„Fundament“ von Jan Neumann, Städtische Bühnen, Münster

Jürgen Lemke

„Huppsala“, das bürgerliche theatrale „Fundament“ in Münster droht zu wackeln. Aber nur ganz leicht. Angesichts einer Katastrophe. Keine Angst. Eines bleibt sicher in dieser Stadt. Bei den Städtischen Bühnen Münster wird auch weiterhin mit aller Kraft am Fundament festgehalten: Ein Schauspieler darf nicht aus der Rolle fallen.

Grundsätzlich fragt das zeit- und gesellschaftskritische Theaterstück „Fundament“: Was macht heute eigentlich noch Sinn? Woran können wir glauben, angesichts all dieser unfassbaren Katastrophen in der Welt? Was können wir selbst tun? Ist unsere Einstellung zur Welt in Ordnung? Können wir Haltung verändern? Welche Rolle spielen wir im Leben?

Wir schauen an diesem Abend in eine blaue Bühnenkulisse, die aussieht wie ein Münsterländisches Wolkenkuckucksheim, das gerade renoviert wird. Oben schön, am Boden chaotisch. Malen wir uns eine schöne Kulisse? Aus Himmelblau mit weißen Schäfchenwolken? Wir malen uns in Münster die Welt so richtig schön. So sieht es aus. Für die Schauspieler sind als Malort für das Eigene weiße Flecken im Blau ausgespart. Hier und bitte nur hier dürfen sie blau malen. Aber bitte nicht kleckern. Das Fundament ist mit Folie geschützt. Trotzdem. Viele Eimer mit blauer Farbe. Dicke Pinsel. Alles auf der Bühne scheint einzuladen zur einem großen impulsiven Action-Painting. Doch es bleibt verhalten. Vorsichtig. Zaghaft. Niemand schwingt den großen Pinsel. Klatscht Farbe an die Wand. Es dominiert überwiegend der Eindruck von, wie ausgestellt agierenden Schauspielern, die zumeist zaghaft Pinselstriche oder Verklebungen am Bühnenbild versuchen und prosaisch ihren umfangreichen Text aufsagen. Dieses etwas langatmige zäh dahin erzählte Bild beherrscht das Episoden-Stück, darüber können auch keine witzig provokativen Anal-Druck-Körperanimations-Übungen, eine esoterische Therapie-Beichte oder einige weitere intensiv vorgetragenen Monologe hinwegtäuschen.

Wir erleben fünf Darsteller angesichts einer Katastrophe, einem Sprengstoffanschlag im Stuttgarter Hauptbahnhof, miteinander episodenhaft im Rückblick verknüpft. Einen Frührentner, der in einem Zugabteil über seine erfolglose Sinnsuche monologisiert. Eine junge Frau, die an einem esoterischen Malkurs per Beichte ihre Eheproblem-Blockaden lösen will, einen Werbemanger, ein etwas hohler Gutmensch, der schließlich von einer Explosion zerfetzt wird. Eine weitere Frau, die bei ihrem eigenen Tod genauso wenig in der Lage ist zu empfinden, wie bei dem Tod ihres Vaters und einen Studenten, der nicht weiß, wofür oder wogegen er demonstrieren soll. Nach etwas mehr als zwei Stunden – 40 Minuten länger als die Inszenierung des Stückautors Neumann – meist zäh erzählter Aufführung, rebelliert dann allmählich der eigene Hintern, der weg will vom harten Stuhl. Auch wenn ich kurzeitig aufgerüttelt werde, vom wortreichen Ausbruch des Studenten Benjamin Ullrich: „Die größte Scheiße ist, dass ich nicht weiß, gegen welche Scheiße ich jetzt was machen kann…! Nachdem er seinen WG-GenossInnen gleichsam minutenlang die Büchse der Pandorra, gefüllt mit allen Übeln dieser Welt, vom Verschwinden der Arten über die Atombombe bis hin zur Todesstrafe um die Ohren gehauen hat. Unterhaltsam und witzig ist sicherlich auch die Beichte einer jungen Frau über ihre gescheiterte Ehe bei einer Maltherapie: „Blockaden lösen durch Malen auf Stoff“. Die allerdings mit sämtlichen Klischees einer unseriösen esotherisch angehauchten Therapie untermalt wird.

Was bleibt als Resümee? Glaube, Sinn und Hoffnung im Kapitalismus, alles verloren? Was kann uns heute noch erschüttern und wachrütteln? Nur ein zerstörendes Sprengstoff-Attentat? Abhalten von einer ständigen Suche nach der Blauen Blume? Ohne Romantik? Alles hohle Phrasendrescherei? Das Transparent für die Demo gegen Alles bleibt jedenfalls am Ende leer. Der passende Spruch gegen das Elend dieser Welt will sich einfach nicht finden lassen. So schütten wir uns dann am Ende blaue Farbe über den Kopf und warten auf ein exzessives Trommeln der Blue Man Group…?

