„Ein Sommernachtstraum“ nach W. Shakespeare, Wolfgang Borchert Theater, Gasometer, Münster

Jürgen Lemke

Wenn ein, nach eigenen Angaben „renommiertes Kammertheater“, auch Zimmertheater genannt, derart massiv mit Pauken und Trompeten ins Öffentliche drängt, sollte das Getrommel schon auch theatral den Raum gut füllen können. War der Münsteraner Gasometer vielleicht eine Nummer zu groß für das kleine Wolfgang Borchert Theater?

Die Presse überschlägt sich vor Lob, seltsam unkritisch einseitig. So auch die Münstersche Zeitung: „Er kann auch anders. (…) Alles passt. Zanger geht sogar in die Höhe. (…) Das ist Zirkus. Ein zirzensisches Spektakel.“ Was für ein Zirkus. Man konnte angesichts des Jubels, nach der Premiere vermuten, Regisseur Zanger hätte einer euphorisierten Hochzeits-Gesellschaft Oberons Zaubersaft ins Getränk gemischt. Die Jubeltirade wirkte völlig überzogen. Passte wirklich alles so wunderbar an diesem Abend? Alle schienen jedenfalls gut bei diesem Theater mitzuspielen. Die Geldgeber. Die Presse. Viele Zuschauer. Als müssten sie Sorge dafür tragen, dass bloß nichts schief ging bei diesem öffentlich groß geförderten Spektakel? Was konnte derart euphorisieren? Ein überragend tolles Theater? Ein übersinnliches Vergnügen? Gar dieser unbeschreibliche pure Sex, der den Gasometer nun phallisch steil nach oben trieb?

Man hatte sich als Zimmertheater schon einen außergewöhnlichen Ort gesucht, um groß herauszukommen. Und musste auch sichtlich einen großen Aufwand betreiben, um diesen wunderbar spröden Ort, der seltenen Münsteraner Industriekultur schön in den Griff zu kriegen. Mit allen Mitteln wurde versucht, ihn dafür umzustyen, damit er als Kulisse gut zum Hochzeits-Event passte. Dafür wählte man eine Ästhetik, bei der sich Münsterländer Bürger offenbar trefflichst an so einem doch eher unheimeligen Ort abgeholt fühlten. Eine schöne bunte dampfende Zauberwelt mit Knüppelwegen aus massivem Saunaholz, weißen Tunneln und viel farbigem Licht auf vertülltem Baum sowie zur Aufpolierung der Fassade. Das Zimmertheater hat sich jedoch dieses großartigen Raumes eher unsensibel bemächtigt. Seine Größe musste offenbar klein gemacht werden, weil er von diesem eher kleinen Theater nicht bewältigt werden konnte, sowohl gestalterisch als auch schauspielerisch. Es wurde versucht, diesen wilden Industrie-Raum für eine Event-Kultur beherrschbar zu machen. Auf Borchertsche Weise in Münsterschem Stil glatt zu kultivieren, einzupassen und für sich selbst zu vereinnahmen. Die Münsteraner Presse beschrieb für Kunstkenner sichtbare Mängel allerdings eher positiv: „Das Ensemble bemächtigt sich des Gasometers, als gehöre es hier immer schon hin. Sein diszipliniertes, voluminöses Sprechen, das wunderbar trägt, Licht, Bilder, Kostüme: Alles passt.“ (MZ)

Wieviel Respekt und Achtung hatte man eigentlich für diesen besonderen Ort Gasometer und seine bizarre Ästhetik, einen faszinierenden Grenzort zwischen Wildnis und Zivilisation? Seine Stilllegung hat über Jahre hinweg zu einer speziellen Kultur der Brache geführt. Geprägt von einer abgeschirmten und auch abschreckenden Ästhetik zwischen Zäunen, Stacheldraht, Graffiti und einer dornröschenhaften Eroberung durch Pionierpflanzen. Es wirkte hier durch die Besonderheit des Ortes selbst schon eine zauberhafte Atmosphäre. Hier erwartet man von „künstlerisch gestaltenden Menschen“ eine besondere Achtsamkeit und einen respektvollen Umgang, der diese spezielle Ästhetik des Ortes im „leeren ungestalteten Zustand“ ernst nimmt und sie organischer als Träger für eine Inszenierung im Sinne des Ortes einsetzt. Dafür muss man Augen und auch Seele haben. Wer von der besonderen Schönheit und Aura berührt war, konnte eigentlich nicht mehr mit einem dickem Pinsel drüberwegstreichen.

