„Tourniquet“, Abattoir Fermé, Theater im Pumpenhaus, Münster

Jürgen Lemke

Es beginnt mit einem sphärischen, unbeschreiblichen Geräusch in völliger Dunkelheit: schwirrend schabend, irgendwie rotierend, schleifend, seltsam überirdisch. Kommt es vom Band? Soetwas kann man doch nicht live auf der Bühne produzieren? Eine lange Phase Dunkelheit, in der man nichts sehen kann, keinen Schimmer hat, was auf der Bühne passiert, fordert auf, genau hinzuhören. Faszinierend. Ich sitze zu weit oben, um Aktionen auf der Bühne einschätzen und zuordnen zu können im undurchdringlichen Dunkel. In der ersten Reihe wird man den Luftzug mitbekommen haben. Als es allmählich heller wird, wird deutlich, wie das Geräusch entsteht. Ein nackter Mann schiebt in hoher Geschwindigkeit eine an einer Seite fixierte alte Holzplanke auf Rollen im Kreis über eine quadratisch angeordnete Fläche loser Fliesen. Das erzeugt dieses unwirkliche Geräusch.

Das Bild eines monoton im Kreis laufenden Tieres mit verbundenen Augen, beim Betrieb einer Wassermühle drängt sich auf. Der Mann trägt eine rotblonde langhaarige Perücke, die ihm in Verbindung mit seinem maskenhaften weiß geschminkten Gesicht die Anmutung eines steinzeitlichen Jägers gibt. Er sieht aus wie der Hordenführer aus dem Film „Am Anfang war das Feuer“. Im Bühnenhintergrund steht ein kleiner untersetzter Mann mit einer eher clownesk servilen Ausstrahlung, auch er ist nackt. Sein Gesicht weiß geschminkt, rote Lippen. Die ungewohnte kompromittierende offen zur Schau gestellte Nacktheit schafft eine erotisch aufgeladene Spannung. Bei allem selbstverständlich scheinenden, ästhetisch professionellen Umgang mit Körperlichkeit. Die fortwährende musikalische Begleitung durch eine hypnotische Musik von Krenk tut ein übriges zur Dramatisierung banaler aber ungewöhnlicher Handlungen.

Direkt vorne auf der Bühne sitzt eine Frau mit rotblonden Haaren lasziv in einer Badewanne und wäscht sich. Sie steht langsam auf, trocknet sich ab. Geht nach hinten. Zieht sich posenhaft, wie ausgestellt schwarze Nylons, Strapse, ein schwarzes Kleid, weiße Pumps an. Die Männer gehen immer wieder in den Bühnenhintergrund und holen nacheinander Kleidungsstücke. Sie ziehen ein weißes Hemd an, binden einen schwarzen Schlips, schwarze Hosen, schwarze Socken, Schuhe. Der Steinzeittyp schaut dabei immer wieder aggressiv ins Publikum. Der Dienertyp verwechselt die Schuhe. Es soll wohl komisch wirken.

Die Akteure arbeiten stimmlos, ohne Geräusch, ohne jede sprachliche Verständigung und auch mit einer zurückgenommenen fast übermenschlichen maskenhaften Mimik. Seltsam fremd und auch emotions- und kontaktlos. Alle Aktionen und Handlungen wirken klar und präzise gesetzt, ästhetisch kalkuliert und durchkomponiert. Auf ein notwendiges Minimum reduziert, von allem Überflüssigen entkleidet. Immer wieder wird zwischendurch verbergend und annonymisierend weiß gepudert: die Gesichter und auch die Scham…

Was wird in diesem sich andeutenden Grenzgang, im eher an der bildenden Kunst orientierten performativen Experiment zwischen einem Orgien-Mysterien Spiel von Herrman Nitsch oder auch einer Performance von Marina Abramovic zwischen zwei Männern und einer Frau passieren? Wie weit werden sie hier auf der Bühne gehen bei ihren Ritualen zwischen Sex, Macht und Opferspiel im Dienste eines gleichsam kultisch inszenierten Kontextes?

Das ungehobelte Baubrett wandelt sich nun mit einem roten Tuch zu einer Art Bar. Zwei Gläser werden aufgestellt. Große pantomimische Gesten, wie aus alten Stummfilmen, um das Glas leiten ein Trinkritual ein. Der „Diener“ ergreift die Flasche und schenkt ein Glas Wein nach dem anderen ein. Nach und nach werden zügig drei Flaschen leer getrunken. Als würde nun der Alkohol seine enthemmende Wirkung tun, entgleist das Ritual allmählich. Die Frau wird nun übergriffig, nicht der Mann. Sie zerrt erst an seinem Schlips, dann an seiner Hose, gibt eindeutige auffordernde Paarungs-Signale. Er fängt an sich auszuziehen. Auch sie öffnet ihr Hemd, sodass eine Brust sichtbar ist. Zieht ihren Rock hoch, entblößt provozierend ihren Hintern, streckt ihm dem Mann entgegen, bietet sich an. Der reagiert aber nicht sondern sinkt schließlich betrunken zu Boden. Die Frau wendet sich nun dem anderen Mann zu. Auch dort gibt es nicht die gewünschte Reaktion. Jetzt wendet sie sich wieder dem Jäger zu. Doch gegen jede aufgebaute Zuschauer-Erwartung kommt es nun nicht zum wilden vereinigenden archaischen Geschlechtsakt, zum Vollzug dessen, was dramaturgisch aufgebaut scheint. Anstatt sich also rittlings auf den am Boden liegenden Mann zu setzen und ihn wild zu reiten, schließt die Frau dem Mann nur ganz banal, in einer kleinen Handlung den Hosenschlitz. Zipp und Zapp. Wie weit darf es auf der Bühne gehen?