Fundamentale Erkenntnisse aus diesem Theater ergeben sich an diesem Abend – eher unbeabsichtigt – zwischen den Zeilen. Durch „reale“ Ausrutscher, geschuldet den Unbillen einer widerspenstigen Materie. Dem wirklichen Blau. Dann nämlich, wenn die Schauspieler drohen, auf der Farbe rutschend aus ihrer Rolle zu gleiten. „Huppsala“ sagen einige Schauspieler peinlich berührt vor lauter Schreck, wenn sie in der verkleckerten blauen Farbe schlittern und ganz unverhofft aus dem Tritt geraten. Als wirke jetzt unmittelbar ein reales Schreckgefühl. Plötzlich und unkalkuliert passiert etwas Unerwartetes. Endlich Irritation? Lebendigkeit. An diesen Stolper- Stellen könnte hier und jetzt wirklich eine Katastrophe geschehen. Eine winzige Grenzerfahrung. Spannend und erkenntnisreich für alle. Nicht erkannt. Darf nicht sein! Himmel hilf! Ein Schauspieler droht zu stürzen und schlägt einfach lang hin! Fällt damit aus der Rolle. Liegt möglicherweise am Boden. Bleibt vielleicht sogar liegen. Von einem Gefühl, einer wirklichen Erfahrung, überwältigt. In Schreckstarre. Oder weil er vielleicht sogar auf den Kopf gefallen ist. Sich nun den Schädel am Fundament gestoßen hat. Ganz unabsichtlich. Wie peinlich! Soetwas darf nicht passieren! In Münster bei den Städtischen Bühnen. Beim Zuschauer kommt an: „Huppsala, das wäre jetzt schrecklich peinlich!“ Dieses bürgerschrecklich irgendwie verklemmte Unwort „Huppsala“, entschuldigt schon im Vorfeld den möglichen Ausrutscher. „Huppsala, dann wäre es doch nicht ganz so schlimm…! „Huppsala“, jetzt kennen wir dich, du blauer Feind. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Nein. Die bürgerliche Sturz- und Schlittergefahr bleibt. Da kann passieren was will. „Huppsala“! Liegt hier eigentlich immer noch ein fundamentaler Unterschied in der Theaterauffassung einer „Freien Theaterszene“ und den Städtischen Bühnen? Oder hören wir dieses Wort demnächst auch im Theater im Pumpenhaus oder bei Theater Titanick?

„Ich habe keine Angst!… Nein, ich habe keine Angst…“, beteuert die junge Frau vehement bei ihrer Therapiebeichte. „Doch, alle Menschen haben Angst…“, sagt der Mal-Therapeut.  Da ist es ja endlich, ein „Huppsala“ als wirklicher Gefühlsausdruck eines Schauspielers, der Angst hat zu fallen. Kennzeichen für einen möglichen peinlichen Vorfall auf der Bühne. Der Schauspieler verliert seine Haltung. Die Rolle, als Schutz-Larve, der wirklichen Persona löst sich auf. Na endlich…? Im Grunde zeigt sich im Umgang mit „Fundament“, unter der Regie von Eva Lange, eine eher bürgerliche Auffassung von Theater. Eine irgendwie verklemmt piefige Haltung, die mich oft schon in der Pause aus vielen Theaterstücken des Münsteraner Schauspiels aus den Bühnen getrieben hat. Sie zeigt sich in dem Vorab-Entschuldigen eines möglichen Ausrutschers oder Fehltritts. In der Auffassung, man dürfe auf der Bühne nicht ausrutschen! Den Boden, das Fundament, die Fassung verlieren, geschweige denn aus der Rolle fallen. Gerade ein „bewusster“ existenzieller Grenzgang, der das Risiko eines Scheiterns eingeht, könnte wirklich zu neuen, vielleicht auch fundamentalen Erkenntnissen führen. Den ist der Autor und Regisseur Jan Neumann damals bei der Entwicklung dieses Stücks in Stuttgart mit seinen Schauspielern gegangen. In Münster scheint man nicht verstanden zu haben, was Schauspielertheater bedeutet? Als gelte fundamental ein Gebot von Zurück-Haltung und Zwanghaftigkeit? Mit großem Pinsel wird klein gemalt? Nicht der großzügige exzessive Schwung des Pinsels, die sich befreiende Geste und eine explodierende Farbe sind zu sehen. Als gäbe es hinter dem Bühnenbild ein rotes Warnschild: „Achtung, liebe Schauspieler! Bitte Vorsicht beim Malen mit blauer Farbe. Unser Bühnenbild soll auch noch bei einer Wiederaufnahme möglichst ohne Flecken bleiben! Passt bitte auf. Das wirkliche Blau ist rutschig. Ihr geht auf dem Fundament eigenes Risiko. Wir haben dafür keine Versicherung. Bewahre stets Haltung auf der Bühne. Das ist hier erste Bürgerpflicht. „Der Bühnenschutz“  Wir selbst sind Katastrophe?

Münster. 25.06.2011

http://www5.stadt-muenster.de/theater/detail.cfm?id=Fundament&v_link=spielzeit

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