In der Borchertschen Raum-Vorstellung aber schien dieser Ort, der sich selbst überlassen war, unter ästhetischen Gesichtspunkten eher unter „ungestaltete Verwahrlosung“ zu fallen. Deshalb brauchte man gestalterisch auch wenig Rücksicht darauf nehmen? Hier setzte sich ein Event-Marketing durch, das diesen Ort für eigene Werbe-Strategien zielsicher plakativ vereinnahmt hat. Dazu wurde selbst der Mond werbend übergroß ins Gestänge des Gasometers gesetzt, weil er sich als Bild so romantisch schön machte. In einem fortlaufenden Prozess von Bemächtigung wurde so wunderbar Unangepasstes in einen, von inflationär eingesetzten bunten Stadt-Licht-Inszenierungen her bekannten, banalen Schauplatz von Event-Kultur verwandelt. Der Raum für Münsteraner Bürger im Sinne Borchertscher Interessen ästhetisiert, seiner Wildheit entrissen und gezähmt? Es ging hier wohl eher darum, ihn für sich selbst möglichst spektakulär auszubeuten für eine Oberflächen-Kultur des schönen Scheins, die auf Selbstdarstellung und Repräsentation aus ist und dazu immer wieder neue Kulissen für die eigene großartige Selbstinszenierung braucht. Die dafür „passende“ Ästhetik, ließ sich als ein Amalgam zwischen Weddingplaner und Saunaanlage verorten. Der Umgang mit diesem imposanten Ort wirkte eher naiv, als glaubte man ernsthaft daran, sich den eisernen Raum mit Tüll, Holz, Nebel und viel buntem Licht gefügig machen zu können. Den Besuchern wurde schon beim Einlass die Möglichkeit einer ganzheitlichen  Sicht auf den Raum nach oben durch weiße Tunnel verwehrt. Die gewohnte Enge einer Borchertschen Theater- und Raumerfahrung mag zu diesem Handling geführt haben. Schließlich ging es ja um Hochzeit. Da musste alles schön passen. Was nicht passte, wurde passend gemacht. Verschönerungen und Verkleinerungen nahmen den Blick auf den spröden rostigen Raum, der von sich aus eigentlich eine wunderbare Arenabühne bildet: Ein traumhaft gegebenes Theaterrund. Bereit für seine Würdigung durch eine „unangepasste“ raumbezogene Inszenierung, die ihn in seiner faszinierenden Ausstrahlung wahrgenommen und anerkannt hätte. Eine Arenabühne hätte aber wohl erst recht zu hohe Ansprüche an Schauspiel und auch Inszenierungskunst gestellt, um dieses weite offene Rund qualitativ zu füllen. Die erforderliche Präsenz und darstellerische Qualität war mit teilweise eingeschränkten personellen Möglichkeiten wohl nicht zu leisten. Es fehlte insgesamt am räumlichen Einfühlungs- und Vorstellungsvermögen, die Qualitäten dieses außergewöhnlichen Ortes auch künstlerisch zu füllen. Dieses Vermögen sollte man aber schon haben, wenn man sich einen solch anspruchsvollen Ort für sein Spiel aussucht. So wurde ein eigentlich von sich selbst aus grandioser Spiel-Raum optisch und auch darstellerisch durch so manchen Hochzeits-Firlefanz eher gestört.

Den Bühnenraum vor der exklusiven – auch leider teilweise übertünchten – Eisenwand dominierte die Anmutung einer bunt erleuchteten Saunalandschaft mit Pool, in einer mit Büschen in schwarzen Plastiktrögen ausgestalteten Gartencenter Außenanlage unter Wasser. Und mitten drin erhob sich, ein in weißes Flies gehüllter Baum, der farbig erleuchtet war. Drumherum dampfte dauerhaft röchelnd die Nebelmaschine wegen der ständig bemühten Zauberwald-Romantik. Die sich schon wegen der Kälte nicht einstellen wollte. Und … Entschuldigung, wenn dann eher unbeholfene Elfen in fürchterlichen weißen Shorts und amerikanischen Werbeverkäufer-Kappen über die Saunadielen trampelten, verging auf einen Schlag jede Illusion. Immer wieder taperten sie, wie bei einem schlechtgemachten Schülertheater, jeden Hauch einer zauberischen Vorstellung desillusionierend, über endlose palettenartig zusammengefügten Laufstege. Wenn dann auch noch viele der Schauspieler mit ihrer Stimme den Raum nicht füllen konnten und trotzdem keinerlei technische Verstärkung eigesetzt wurde, um die großen stimmlichen  Unterschiede zwischen einzelnen Schauspielern auszugleichen, musste man an der Kompetenz der Regie zweifeln. Trotz immer wieder auch gelungener Zwischenspiele der Zettelschen Schauspieltruppe, die noch am ehesten Shakespeare auf die Bühne brachte, besonders am Ende beim Hochzeitsbankett, ging dieser kalte Sommerabend insgesamt künstlerisch baden. Vieles blieb schauspielerisch an der Grenze einer Münsterländisch entzauberten Hochzeits-Feier mit partiellen Mummenschanz Ambitionen. Seltsam aufpoliert, überdreht und deplatziert unter weißen Event-Zelten vor rostig eisener Fassade. Klein und bürgerlich. Piefig. Harmlos. Aufgesetzt. Hölzern in einem dafür unpassenden Raum, den man versucht hatte, sich durch Hochzeitklischees gefügig zu machen. Den man zwar damit für das eigene Spiel kleiner und verfügbarer gemacht hat aber dennoch nicht in der Lage war, ihn auch großartig zu bespielen. In die schwindelnde Höhe des Raumes ist alibimäßig auch nur ein kleiner Schauspieler gelaufen. Verschenkt. Was hätte inszenatorisch allein schon hier oben, im Gestänge des Gasometers alles stattfinden können!

