, die auch zuhause kämpfen müssen, um erkannt zu werden? Passt als klassisches Symbol, besser gar das des Titanen Sisyphos, der Vater des Odysseus? Titanen sind per Schicksal in der Unterwelt gefangen, um Qualen zu erleiden? Könnte es sinnvoll sein, die Inszenierung des Tartaros zu wagen, des tiefsten und schrecklichsten Teil des Hades?

Münster.14.05.2007

http://www.titanick.de/htcms/de/produktionen/odyssee.html

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