„Meinstream“ von Susanne Linke, Städtische Bühnen, Münster

Jürgen Lemke

Nicht „Mainstream“ sondern „Meinstream“. Nicht den Hauptstrom, dem die Massen folgen sondern ihren individuellen Bilderfluss, ihre Auffassung von Tanz, inszeniert die Choreographin Susanne Linke. Ein letztes Ausrufezeichen für eine besondere Tanztheater-Auffassung in den Städtischen Bühnen Münster. Ihr persönliches Abschiedsgeschenk an den nun scheidenden Tanztheaterleiter Daniel Goldin?

Das Kleine Haus der Städtischen Bühnen Münster ist in der Mitte geteilt von einem antik anmutenden PVC-Tanzteppich in Steinoptik. Rechts und links, wie bei einer Modenschau, hier allerdings am ebenerdigen Laufsteg, sitzen dicht aufgereiht die Zuschauer. Auf diesem biederen Pflaster, das eher „kleine Welt“ bedeuten könnte, entfaltet Susanne Linke eine eigenartig bizarre und irritierende „Tanz-Show“. Zum Berühren nah und zugleich auch unnahbar distanziert, schreiten in überheblichen Posen immer wieder innehaltend, opulent geschmückte, narzisstisch barocke – männliche, weibliche – androgyne Eitelkeiten. Begegnen cool zurechtzupfenden Eingriffen eines schulmeisterlich wirkenden Garderoben-Meisters an ihrer eher schon objekthaften Kleidung, der den Dress-Code für die Tänzer zu definieren scheint. Es eröffnen sich vielfältige Assoziationsfelder für eine Wahrnehmung innerer und äußerer Bewegungen und Haltungen: Stolzieren. Schreiten. Präsentieren. Vorführen. Posieren. Zurschaustellen. Dressieren. Zurichten. Entkleiden. Provozieren. Brüskieren? Erleben wir hier Dress- oder eher Dressurakte? Eingriffe in persönliche identitätsstiftende Erscheinungsformen? Intime An- und Auskleiderituale? Kleider machen Leute? Geht es um schöne Verpackungen? Um ästhetische Oberflächengestaltungen? Anlassbedingt wechselndes Drüber und Drunter? Vexierspiele zwischen Außen und Innen? Sichtbaren Ausdruck von Veränderung äußerer oder innerer Wandlungen? Gender Mainstreaming? Anerkennung von Unterschiedlichkeit? Hinwendung zu Gleichartigem? Mann wandelt sich zur Frau? Androgyne Grundhaltungen?

„Meinstream“ arbeitet offenbar grundlegend an diesen Erscheinungen über eine phänomenologische Auseinandersetzung mit den Themen Individuum und Masse, inszeniert mit künstlerischen Mitteln, die vom Ausdruckstanz einer Mary Wigman bis zum inzwischen schon eher „klassischen“ Tanztheater reichen. Wir erleben eine tänzerzentrierte choreografische Arbeit mit präzis gesetzten szenischen Elementen auf der Grundlage einer experimentellen analytischen Bewegungs- und Körperarbeit. Im Gegensatz zu Pina Bausch, die eher mit biografisch generierten Texten der Tänzer gearbeitet hat, setzt Linke Wortfragmente des russischen Dichters Daniil Charms sowie Klänge gezielt mit ein. Susanne Linke stellt in ihrem Stück gleichsam soziographisch Grundfragen an Verhaltensweisen von Individuum und Gruppe, die sie ästhetisch bildhaft und rhythmisch in individuelle und gemeinsame Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer umsetzt. Schwimme ich als Individuum mit im Schwarm oder breche ich aus? Synchronisiere ich mich besser als Einzelner mit Anderen? Passe ich mich an oder wage ich eigenes? Wie zeigt sich Persönlichkeit? In meiner Haltung, in meinen Bewegungen, in meinem Outfit? Wie bewege ich mich allein, wie in einer Gruppe? Wie unterscheide ich mich von anderen? Durch meinen Namen, meine individuelle Haltung, Mimik, Geste, Pose? Anhand meiner Kleidung? Wie werde ich Teil einer Gemeinschaft? Erzogen, ausgerichtet, abgerichtet, genormt, ja vielleicht auch dressiert? Angepasst an Verhaltens-Normen von Gesellschaft? In Haltung und Kleidung? In Bewegung und Verhalten. Ausgangspunkt für die Tänzer war unter anderem die Aufgabe, den eigenen Namen mit den Mitteln des Tanzes darzustellen und auszudrücken. Kann der ehemals „formal zugewiesene Name“ zum Stifter von Identität werden?