Der Raum war wohl einfach zu groß für ein kleines Theater. Das ist vielleicht kennzeichnend für diese Inszenierung: Vieles sollte groß wirken und wurde eher klein gespielt! Manche Szenen wirkten, wie aus einem eher kleinbürgerlichen Bewusstsein für Münster heraus irgendwie gewollt spektakulär und provokativ gemacht: Besonders die Schlamm-Catch-Szenen der miteinander um Liebe ringenden Frauen, Helena und Hermia, sowie auch Titania im Pool, die vom angezettelten Esel oder angeeselten Zettel gevögelt wurde. Nach dem Motto: Ficken im Pool kommt richtig cool? Irgendwie auch eher selbstentlarvend: Bei schmutzigen Spritz-Szenen sollten Zuschauer gegen mögliche Schlamm-Flecken mit einer Folie geschützt werden. Die Hochzeitsgäste sollten nicht versaut werden. Wagemutig und grenzwertig dann aber, wie lange durchnässte Darsteller bei dieser Kälte weiter gespielt haben. Insgesamt wurde eher ein biederes neckisch naives Verwirrspiel gegeben, im verklemmten Charme der 70er für verdrehte Liebes-Paare unter Oberons verzaubertem Einfluss, der allerdings erotisch mit blanker Brust und auch mit präsenter Stimme zu überzeugen wusste.

„Nicht kleckern sondern klotzen.“ Nach diesem Motto hat sich das Wolfgang Borchert Theater dieses Industrieraums für seinen Traum vom großen Theaterzirkus bemächtigt. Als wollte man aus dem engen Zimmer mit aller Macht herauskommen. Bewegt hat man in der Tat viel. Auch an Mitteln, um etwas Großes zu machen. In Stadt und Land. Man hat auch gut getrommelt. Und viel Resonanz bekommen. Man hat, draußen vor der Tür,  richtig gut Theater gemacht. Jedoch eher außerhalb der Bühne. Drinnen, wo es drauf ankommt, auf den Sauna-Brettern, die eben leider nicht die Welt bedeuten, leider kein richtig gutes. Darüber können auch am Ende tausende von Zuschauern nicht hinwegtäuschen. Es war eher ein kleines Spektakel in einem viel zu großen Raum. Aber groß angelegt und geschickt beworben. Es ist sicherlich ein cleverer Marketing-Coup gewesen, der vorab bildhaft groß mit Ort und Shakespeare spekuliert hat und mit immenser Werbung ein zu diesem Spektakel passendes eher theaterfernes Event-Publikum angelockt hat. Es war aber kein hochrangiges Theaterereignis, wie es die hohen Zuschauerzahlen vermuten lassen.

Dieser einzigartige Ort einer seltenen Münsteraner Industriekultur wurde in seiner großartigen Arena-Struktur durch eine Inszenierung in Wedding-Planer Ästhetik eher kleingespielt. Angelegte Offenheit und Größe eines wunderbaren Raumes trafen auf theatrales und gestalterisches Klein-Klein. Das konnte nicht richtig gut zusammen gehen. So wartete man fröstelnd, den viel zu langen, zweieinhalb Stunden dauernden Premieren-Abend vergeblich auf einen richtig heißen Aufguss. Der kam aber nicht. Es blieb eher lauwarm bis kalt. Auch ein spektakuläres, für Anwohner offenbar eher belästigendes, Feuerwerk riss es am Ende nicht raus. Da gibt es bessere in Münster. Hinter den Kulissen hörte man dann auch den Kommentar: „Das war Titanick für Arme“.

Münster.10.7.2012

http://www.sommernachtstraum-muenster.de/

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