Die Frau setzt sich auf das Brett. Der Jäger reibt seine Hände mit schwarzer Farbe ein und streicht ihr gestisch mit beiden Händen über den nackten Rücken. Zwei Wisch-Abdrücke bleiben in Höhe ihrer Schulterblätter. Sie fällt zur Seite. Liegt auf dem Brett. Sinkt schließlich zu Boden, bleibt dort liegen. Wird Frau nun Fleisch? Ein Schlacht-Opfer? Beide Männer ziehen sich jedenfalls mit großer dramatischer Geste weiße Schlachterschürzen und gewässerte Gummihandschuhe an. Sie entrollen eine dünne durchsichtige Plastikfolie, die als Material durch ihre Luftempfindlichkeit sperrig ist, sich bläht, eigene ungewollte Formen annimmt. Material muss gebändigt werden, gezwungen in die Form der Badewanne. Glatt gestrichen bildet sie schließlich das Bett, eine Zwischenhaut. Frau wird hochgenommen, als soll auch sie nun symbolisch gebändigt in diese Form gezwungen werden. Sie sperrt sich, stemmt sich mit Händen und Füssen zu einer Brücke über der Wanne. Der Steinzeitjäger nimmt schließlich weißes Pulver, wirft es ihr klatschend auf den Bauch. Das bricht ihren Widerstand? Sie platscht ins Wasser. Der Diener, wickelt Frau in Frischhalte-Folie. Die Folie in der Wanne wird aus einer Pressluftflasche aufgepustet. Frau steht abrupt auf. Folie wird Kleid. Alle drei tragen nun Masken. Frau rekelt sich lasziv auf dem Brett. Spreizt auffordernd die Beine. Mann dreht sie. Plötzlich nimmt Mann einen Stierschädel. Wird Mann nun Protagonist eines satanischen Rituals? Mann tritt zwischen ihre gespreizten Beine. Die Musik stoppt…

Geht es um performatives Handeln, um sich wiederholende Gesten, um alltägliche Rituale? Banale oder vermutete kultische Handlungen? Provokative Grenzüberschreitungen? Wir sehen Gesten des Einfüllens von Wein in Gläser. Gesten des sich Zuprostens. Betrunken werden. Ein Fallen von Hüllen und Fassaden? Enthemmt werden, geil werden, anzüglich werden, sich schön trinken, übergriffige Gesten, sich anbieten? Bewusstsein verlieren?… Geht so Mann und Frau?

„Abattoir Ferme“, das geschlossene Schlachthaus, lotet Grenzen des Theaters aus. Ein theatrales Spiel lebt von der Mimesis, von der Nachahmung, von der Aufführung einer Rolle. Persona versteckt sich hinter der Larve (Maske). Es ist und bleibt Spiel. Maskerade. Es ist nicht wirklich ernst? Es geht auch letztlich nicht tief genug? Ein Performancekünstler arbeitet als wirkliche Person. Die künstlerische Performance wirkt durch ihre Authentizität. Durch das Sein und die Präsenz des Künstlers vor Publikum. Das skurrile Spiel mit Nacktheit provoziert zwar eine andere Form von Präsenz in der theatralen Aufführung. Immer dann jedoch, wenn der nackte Körper gepudert also nachmaskiert wird, erkennen wir die Schnittstelle zwischen echt und gespielt. Durch die Tünche wird alles Tun auf der Bühne theatral, ästhetisch und moralisch abgesichert? Erträglicher aber zugleich auch banal für den Zuschauer? Kann die offene unabgesicherte Form einer künstlerischen Performance unmittelbarer und direkter herausfordern und wirklicher irritieren, indem sie Existenz auf’s Spiel setzt?

„Ein Tourniquet (frz. Drehkreuz, auch Aderpresse) ist ein Abbindesystem, durch das der Blutfluß in den Adern (abhängig vom Druck) gestaut werden kann.“ (Wikipedia)

Münster.12.05.2010

http://www.youtube.com/watch?v=X2Y1ew-3B0M&feature=related
www.abattoirferme.be

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