In der Choreografie wirken die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer eher abstrakt, formal, seltsam übernatürlich, ja unpersönlich. Als seien Gesten von ihrer emotionalen persönlichen Füllung befreit. Wir erleben keine emotionale Gesten wohl aber eine Verallgemeinerung, eine Abstraktion, eine Art Anonymisierung in den Bewegungen. Wie entstehen individuelle Bewegungsmuster und Ausdrucksformen? Die allerdings eher an die nach Außen hin darstellbare abstrakte Form gebunden scheinen. Nicht an Gefühlen, an Emotion. Wie sind Bewegungsmuster, an formaler Identität, an spezifische Bewegungen geknüpft? Es geht offenbar nicht um persönliche, um emotional begründete Gesten als Ausdruck für eine innere Bewegung. Es geht eher um ihre Abstraktion, um eine innere Distanzierung, wie um etwas wegzulassen, das überflüssig scheint, um zu einer Klarheit zu gelangen. Auf dem Laufsteg zeigen sich diese Phänomene in immer wieder wechselnden Bildern. Tänzer, die sich einzeln bewegen.Tänzergruppen, die gemeinsam, synchron tanzen. Gleichklänge herstellen im gemeinsamen Rhythmus. Einzelne Tänzer lösen sich wieder daraus in eigener Bewegung. Die Zuschauer erleben ein sich ständig wandelndes fluktuierendes bewegtes Spannungsfeld immer wieder neuer Konstellierungen. Wort und Klangfetzen eröffnen hierzu weitere Assoziationsfelder. Es scheint, als gehe es in der Inszenierung um den Moment, um den intensiven Augenblick, um ein sich darauf einlassen. Um Grundfragen. Anpassen oder Eigenes wagen? Drin sein oder draußen? In und Out? Gemeinschaftliches Handeln und bewegen erzeugt stärkere Bilder, eindringlichere  energetische Muster nach außen. Der Einzelne wird weniger wichtig. Wie wirkt ein anderes Empfinden im Gleichtakt, in Resonanz mit anderen? Aufeinander reagieren, miteinander schwingen… allein und zusammen?

Diese Flut bewegender Bilder will sich nicht unmittelbar einem Münsteraner Mainstream-Publikum erschließen, das vielleicht eher gewohnt ist, eine eindeutige Erzählstruktur in der Aufführung zu erkennen,  um ihr folgen zu können. Die Suche nach dem roten Faden, muss sich hier entlang eigener Assoziationen an vermeintlich offenen Strukturen entwickeln, die choreographisch allerdings exakt und analytisch klar gesetzt sind. Es geht hier für die Zuschauer in Münster eher darum, sich auf eine ungewohnte Tanzsprache einzulassen. Sich von einem rhythmischen Strom klar gesetzter fremdartiger Bilder faszinieren und berühren zu lassen, ohne sofort verstehen zu wollen. Hier treffen experimentelle, bewusst irritierende Ansätze zeitgenössischen Tanztheaters auf vielleicht auch traditionelle Erwartungshaltungen und Seherfahrungen von Zuschauern. „Meinstream“ kann man nicht verstehen ohne sich intuitiv auf einen ungewohnten fremden Bild,- Wort, und Klangfluss einzulassen, der sich nicht unmittelbar in seiner Bedeutung erschließt. Wer den roten Faden nach Art einer Erzählung sucht, wird hier Probleme haben zu folgen. Wer sich jedoch auf ungewöhnliche Bilder und eigene Assoziationen einlassen kann, wird fasziniert und überrascht, durch immer wieder neue Sehereignisse und durch wunderbare Vielfalt.

„Meinstream“ ist ein besonderer Tanzabend, eine Reminiszenz an ein inzwischen „klassisch“ gewordenes Tanztheater, das in den Städtischen Bühnen Münster unter dem neuen Tanzchef aus dem Münchener Gärtnertheater in dieser Form wohl eher nicht mehr zu erleben sein wird. Tanztheater, dann verstanden als eine Querschnittsaufgabe im Theater Münster, auch als eine Art Dienstleistung für Musical und Operette, lässt kein eigenständiges Profil erwarten. Zu befürchten steht, wie in München schon praktiziert, ein Tanzen eher im „Klein-Gärtner“ Stil? Mit einer ballettorientierten Auffassung und Ästhetik, die in ihrer gekünstelten farbschreienden auch verklemmten Retrohaltung eher in den 50er und 60er Jahren zu verorten sein wird? Rückwärtsgewandt bis hin zu absolutistischen Hofkünsteleien? Wird sich folglich „Spitze“ im zukünftigen Tanzbereich eher über altbekanntes Leiden definieren? Für Zuschauer und Akteure auf eigene Art? Um sich mit barocker splendider Leichtigkeit aus irdischer Schwere gen Himmel zu erheben, muss ein zarter Mädchenfuß nach althergebrachter höfischer Art von klein auf recht fest eingeschnürt werden. Weibliche Natur wird so lange Zeit klein-mädchenhaft gehalten, angepasst und zu „leichter schwereloser Bewegung“ gezwungen. Ohne Drill, Schmerz und Dressur kommt man eben nicht nach oben in den Himmel? Ach, wie erschreckend „herrlich“ diese Aussicht, wieder wie in alten Zeiten, im städtischen Theater als moralischer Zuchtanstalt, beobachten zu können, wie schön abgemagerte Mädels mit Dutt sich beherrschen können und ohne eine Mine zu verziehen in „Hupfdohlen“ Manier leicht und schwerelos im Tütü über die Bühne trippeln? Dem Himmel ganz nah? Welch zweifelhafter ästhetischer Genuss aus absolutistischen Zeiten auf bürgerlicher Bühne. Ballett und Bulimie? Um Gottes Willen. Münster steht auf Spitze. Lassen wir also bald die Puppen wieder richtig tanzen! Wenn ich daran denke, tut es jetzt schon weh.

Münster. 30.1.2012

http://www5.stadt-muenster.de/theater/detail.cfm?id=SusanneLinke&v_link=spielzeit

http://www.wn.de/Fotostrecken/Lokales/Muenster/Meinstream-im-Kleinen-Haus

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